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Golden Twenties

Geschrieben von Peter Gutting am 15. August 2019

„Quarter-Life-Crisis“ ist so etwas Ähnliches wie „Midlife-Crisis“, nur 25 Jahre früher: die Unsicherheit, wie es weitergehen soll im Leben. Man hat die Krise zwischen Studium und Berufseinstieg vor allem der „Generation Praktikum“ angehängt. Nicht nur Geisteswissenschaftler sind von der Jobknappheit betroffen, auch die Filmstudenten. Viele Erstlingsfilme atmen daher etwas von dem biografisch fundierten Ungewissheitsgefühl der 20- bis 30-jährigen. So auch das sehenswerte Debüt von Sophie Kluge.

Ein solches Bewerbungsgespräch hat wohl noch niemand erlebt: „Wir haben nichts für Sie“, sagt die ältere Personalchefin gleich zu Beginn. Um dann auf die Frage, warum man dann überhaupt eingeladen wurde, zu antworten: „ Ich sage das den Bewerbern lieber selbst, das ist persönlicher“. Trotzdem ist der kuriose Dialog an dieser Stelle keineswegs zu Ende. Es geht noch einen Tick schräger. Es folgt nämlich die Frage, ob man sein Studium abgeschlossen habe. Ja, lautet die ehrliche, aber in den Augen der Personaltante falsche Antwort. Für ein Praktikum hätte man Ava (Henriette Confurius) nämlich genommen. Aber weil sie keine Studentin mehr ist, wird auch daraus nichts. Mit Abschluss kein Praktikum, so absurd kann die Arbeitswelt sein.

Die Szene ist typisch für das leichte Drehen an der Realitätsschraube, das Sophie Kluges tragikomischen Erstling auszeichnet: immer nah am Alltag, aber zugleich einen Tick daneben. Das gewöhnliche, realistisch untermauerte Leben also, betrachtet mit jenem Schuss feiner Ironie, der die Verhältnisse genauer auf den Punkt bringt als jeder verbissene Naturalismus. Man tritt der Nachwuchsregisseurin sicher nicht zu nahe, wenn man spekuliert, dass sie dieses Ironie-Gen von ihrem Vater Alexander Kluge geerbt haben könnte.

Aber nichts ist schlimmer, als beim Berufseinstieg mit seinem berühmten Vater verglichen zu werden. Also zurück zu „Golden Twenties“ und der Heldin, die nicht nur beruflich vor verschlossenen Türen steht. Auch die Wohnung ihrer Mutter Mavie (Inga Busch), in die Ava nach dem Studium zurückkehrt, um sich in Berlin Arbeit zu suchen, ist nachts mit einer Kette gesichert. Und das, obwohl Ava inständig darum gebeten hat, sie bei der späten Heimkehr nicht schon wieder aus Versehen auszuschließen. Die allein stehende Mutter ist sonst eigentlich überhaupt nicht ängstlich. Sie leistet sich einen deutlich jüngeren Freund, kaum älter als Ava, und lebt insgesamt recht unkonventionell. Doch was die Angst vor Einbrechern und folglich die Kette angeht, agiert sie komplett „old school“. Auch das wird geschildert mit leiser Ironie, locker aus dem Handgelenk geschüttelt.

Auf Vermittlung eines Bekannten findet Ava schließlich doch noch ein Praktikum. Besser gesagt, eine Hospitanz, wie man beim Theater sagt, als Gehilfin der Regie-Assistentin Franzi (Franziska Machens) und ihres Regisseurs. Bei der chaotischen und mit viel Augenzwinkern geschilderten Probenarbeit lernt Ava den etwas undurchsichtigen Jungschauspieler Jonas (Max Krause) kennen. Ende der Pechsträhne also? Das sollte man nicht verraten.

Kameramann Reinhold Vorschneider fängt die prekären Verhältnisse in einfühlsamen, respektvollen Bildern ein. Das Licht ist immer eine Spur zu weich, zu sanft, zu warm, um den Schlamassel widerzuspiegeln, in der die viel zu nette, leicht auszunutzende Ava steckt. Die Beleuchtung hebt vielmehr einen anderen Charakterzug hervor: die innere Stärke von einer, die es schon schaffen wird, obwohl sie nicht laut „hier“ schreit, wenn die Jobs vergeben werden. Im Interview erzählt Regisseurin und Drehbuchautorin Sophie Kluge, dass sie sich im Gegenwartskino nicht repräsentiert gefühlt habe. Nicht von den starken, selbstbewussten Frauen, die sich einfach nehmen, was sie brauchen. Es fehlten ihr die zurückhaltenden Heldinnen, sagt Kluge. Deshalb habe sie sich selbst so eine geschaffen, die außen zart und innen hart im Nehmen ist. Darstellerin Henriette Confurius war in die Entwicklung früh eingebunden. Ihr ist das Buch auf den Leib geschrieben. Und zwar nicht nur als Reminiszenz an die stille Constanze in Dominik Grafs Historienfilm „Die geliebten Schwestern“ (2014), den Gegenpol zur quirligen Caroline (Hannah Herzsprung) im Liebesdreieck des jungen Friedrich Schiller. Sondern als eigenständige große Rolle einer Schauspielerin, die mit scheuen Blicken oder schüchternem Lächeln alles sagen kann.

Sophie Kluge hat sich für ihr Debüt eine wahre Anti-Heldin ausgesucht: eine scheinbar unsichere Mittzwanzigerin, die ohne klares Ziel durchs Leben treibt. Aber der ironische Charme der episodisch angelegten Geschichte lässt die Passivität ihrer Heldin so mühelos vergessen, wie es der durch Berlin driftende Studienabbrecher in Ole Gersters „Oh Boy“ (2012) tat. Übrigens auch ein Typ mit Quarter-Life-Syndrom.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: 20th Century Fox

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Länge: 92 min

Kategorie: Drama

Start: 29.08.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Golden Twenties

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 92 min
Kategorie: Drama
Start: 29.08.2019

Bewertung Film: (7,5/10)

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