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Mein Leben mit Amanda

Geschrieben von Peter Gutting am 1. August 2019

Fast vier Jahre sind vergangen seit den verheerenden Terroranschlägen in Paris. Seit dem Ereignis, das das Leben in ganz Europa mit einem Schlag unsicherer machte. Anders als nach dem Anschlag in New York 2001 ist das Thema im Kino noch nicht angekommen. Mit gutem Grund. Noch dominieren die Fernsehbilder die Erinnerung, noch ist die Zeit für ein persönliches, subjektives Herantasten nicht gekommen. Auch der neue Film des Franzosen Mikhaël Hers ist nach dem Bekunden des Regisseurs kein Film über die Anschläge. Aber sie spielen im Hintergrund eine wichtige Rolle für das sehenswerte Drama um einen jungen Mann, der plötzlich die Vaterrolle für seine siebenjährige Nichte übernehmen muss.

Amanda (Isaure Multrier) ist ein aufgewecktes, wissbegieriges Kind. „Was bedeutet das“, fragt sie ihre Mutter Sandrine (Ophélia Kolb), als sie über den Spruch „Elvis hat das Gebäude verlassen“ stolpert. Das sei eine Redewendung dafür geworden, dass etwas endgültig vorbei ist. Ursprünglich stamme der Spruch vom Organisator eines Elvis-Konzertes, der damit den tobenden Fans die Hoffnung auf weitere Zugaben genommen habe. „Wer ist Elvis“, lautet die unvermeidliche Anschlussfrage. Zur Antwort legt die Mutter „Don’t be cruel“ auf und beide tanzen ausgelassen durch die Pariser Altbauwohnung.

Die Szene sagt etwas aus über das zärtliche Verhältnis, mit der die bewusst alleinerziehende Mutter ihr kleines Mädchen umhegt. Und sie wirft auch ein Schlaglicht auf die Machart des Films. Unter der Alltäglichkeit der Bilder schwingt eine unausgesprochene Botschaft mit, der sich der Zuschauer nicht entziehen kann. So belanglos die heitere Elvis-Lektion auch scheinen mag, so unheilverkündend wirkt sie auch. Es wird etwas passieren, das lässt der Film zwischen den Bildern spüren, was die ausführliche Beschäftigung mit der Redewendung rechtfertigt. Was das sein wird, bleibt völlig im Dunklen, außer wenn man die Vorankündigung des Films gelesen hat.

Sommer liegt über dem Film und über der Stadt. Sandrines Bruder David (Vincent Lacoste) ist mit seiner Schwester und einer Freundin im Park verabredet. Er kann nicht rechtzeitig da sein, weil der Zug Verspätung hat. Als er endlich den Zielbahnhof erreicht, fährt er mit dem Rad weiter zum Park. Dort sieht er blutverschmierte Menschen auf dem Rasen liegen, Angehörige beugen sich weinend über sie. Schnitt. Es ist Nacht, als David weinend auf einer Bank sitzt. Terroristen haben seine Schwester, Amandas Mutter, ermordet. Davids Freundin Léna (Stacy Martin) liegt mit einer Armverletzung im Krankenhaus. Sie wird in dieser Stadt nicht mehr leben können, zumindest vorerst nicht. Und David muss überlegen, ob er die Vormundschaft für Amanda übernehmen kann und will. Möglich wäre es, erklärt ihm die Frau vom Jugendamt. Er ist 24 und Amanda sieben. Mindestens 15 Jahre Altersunterschied sind gesetzlich vorgeschrieben, zwei weniger als in seinem Fall.

Das Bemerkenswerte an Mikhaël Hers‘ drittem langen Spielfilm ist nicht das Nichte-Onkel-Verhältnis. Das wurde schon des Öfteren thematisiert. Ganz besonders ist jedoch die Sensibilität und Zurückhaltung, mit der der Regisseur und Drehbuchautor das Innenleben seiner Figuren erkundet. Nach dem Mord geht das Leben so alltäglich weiter wie zu Beginn. Trauerarbeit und wechselseitige Annäherung werden in scheinbar nebensächlichen Details sichtbar. Etwa wenn David die Zahnbürste seiner Schwester in den Müll wirft. „Das ist nicht deine Wohnung, du entscheidest nicht über Zahnbürsten“, stellt Amanda klar. Oder wenn David mitten auf dem Bahnhof, auf dem er Gäste abholen soll, plötzlich in Tränen ausbricht, sich aber wieder fängt und die Besucher begrüßt, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Im Wechsel von Großaufnahmen und Stadtpanoramen fängt Regisseur Mikhaël Hers die Gefühlsentwicklung seiner Figuren ein, ohne zu verbalisieren oder zu dramatisieren – immer mit einer Leichtigkeit im Schweren, wie sie nur die Franzosen hinbekommen.

Die aufgeräumten Einstellungen von „Mein Leben mit Amanda“ sind realitätsgesättigt, aber nicht streng dokumentarisch. Etwas Poetisches, leicht utopisch Angehauchtes leuchtet in ihnen auf. Etwa bei den zahlreichen Fahrten mit dem Rad. Der Autoverkehr der Millionenmetropole wird dabei ausgeblendet oder in den Hintergrund gedrängt. Es scheint, als sei die französische Hauptstadt vor kurzem zur besten Vélo-Metropole der Welt erkoren worden. Auf alle Fälle verdient der Film selbst das Prädikat, eines der fahrradfreundlichsten Werke der Filmgeschichte zu sein.

Regisseur Mikhaël Hers hat dem filmischen Minimalismus seine ganz persönliche Note hinzugefügt. In einer Mischung aus der Zurückhaltung der Berliner Schule und der Dialogfreundlichkeit eines Eric Rohmer ringt er dem Alltag große Gefühle ab, ohne sie unnötig zu dramatisieren. Man darf gespannt sein auf die weiteren Arbeiten dieses Filmkünstlers, dessen zweite Arbeit „Dieses Sommergefühl“ hierzulande kaum Beachtung fand.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: MFA, NORD-OUEST FILMS – ARTE FRANCE CINÉMA

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Länge: 107 min

Kategorie: Drama

Start: 12.09.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

Mein Leben mit Amanda

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 107 min
Kategorie: Drama
Start: 12.09.2019

Bewertung Film: (7,5/10)

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