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Electric Girl

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 14. Juli 2019

Wenn das Leben aus den gewohnten Bahnen springt, dann verliert man sich leider allzu oft in Tagträumen. Man stellt sich ein besseres Leben vor, wirft alle bekannten Probleme über Board und schweift in die Unendlichkeit ab, bis einen die bittere Realität wieder eingeholt hat. In dem zweiten Spielfilm von Regisseurin Ziska Riemann geht etwas ganz ähnliches vor, wenn sich die im Mittelpunkt stehende Figur plötzlich in der Geschichte eines Anime wiederfindet.

Die junge Poetry-Slammerin Mia (Victoria Schulz) ist Anfang 20, arbeitet des Nachts in einer Bar und bekommt plötzlich das Angebot ihres Lebens. Ausgerechnet Mia soll Synchronsprecherin der Anime-Superheldin namens Kimiko werden, die das Böse in Stromleitungen entdeckt, über Dächer springen kann und geheime Superkräfte besitzt. Während die ersten Folgen noch schnell abgearbeitet werden können, verliert sich Mia immer mehr in der surrealen Geschichte der ungewöhnlichen Heldin. Plötzlich sieht auch sie Stromkabel knistern, plötzlich kann auch sie von einem Dach springen und auf einmal kann auch sie die Gefahr sehen, wenn sie beispielsweise einen Mann vor einer einfahrenden U-Bahn rettet.

Leider entfernt sich Mia in ihrem neuen Leben immer mehr von ihren Freunden, woraufhin sich diese nicht nur Sorgen machen, sondern auch Mias Reaktionen immer weniger verstehen. Das Mia auf diese nicht angewiesen ist, verdeutlicht sie sehr schnell, woraufhin sie kurzerhand ihren Nachbarn Kristof (Hans-Jochen Wagner) mit auf Reisen nimmt, der allerdings mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat. Während dieser Mia kaum noch zu bändigen weiß, nimmt ihr agieren immer gefährlichere Bahnen an. Kann man sie noch retten oder verirrt sie sich gänzlich in der surrealen Traumwelt?

Mit „Lollipop Monster“ präsentierte Ziska Riemann vor acht Jahren ein ungewöhnliches Debüt als Regisseurin, das man allerdings auf ganzer Linie als gelungen bezeichnen kann. Mit „Electric Girl“ folgt nun ihr zweiter Film, der inhaltlich ein wenig an „Stratosphere Girl“ (2004) erinnert, dann aber wiederrum dessen konsequente Inszenierung vermissen lässt. Genau dies ist bei „Electric Girl“ auch das große Problem, denn obwohl das Drehbuch jede Menge Potential offenbart, vermag vor allem die Figur der Mia nicht gänzlich zu überzeugen.

Eben diese Probleme spiegeln sich vor allem in der Figurenzeichnung wieder. Mia soll eine erfolgreiche Poetry-Slammerin sein, doch findet man diesen Teil der Geschichte nur in einer kurzen Szene wieder, in der sie ihrem Nachbarn ein kleines Gedicht vorzutragen versucht. Ihr Leben als Studentin bleibt komplett außen vor, denn wo sie des Nachts in einer Bar arbeitet, tagsüber einkaufen geht und zusätzlich als Synchronsprecherin tätig ist, bleibt weder Zeit für die Uni, noch für Schlaf. Darüber hinaus könnte Mia psychisch krank sein, doch wo auch dieses bestenfalls nur angerissen wird, bleibt man uns auch hier genaueres schuldig.

Die Figur der Mia ist vielmehr eine Ansammlung von Behauptungen, von bunten Ideen, welche einerseits von ihrer ungewöhnlichen Persönlichkeit abgeleitet werden, andererseits aber auch aus dem Anime, bei dem sie als Synchronsprecherin zu hören ist. Wenn sie beispielsweise mit ihrem knallgelben Mantel und ihrer blauen Perücke die Straße entlang geht, ihre Schuhe in die Elbe fallen lässt oder ein paar Scheine für Schnaps auf den Tresen wirft, deutet sich die bevorstehende Entwicklung in großen Schritten an.

Leider hört es an dieser Stelle bereits auf interessant zu klingen, denn die große Schwäche von „Electric Girl“ ist es, das alles ohne jedwede Konsequenzen zu sein scheint. Den Eltern kann man vor den Kopf stoßen, warum der Vater im Sterben liegt scheint dem Drehbuch egal zu sein und auch das Mia Polizisten überwältigt, hat hier keinerlei Folgen. Stattdessen irrt sie wie ihre Anime Heldin durch Hamburg, präsentiert uns einige wunderschöne Ecken, bleibt uns dabei allerdings den Sinn dieses Films schuldig. Verliert sich Mia nur zunehmend in ihren Tagträumen? Ist sie psychisch krank oder hat alles doch einen viel größeren Sinn, der dem Zuschauer hier nur leider verborgen blieb? Viele offene Fragen, die wohl nur die Regisseurin beantworten könnte.

Mit „Electric Girl“ präsentiert Ziska Riemann einen sehr ungewöhnlichen zweiten Spielfilm. Während Hauptdarstellerin Victoria Schulz in ihrer ungewöhnlichen Rolle überzeugt, bleibt uns das Drehbuch jede Menge Antworten schuldig.

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Copyright: Farbfilm

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Länge: 89 min

Kategorie: Drama

Start: 11.07.2019

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Electric Girl

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 89 min
Kategorie: Drama
Start: 11.07.2019

Bewertung Film: (6/10)

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