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Und der Zukunft zugewandt

Geschrieben von Peter Gutting am 1. August 2019

Es ist wahr: Zu oft liest man in letzter Zeit den Hinweis „Basierend auf einer wahren Geschichte“. In Bernd Böhlichs neuem Kinofilm fehlt dieser Hinweis, obwohl die Geschichte sehr wohl durch reale Personen und Fakten inspiriert ist. Mehr noch: Ohne das Wissen um den geschichtlichen Hintergrund drohen Fehlinterpretationen oder die Frage, was das Ganze soll nach all den Filmen, in denen die ehemalige DDR und der real existierende Sozialismus überhaupt als Unrechtsstaat dargestellt wurden. Dabei ist das neue Werk des sonst eher durch Komödien oder den Polizeiruf bekannten Regisseurs die sehr persönliche Geschichte einer Gruppe von Menschen, die noch nie erzählt worden ist.

Starkregen im sibirischen Workuta, dem berüchtigten Arbeitslager, 1952. Ein Mann kriecht mitten in der Nacht aus dem Bett des Massenlagers, schafft es bis zum Zaun, überwindet ihn, steht plötzlich in einem anderen Lager, wo die Frauen untergebracht sind. Er hat eine selbstgemachte Wollpuppe dabei, legt sie auf das Kissen seiner elfjährigen Tochter. Ein Geburtstagsgeschenk. Drei Jahre hat er Frau und Tochter nicht gesehen, obwohl sie ganz in der Nähe festgehalten werden. Die Puppe wird ein Abschiedsgeschenk werden. Denn auf dem Rückweg in seine Baracke wird der Mann erwischt und erschossen.

Die Szenenfolge hätte genauso gut in einen KZ-Film gepasst: das düstere Licht, die zerlumpten Gestalten, die sadistischen Aufseher. Die Inszenierung, mag sie noch so spannend sein, verleitet zu einem Missverständnis: dass man es mit einem Thesenfilm zu tun habe über die Gräueltaten des Stalinismus. Und doch braucht Regisseur und Drehbuchautor Bernd Böhlich diesen Schocker als Einstieg. Nur so lässt sich einigermaßen nachvollziehen, wer Antonia Berger (Alexandra Maria Lara), die Frau des erschossenen Mannes, ist. Wo sie herkommt, was sie durchgemacht hat. Und wie schwer es ihr fallen muss, über die mehr als zehn Jahre ihres Lebens, in denen sie von den eigenen Genossen gequält und eingesperrt wurde, zu schweigen.

Antonia ist Kommunistin, tief überzeugt von dem Glauben an eine bessere, gerechtere, glücklichere Welt. Ende der 1920er Jahre schließt sie sich der „Kolonne Links“ an, einer künstlerischen Agitprop-Gruppe, die mit Liedern und Sketchen Werbung für den Kommunismus macht. Aufgrund ihres Erfolges in Deutschland wird die Truppe zu einer Tournee durch die Sowjetunion eingeladen. Nach der Machtergreifung der Nazis entschließen sich viele, in Moskau zu bleiben. Aber dort führt Josef Stalin gerade das Terrorregime der „großen Säuberungen“ ein. Wer nicht gleich nach einem Schauprozess hingerichtet wird, kommt in den Gulag, ins Arbeitslager. Betroffen sind neben Millionen sowjetischer Kommunisten und bestimmten Volksgruppen besonders auch die vor den Nazis geflohenen deutschen Kommunisten, die unter absurden Anschuldigungen als Spione, Verräter oder Abweichler verurteilt werden.

Soweit die Vorgeschichte, die im Film nicht in dieser Ausführlichkeit, sondern nur stichpunktartig entfaltet wird. Die eigentliche Handlung dreht sich um eine Initiative der DDR-Regierung, aufgrund derer drei der weiblichen Häftlinge in den sozialistischen Teil Deutschlands zurückkehren dürfen. Antonia Berger, Susanne Schumann (Barbara Schnitzler) und Irma Seibert (Karoline Eichhorn) werden von Propagandasekretär Leo Silberstein (Stefan Kurt) mit großen Wohnungen, guten Jobs und hervorragender medizinischer Betreuung verwöhnt. Aber unter einer Bedingung: Sie müssen bei Androhung erneuter Haft unterschreiben, dass sie kein Wort über ihre Vergangenheit verlieren. Susanne ist empört: „Ich bin keine Genossin mehr“. Irma zögert. Antonia unterschreibt als erste, aber sie leidet genauso wie die anderen unter dem Leben in der Lüge.

Nicht alles ist eins zu eins so passiert. Aber real ist die Geschichte der Schauspielerin Swetlana Schönfeld und ihrer Mutter Betty Schönfeld. Von Swetlana hat der 1957 in der DDR geborene Böhlich erfahren, dass sie 1951 in einem sibirischen Arbeitslager geboren wurde. Ihre Mutter Betty hatte einmal für den späteren DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck gearbeitet und kehrte 1957 mit ihrer Tochter in die DDR zurück. Auch das Schicksal der „Kolonne Links“ ist verbürgt, selbst wenn es dort keine Antonia Berger gab.

Sehenswert an der eher konventionell inszenierten menschlichen Tragödie ist vor allem die schauspielerische Leistung von Alexandra Maria Lara. Wie eine lebendige Tote taumelt sie als Antonia durch ihr neues Leben, sagt meist kein Wort, gibt aber durch Blicke und Körperhaltung zu verstehen, dass sie stark genug ist, das neue Leben anzunehmen und dem Sozialismus eine Chance zu geben. Es ist ein innerer Widerstandsgeist, der sich lediglich in kleine Gesten und meist nur in den Augen äußert. Man mag die Motive und die Überzeugungen ihrer Figur nicht teilen. Schließlich war es im Jahr 1952 noch einfach, in den Westen zu gehen. Aber man kann sich der Würde nicht verschließen, die die Figur ausstrahlt. Und auch nicht dem Respekt, den sie verdient – so wie einige ganz reale Menschen der damaligen Zeit. Menschen, deren Schicksal kaum bekannt ist und filmisch noch nie aufgearbeitet wurde. „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“, lauten die ersten Zeilen der DDR-Hymne von Johannes Becher und Hanns Eisler. Anhand des Schicksals der Antonia Berger gewinnen die Worte noch einmal eine ganz andere, hochemotionale Wucht.

„Und der Zukunft zugewandt“ reiht sich ein in die jüngsten Versuche, persönliche Geschichten aus dem anderen Teil Deutschlands jenseits der Stasi- und Unrechtsstaats-Thematik zu erzählen. Mit dem Meisterwerk „Gundermann“ von Andreas Dresen sollte man ihn dennoch nicht vergleichen. Bernd Böhlich, der viel fürs Fernsehen gearbeitet hat, pflegt hier einfach einen anderen Inszenierungsstil: vielleicht ein bisschen hausbacken, aber spannend und emotional packend.

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Länge: 108 min

Kategorie: Drama

Start: 05.09.2019

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Und der Zukunft zugewandt

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 108 min
Kategorie: Drama
Start: 05.09.2019

Bewertung Film: (7/10)

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