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So wie du mich willst

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 6. August 2019

In ihrem letzten Film war das französische Ausnahmetalent Juliette Binoche noch als wahnsinnige Reproduktionswissenschaftlerin im Science Fiction Drama „High Life“ unterwegs, in ihrem neusten Werk scheint die Rolle nun wieder wesentlich geerdeter zu sein. Nun dreht sich nämlich alles um die Sehnsüchte einer älteren Frau, die nicht nur ihrem Freund hinterherspioniert, sondern dabei ganz nebenbei auch auf ihre große Liebe trifft.

Die 50-jährige Claire (Juliette Binoche) unterrichtet an der Universität, ist geschieden und hat einen etwa 18-jährigen Sohn. Während sie tagsüber mit ihren Schülern große literarische Werke zu analysieren versucht, trifft sie sich des Abends gern mit dem wesentlich jüngeren Ludo (Guillaume Gouix), was aber bestenfalls eine rein sexuelle Beziehung ist. Da sich eben dieser immer seltener meldet, versucht sie ihm auf Facebook hinterher zu spionieren. Kurzerhand erstellt sie sich das Profil einer 24-jährigen jungen Frau, doch da Ludo keine Freundschaftsanfragen annimmt, wendet sie sich stattdessen an seinen Mitbewohner Alex (Francois Civil).

Die beiden sprechen anfangs über belanglose Nebensächlichkeiten, lernen sich langsam kennen und schon bald scheint es bei beiden gefunkt zu haben. Während bei Claire längst vergessene romantische Gefühle aufkommen, hat sich Alex in eine Frau verliebt, die es gar nicht gibt. Schon bald möchte dieser Claire kennenlernen, doch wie stellt man das an, wenn man doch fast 30 Jahre älter ist? Schon bald überlegt sie sich unzählige Ausreden, verweist auf ihren eifersüchtigen Ex und ihren stressigen Job, doch Alex verreist Hals über Kopf, um seine Angebetete endlich zu sehen.

In den sozialen Netzwerken hat sich bereits vor langer Zeit ein Trend entwickelt, dass man sich möglichst interessant anderen gegenüber macht, auch wenn dies letzten Endes ein wenig am Wahrheitsgehalt zweifeln lässt. So stellt man sich kurzerhand als etwas jünger hin, schönt ein wenig die Hobbys, wodurch sich ein möglichst rundes Bild ergibt, das mit dem Menschen selbst allerdings nur noch wenig zu tun hat. Im Falle des Dramas „So wie du mich willst“ baut Regisseur Safy Nebbou dies sogar noch aus, denn neben den falschen Angaben und dem Fake Profil, dient dies alles nur, um den eigenen Freund auszuspionieren.

Natürlich ist dies moralisch  überaus verwerflich, wodurch der Zuschauer stets ein wenig auf Distanz zur Figur von Claire bleibt, kann man ihre Absichten doch nicht vollkommen unterstützen. Vielmehr gibt man sich dem gezeigten als stiller Beobachter hin, analysiert, zieht seine eigenen Rückschlüsse, nur um dann wieder alle moralischen Aspekte über Bord zu werfen, steht hier doch im Grunde die Liebesgeschichte im Mittelpunkt. Diesen moralischen Ansatz hat Safy Nebbou hier aber auch gar nicht verfolgt, denn als Frage steht vielmehr eine ganz andere im Raum, die ähnlich komplex hinterfragt werden muss.

Als älterer Mann ist es in der Gesellschaft vollkommen legitim eine Freundin zu haben, die viele Jahrzehnte jünger ist. Als Frau ist dieses Bild aber vollkommen verpönt, wenn man diese einmal mit einem jüngeren Liebhaber sieht. Genau hier werden die bekannten Rollenbilder komplett auf den Kopf gestellt, man hinterfragt als Zuschauer seine eigenen Ansichten, nur um hinterher zu realisieren, das echte Liebe auch zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann existieren kann. Regisseur Safy Nebbou legt dabei zumeist den Finger in die offene Wunde, wenn er nicht nur den Zuschauer mit dem verkehrten Weltbild konfrontiert, sondern seine eigene Figur ebenso. Auch Claire stellt sich oft die Frage ob dies denn richtig sei, wie man damit umgehen kann und wie sich Alex wohl fühlt, wenn er sie denn erst einmal kennenlernen kann. Überlebt die gemeinsame Liebe den ersten Schock oder wendet er sich ab, wohlweislich das er sich eigentlich in genau diese Frau verliebt hat?

Neben der Darlegung dieser Liebe, was in Form von unzähligen Nachrichten zwischen beiden immer wieder verdeutlicht wird, wählt Safy Nebbou allerdings noch eine zusätzliche Meta Ebene, um genau diese Beziehung zu analysieren. Claire behandelt mit ihren Studenten den Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos, der bekanntlich mit einer Lüge begann und in einem großen Unglück endete. Trotz all dieser Versuche den Kern des Romans von Camille Laurens einzufangen, verzettelt sich Nebbou leider vor allem in der zweiten Hälfte in jeder Menge Belanglosigkeiten. Plötzlich werden Entscheidungen noch einmal Infrage gestellt, der Zuschauer mit Rückblenden überhäuft, nur um das große Ganze in einem noch anderen Licht präsentieren zu können. Darüber hinaus gibt sich die Inszenierung nun auch offensichtlichen Logiklöchern hin (Alex ortet Claire über GPS und besucht sie dadurch, Hallo?), die der Film so leider nicht verdient gehabt hätte.

In seinem neusten Drama berichtet Safy Nebbou über eine 50-jährige Frau, die es nicht nur liebt von jüngeren begehrt zu werden, sondern sich auch durch eine Lüge in einen wesentlich jüngeren Mann plötzlich verliebt. Mit einigen Abstrichen ein durchaus empfehlenswerter Film für die etwas älteren Zuschauer unter uns.

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Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Alamode Film

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Länge: 101 min

Kategorie: Drama, Romance

Start: 08.08.2019

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 101 min
Kategorie: Drama, Romance
Start: 08.08.2019

Bewertung Film: (6,5/10)

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