cinetastic.de - Living in the Cinema

The Dead Don’t Die

Geschrieben von Peter Gutting am 4. Juni 2019

Nur wenige Arthouse-Regisseure kennen sich so gut mit Genre aus wie Jim Jarmusch. Western, Gangster-, Samurai- und Vampirfilm zählen zu seinem Werk. Aber jedes Mal ist, wo Genre draufsteht, in Wahrheit Jarmuschs ureigene Handschrift drin: sein ungemein lässiger, virtuos getimter Humor. So auch bei seiner neuen, im Vergleich etwas schwächeren Arbeit, einer Zombie-Komödie, die sich tief vor billigen B-Movies und vor allem vor dem Werk des vor zwei Jahren gestorbenen George A. Romero verneigt, dem Urvater des modernen Horrorfilms.

Die erste Einstellung zeigt einen Friedhof. Aber keine Angst, es dauert eine Weile, bis die Untoten tatsächlich aus ihren Gräbern steigen. Und das ist gut so. Denn die Stärke von „The Dead don‘t die“ liegt im ersten Drittel. Sie liegt im Panoptikum abseitiger Typen, die sich in einem typisch amerikanischen Dorf namens „Centerville“ versammelt haben. Jarmusch lässt sich erfreulich viel Zeit, sie liebevoll vorzustellen. Und so lassen die beiden Streifenpolizisten Cliff (Bill Murray) und Ronny (Adam Driver) den Friedhof erstmal rechts liegen und fahren Richtung Wald, wo es zu Fuß weitergeht. Gefahr im Verzug? Nicht doch. Hinter den Bäumen lauert lediglich Einsiedler Bob (Tom Waits), der dem rassistischen Farmer Miller (Steve Buscemi) ein Huhn geklaut haben soll. Cliff, der erfahrenere der beiden Cops, lässt die „Ermittlungen“ altväterlich besonnen angehen. Er will keinen Ärger mehr haben auf seine alten Tage. Gesetze sind schließlich Auslegungssache und den ollen Miller konnte er sowieso nie leiden.

Es könnte recht gemütlich zugehen in Centerville, mit der richtigen Mischung aus den immer gleichen Gästen im örtlichen Diner und ein paar Neuigkeiten, etwa der Ankunft der schrägen Bestatterin Zelda (Tilda Swinton). Oder drei jungen „Hipstern“ aus der Großstadt, die in einem „Psycho“-ähnlichen Motel nächtigen wollen. Wenn da nur nicht die Sonne den Untergang verweigern und die Haustiere das Weite suchen würden. Etwas Folgenreiches ist geschehen, obwohl es die Politiker im Fernsehen als „Fake News“ abtun. Bei der Erdölgewinnung am Nordpol soll die Erdachse aus ihrer gewohnten Neigung gerutscht sein. Das lockt selbst die Toten aus ihren Gräbern.

Genug Stoff also für veritable Action. Aber Jarmusch ist – wie immer – kaum an Handlung interessiert. Sondern viel mehr an Charakteren, coolen Sprüchen und jeder Menge Zitate aus eigenen und fremden Filmen. Besonders das Casting, besser gesagt die neue Konstellation von alten Freunden ist ihm überragend gut gelungen. Bill Murray und Adam Driver nebeneinander in ein Polizeiauto zu setzen, ist allein schon ein Gag. Ihre Physiognomie, Murrays Pokerface, Drivers scheue Zurückhaltung ergeben ein wortkarges Komikerpaar, dessen wenige Wortfetzen ins Mark treffen, vor allem, weil man nie weiß, woran man bei den beiden mimischen Minimalisten ist. Draußen wüten die Zombies auf der Suche nach Menschenfleisch, aber drinnen im Auto ist es so still, dass man nicht weiß, wovor man mehr Angst haben soll: Vor den Untoten, die die Sünden des Konsumismus verkörpern und nach „Wifi“ oder „Chardonnay“ verlangen? Oder vor zwei Stoikern, die sich ohne zu zucken ihrem Schicksal ergeben?

Man kommt nicht daran vorbei, „The Dead don’t die“ als Kapitalismuskritik und als Jarmuschs Kommentar zu den politischen Verhältnissen seiner US-Heimat zu sehen. Viel wichtiger schien es ihm aber zu sein, so viele der Haudegen aus seinen früheren Filmen wie möglich um sich zu versammeln. Selbst Eszter Bálint ist zu sehen, die Heldin aus Jarmuschs „Stranger than Paradise“ (1984) und erstmals seit 1996 wieder vor der Kamera. Daneben außer den bereits Genannten auch Iggy Pop, Chloë Sevigny und Sara Driver.

Das führt zu einem Ensemblefilm, einem Novum bei Jarmusch, der sich meist auf wenige Hauptfiguren konzentriert. Und zu einem ersten Manko des Films: Einige Handlungsfäden hängen in der Luft, erscheinen unmotiviert beziehungsweise nur dazu da, einem weiteren Darsteller einen Auftritt zu verschaffen. Nicht von ungefähr – zweites Manko – scheint die versammelte Mannschaft in all dem Zombie-Gemetzel selbst nicht mehr zu wissen, wie es weitergehen soll. Zelda alias Tilda Swinton ergreift die Flucht und entschwindet gar ins Außerirdische. Bill Murray und Adam Driver hingegen fallen aus ihren Rollen, sind wieder sie selbst als Schauspieler und unterhalten sich darüber, was „Jim“ denn für ein Ende ins Drehbuch geschrieben hat. Offensichtlich haben die komplette Meta-Ebene und die Fülle der Zitate den Beteiligten und vor allem dem Regisseur jede Menge Spaß gemacht. Das Vergnügen grenzt aber teilweise an selbstgefällige Spielerei und überträgt sich nur teilweise in den Zuschauerraum.

Jim Jarmusch scheint mit zunehmendem Alter sämtliche Film-Genres abarbeiten zu wollen. Das hat bei seinem Vampirfilm „Only Lovers left alive“ gut geklappt, weil er das Format mit seinen ureigenen Themen verschmelzen konnte. Die Zombies jedoch taumeln nur als tumbe Symbole über die Leinwand. So bleibt kaum mehr übrig, als sein Heil in lustigen (Selbst)Zitaten und im trockenen Humor des Jarmusch-Universums zu suchen.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: UPI

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden

Länge: 103 min

Kategorie: Comedy, Horror

Start: 13.06.2019

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

The Dead Don’t Die

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 103 min
Kategorie: Comedy, Horror
Start: 13.06.2019

Bewertung Film: (6,5/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (nan/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten