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Der König der Löwen

Geschrieben von Peter Gutting am 14. Juli 2019

Realfilm statt Animation – das ist die neue Strategie im Hause Disney. Nach und nach sollen die alten Zeichentrick-Klassiker durch Filme mit Schauspielern neu interpretiert werden. Geschehen ist dies unter anderem mit „Die Schöne und das Biest“, „The Jungle Book“, „Dumbo“ oder „Aladdin“. Aber wie soll das mit „Der König der Löwen“ gehen, einem Film, in dem ausschließlich Tiere vorkommen? Verwandelt man die, wie im Musical, in Menschen mit Tiermasken und –kostümen? Oder setzt man auf trainierte Filmtiere, die wenigsten einigermaßen tun, was man von ihnen verlangt? Und verzichtet dabei auf Sprache und Gesang? Disney ist einen filmtechnisch ganz neuen Weg gegangen und entwickelt die computergenerierte Animation derart fotorealistisch weiter, dass man glaubt, es mit echten Tieren zu tun zu haben.

Kuschelig liegt das Löwenbaby im Arm der Mutter. Neugierig schaut es in die Welt, gleich wird es mit tapsigen Schritten seinem Vater folgen, frech nach Insekten jagen und bald auch verbotenes Terrain erkunden. Der Niedlichkeitseffekt ist derart überwältigend, dass niemand auf die Idee kommen würde, das kleine Geschöpf für ein Produkt hochkomplexer Software zu halten. Doch dann fängt es zu sprechen und sogar zu singen an. Die Verwirrung ist komplett. Wie kann es sein, dass sich eine vermeintliche Naturdoku als Musical entpuppt?

Das Staunen über das Neue trägt die Neuverfilmung von „Der König der Löwen“ eine ganze Weile. So etwas hat man im Kino tatsächlich noch nicht gesehen. Der Effekt ist ähnlich wie in „Planet der Affen – Revolution“ (2014), wo die „Performance Capture“-Technologie den Schauspieler Andy Serkis in einen täuschend echten Schimpansen verwandelte. Nur dass hier außer den Affen auch alle anderen Tiere und sogar die afrikanischen Landschaften ganz echt wirken, von den Insekten über die Vögel bis zu den Säugetieren. Es fühlt sich zuweilen an, als würde man in Bernhard Grzimeks „Serengeti darf nicht sterben“ zurückgebeamt.

Dabei kann man leicht übersehen, wie sehr der neue „König der Löwen“ auf die Muster des modernen Blockbusterkinos gebürstet ist. Gefahren wirken düsterer als im Zeichentrick-Original von 1994, Actionszenen dynamischer und rasanter, romantische Einlagen schnulziger und den Humor liefern gestandene Standup-Comedians. Dass das trotzdem alles in ein überzeugendes Ganzes mündet, hängt mit der Kraft der Vorlage zusammen, an die sich Regisseur Jon Favreau und sein Drehbuchautor Jeff Nathanson minutiös halten. Dass die neue Fassung eine knappe halbe Stunde länger ist als das Original, hängt lediglich mit dem Ausspielen einzelner Szenen zusammen, kaum mit komplett neuen Elementen. Im Wesentlichen baut die Computeranimation jede Szene der Vorlage detailgetreu nach, so dass sich an der Story als solcher nichts ändert. Und die ist sozusagen unkaputtbar als Kinder- und Familienfilm.

Hier wie dort sehen wir das Löwenjunge Simba (gesprochen im Original von JD McCrary und Donald Glover) an der Seite seines verehrten Vaters Mufasa (James Earl Jones, Sprecher auch in der Fassung von 1994) aufwachsen, eines Königs, der seine Herrschaft auf die Philosophie von der Balance und dem Kreislauf alles Lebendigen aufbaut. Gegenspieler ist Mufasas Bruder Scar (Chiwetel Ejiofor), der selbst auf den Thron möchte und dem jedes Mittel recht ist, bis hin zum Mord an seinem Bruder und der Vertreibung des kleinen Thronfolgers Simba.

Am einfachsten haben es Zuschauer, die entweder das Original nicht kennen oder sich kaum noch daran erinnern. Für sie erscheint die zeitlose Geschichte in einem Gewand, das sie dank der tricktechnischen Überraschungseffekte kaum infrage stellen werden. Zieht man jedoch die ursprüngliche Zeichentrick-Animation zum Vergleich heran, erscheint vieles problematischer. Denn die märchenhafte Story mit ihren Musical-Einlagen ist in sich nicht realistisch, selbst wenn sie um lebensnahe Konflikte wie Verrat, Schuld und Identität kreist. Aus dieser Perspektive wirkt eine beinahe dokumentarisch anmutende Umsetzung merkwürdig. Zum mythischen Stoff passt der Illusionsbruch gezeichneter Figuren deutlich besser. Die Motivation der Neuverfilmung speist sich denn auch nicht aus dem Anspruch, der Geschichte noch gerechter zu werden. Es geht eher darum, an einem Welthit erneut Geld zu verdienen, indem man ihn an die veränderten Sehgewohnheiten junger Zuschauer anpasst.

„Der König der Löwen“ basiert fast eins zu eins auf dem Zeichentrickklassiker von 1994. Er fasziniert mit fotorealistischer Computeranimation, die man so im Kino noch nicht gesehen hat. Allerdings werden Zuschauer die Frage, ob die Welt dieses Remake wirklich gebraucht hat, wohl unterschiedlich beantworten. Wer mit der Fassung von 1994 aufgewachsen ist, könnte den trendigen neuen Realismus unpassend für die zeitlose Geschichte finden. Fans moderner Technik hingegen dürften sich daran nicht stören.

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Wir vergeben daher 6 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Disney

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Länge: 118 min

Kategorie: Animation, Adventure, Drama

Start: 17.07.2019

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Der König der Löwen

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 118 min
Kategorie: Animation, Adventure, Drama
Start: 17.07.2019

Bewertung Film: (6/10)

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