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Der unverhoffte Charme des Geldes

Geschrieben von Peter Gutting am 6. Juli 2019

Lange hat man von Denys Arcand nichts mehr gehört. 1986 hatte der kanadische Regisseur seinen Durchbruch mit „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“, einer Beziehungskomödie über den Werteverfall der kapitalistischen Gesellschaft. 2003 folgte „Die Invasion des Barbaren“, eine ebenfalls kulturpessimistische Tragikomödie über das Sterben eines alten Professors, der sich selbst als „sinnlichen Sozialisten“ bezeichnet. Danach kamen Filme, die es nicht ins deutsche Kino schafften. Nun aber ein furioses Comeback: Kapitalismuskritik verpackt in eine unterhaltsame, ironisch funkelnde Krimi-Komödie.

Montreal, ein schmuckloses Café mit Blick auf den Verkehr und eine Tankstelle. Eigentlich kein Ort, um tiefgründige Gespräche zu führen. Aber Pierre-Paul (Alexandre Landry) kann es nicht lassen. Von seiner Freundin Linda (Florence Longpré) in die Enge getrieben, setzt er zu einem ausschweifenden Monolog über die Frage an, warum er, Doktor der Philosophie, aber einfacher Paketbote, es weder im Leben noch in der Liebe zu etwas bringen kann. Seine Ausführungen klingen höchst belesen und komplex, lassen sich aber auf eine einfache, nicht gerade uneitle Schlussfolgerung herunterbrechen. Nur die Dummen könnten es in dieser vom Geld regierten Welt schaffen, meint der junge Mann. Er sei dafür einfach zu intelligent. Das sagt er mit einem derartig hochheiligen Ernst, dass das Klischee vom armen Philosophen schon wieder lustig ist.

„Erkenne dich selbst“ lautet eine der ältesten Weisheiten der Philosophie. Und der studierte Paketbote kennt seine Klassiker gut genug, um zumindest diesen wahren Satz zu formulieren: „Für das Verbrecherleben bin ich nicht geschaffen.“ Wohl wahr. Was aber tun, wenn man nur ein Päckchen abgeben soll, aber auf drei Gangster trifft, die sich gegenseitig erschießen und zwei schwere Sporttaschen voller Geld herrenlos zurücklassen? Auf Finderlohn hoffen? Oder doch dem titelgebenden Charme des Zahlungsmittels nachgeben, selbst wenn man keine Ahnung hat, wie man sich gegen rivalisierende Mafia-Cliquen und clevere Polizisten zur Wehr setzt? Gegen jede Vernunft und gegen jederlei sozialpolitische Korrektheit, entscheidet sich der junge Mann, der ehrenamtlich den Obdachlosen hilft, für den alten Gangsterspruch: „Take the money and run“.

Es gehört schon eine Prise Sarkasmus dazu, einen unsicheren, leicht neurotischen und immer viel zu aufgeregten Filmhelden in ein derartiges Schlammassel zu stecken. Aber Regisseur und Autor Denys Arcand verfügt neben einem sehr speziellen Humor auch über eine gute Portion Nächstenliebe. Und so stellt er dem Helden zwei gute Seelen zur Seite: die ebenso rätselhafte wie hilfreiche Edelprostituierte Camille (Maripier Morin) und den abgebrühten, gerade aus dem Gefängnis entlassenen Verbrecherkönig Sylvain „The Brain“ (Rémy Girard). Wie sein Spitzname schon sagt, ist der Ex-Knacki mindestens so intelligent wie der Doktor der Philosophie. Und er weiß im Gegensatz zu Letzterem sein Köpfchen auch im echten Leben zu gebrauchen. Trotzdem tritt das ungleiche Trio gegen einen Gegner an, gegen den es eigentlich keine Chance hat.

„Der unverhoffte Charme des Geldes“ braucht nicht viel, um vom Charme der modernen Bourgeoisie, ihren kriminellen Machenschaften und ihrer Ähnlichkeit mit dem mafiösen Milieu zu erzählen. Es genügen ein paar Kamerafahrten entlang moderner Glaspaläste, der Blick auf schlossähnliche Anwesen oder das raffinierte Ins-Bild-Setzen sündhaft teurer Sportwagen oder panzerartiger SUVs. Besonders köstlich: eine Montagesequenz zu den Schauplätzen international vernetzter Geldwäsche: Feine Herren in edlen Büros verschieben per Skype mit diskreter Nonchalance Millionen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Arcands Kapitalismuskritik liegt optisch auf der Hand, ist aber erzählerisch gut verpackt. Mögen Pierre-Paul und seine beiden Komplizen auch als moderne Robin Hoods erscheinen, so sind sie weder weiße Ritter noch Mutter Teresa. Der weltfremde Philosoph macht sich die Hände schmutzig, greift zu zweifelhaften Methoden und lässt sich derart tief in die Machenschaften des ihm verhassten Finanzsystems hineinziehen, dass berechtigte Zweifel bestehen, ob das viele Geld nicht doch den Charakter verdirbt. Das – wie auch die Frage, ob man überhaupt aus einer solchen Nummer wieder herauskommt – bleibt spannend bis zum Schluss.

„Der unverhoffte Charme des Geldes“ bedient sich der Genre-Muster des Krimis, genau wie sein Held sich die Tricks des Finanzkapitals aneignet. Beide nutzen die Regeln, um sie zu unterlaufen und eine alternative Botschaft hineinzuschmuggeln. Das ist lustig, unterhaltsam und von charmanter Leichtigkeit. Eine Komödie irgendwo zwischen Claude Chabrol, Woody Allen und Steven Soderbergs „Ocean’s“-Trilogie.

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Länge: 127 min

Kategorie: Comedy, Crime

Start: 01.08.2019

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Der unverhoffte Charme des Geldes

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 127 min
Kategorie: Comedy, Crime
Start: 01.08.2019

Bewertung Film: (8/10)

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