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Idioten der Familie

Geschrieben von Peter Gutting am 19. August 2019

Nur wenige Kinofilme umfasst das Werk von Michael Klier. Der 76-Jährige Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler ist ein Außenseiter des deutschen Films geblieben. Einer, der immer auf der Suche nach neuen Erzählweisen und Herausforderungen ist. Der es nie dem Publikum recht machen wollte, sondern den Figuren und Geschichten, die er zunächst fürs Fernsehen, später fürs Kino erfand, immer nah an eigenen Erfahrungen. Titel wie „Ostkreuz“ (1991) oder „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“ (1989) gewannen Preise und begründeten ein sparsames, aber eindringliches Werk. Mit „Idioten der Familie“ meldet sich Klier nach knapp zehnjähriger Regiepause zurück: ein berührendes Kammerspiel um Familie als Spiegelbild der Gesellschaft.

Irgendwann einmal stellt die geistig behinderte Ginny (Lilith Spangenberg) ihre vier Geschwister zu einer Gruppe auf und umwickelt sie mit Küchenpapier. Dann sollen sie, eingepackt bis über die Augen und ganz eng zusammengedrückt, ein Stück in Richtung Küche laufen. Ginny hat ihre Freude an dieser Szene. Jetzt sind auch die anderen einmal behindert, müssen sehen, wie sie mit ihren eingeschränkten Fähigkeiten zurechtkommen. Und wie sie nichts ohne die Unterstützung der anderen tun können. Auch Ginny hat Hilfe bitter nötig. Selbst mit ihren 26 Jahren hat sie das Kleinkindstadium kaum hinter sich gelassen. Sie kann nicht richtig sprechen, Gefahren nicht einschätzen und braucht rund um die Uhr jemanden, der auf sie aufpasst.

Die harmonische Szene ist nicht nur ein Ruhepol am Ende eines konfliktreichen Wochenendes. Sie wirft auch ein Licht auf das zentrale Problem. Die Geschwister bilden eine geschlossene Gruppe, Ginny steht draußen. Acht Jahre nach dem Tod der Eltern haben die Geschwister beschlossen, Ginny ins Heim zu geben. Bislang hatte die ältere Schwester Heli (Jördis Triebel) sich um sie gekümmert. Aber dafür musste sie ihr eigenes Leben, ihre Karriere als Malerin, komplett zurückstellen. Nach acht Jahren ist Heli entnervt und ausgelaugt. Sie möchte heiraten und die Malerei wieder aufnehmen. Auch die drei Brüder Frederik (Kai Scheve), Tommie (Hanno Koffler) und Bruno (Florian Stetter) haben der Heimunterbringung zugestimmt. Aber als alle für ein Wochenende im Elternhaus zusammenkommen, um den schweren Schritt gemeinsam durchzustehen, brechen ungeahnte Konflikte und Zweifel auf.

Regisseur Michael Klier hat bei der Filmpremiere auf dem Filmfest München 2018 erzählt, dass die Konstellation einen biografischen Hintergrund habe. Auch in seiner Familie gebe es mehrere Geschwister und eine geistig behinderte Schwester, die aber nicht ins Heim abgeschoben worden sei. Klier kritisierte den zunehmenden Individualismus unsrer Gesellschaft, in dem kaum jemand bereit sei, sich um Schwächere zu kümmern, wenn er dafür eigene Bedürfnisse stark zurückstellen müsse. In seinem Film ist von einer moralisierenden Botschaft aber glücklicherweise nichts zu spüren. „Idioten der Familie“ taucht in eindringlichen Bildern in die Beziehungen zwischen den Geschwistern ein. Die bewegliche Handkamera von Patrick Orth ist wie ein sechstes Familienmitglied. Sie umkreist die Gesichter, tastet deren Blicke ab, schwenkt von einem zu anderen, spürt der Spannung im Raum nach. Und zwar nicht nur den konfliktgeladenen Momenten, in denen zwei der Brüder vom gefassten Plan doch wieder abrücken und die Entscheidung als herzlos verurteilen. Sondern auch in Augenblicken zärtlicher Nähe, in denen musiziert und getanzt wird (der Vater war Musiker, zwei Brüder haben denselben Beruf ergriffen).

In der Genauigkeit seiner Figurenzeichnung fängt das dichte Kammerspiel auch die vibrierende Körperlichkeit ein, die durch das enge Zusammensein und durch die Erinnerung an die Kindheit entsteht, an das Raufen der Brüder, an die Eigenheiten des Vaters und wie jeder einzelne damit umgegangen ist. Niemand kann in einer solchen Lage die soziale Maske aufbehalten, die alle vor sich her tragen, jeder kennt die Geheimnisse der anderen, die Zweifel und Widersprüche in den Geschwistern und in sich selbst. Wie sie sich letztlich entscheiden werden, kann den Zuschauer nicht kalt lassen. Ständig ist man versucht, sich mit dem einen oder dem anderen zu identifizieren, seine Beweggründe verstehen und teilen zu wollen. Dabei macht es der Film dem Zuschauer nicht leicht. Er mutet ihm zu, Widersprüche auszuhalten. Bietet ihm keine Chance, zu den „Guten“ zu halten und die „Schlechten“ zu verurteilen. Gravierender noch, er gibt die Frage zurück: Wie würde ich mich in so einem Fall verhalten?

„Idioten der Familie“ wirft die Frage auf, wer eigentlich der Idiot ist: die geistig behinderte Schwester oder der Rest der Familie, der sich nicht beziehungsweise nicht mehr um sie kümmern kann oder will. Dank seiner ungewöhnlich intensiven Machart vermeidet der Film oberflächliches Moralisieren und lässt den Zuschauer teilhaben an der universellen Erfahrung, wie eng sich Streit und Zärtlichkeit umschlingen können. Oder um es in Abwandlung von Truffaut zu sagen: Sie küssten und sie schlugen sich.

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Copyright: Farbfilm

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Länge: 102 min

Kategorie: Drama

Start: 12.09.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Idioten der Familie

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 102 min
Kategorie: Drama
Start: 12.09.2019

Bewertung Film: (7/10)

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