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Tel Aviv on Fire

Geschrieben von Peter Gutting am 4. Juni 2019

Der Weg, sich dem Nahost-Konflikt filmisch zu nähern, ist von Minen gepflastert. Kann da die Komödie helfen, aus der verfahrenen Sackgasse herauszufinden? Bislang nur wenige haben das versucht, etwa Sylvain Estibal mit der herrlich überdrehten Groteske „Das Schwein von Gaza“ (2011). Leiser, aber nicht weniger amüsant lässt es Regisseur Sameh Zoabi angehen, ein in Israel geborener und aufgewachsener Palästinenser. Sein Humor wirkt als ebenso versteckte wie ansteckende Friedenswaffe.

Darf man einer israelischen Frau das Kompliment machen, sie sehe bombig aus? Oder grenzt das eher an Beleidigung? Der junge Palästinenser Salam (Kais Nashif) muss das wissen, denn er ist als Drehbuchautor einer Soap Opera für die korrekten Dialoge im Hebräischen zuständig. Also fragt er ebenso höflich wie naiv bei der israelischen Soldatin nach, die ihn am Grenzposten kontrolliert. Die Antwort kriegt er nonverbal: Sofort raus aus dem Auto, Hände hoch und ab ins Büro des Kommandeurs. Alles, was irgendwie mit Sprengstoff zu tun haben könnte, ist hochexplosiv im zugespitzten aktuellen Konflikt.

Lustiger geht es da schon in der TV-Seifenoper zu, an der Salam mitschreiben darf. Sie spielt im Jahre 1967 kurz vor dem Sechstagekrieg und heißt „Tel Aviv on Fire“. Politik ist hier, wie sollte es in einer Soap anders sein, vor allem Kulisse für die großen, bonbonfarbenen Gefühle. Die junge Palästinenserin Tala (Lubna Azabal) soll sich als Spionin an einen israelischen General heranmachen, um ihm die Pläne für den bevorstehenden Krieg zu klauen. Aber – großes Drama – das hübsche Ding verliebt sich in den starken Mann. Wird sie ihr Volk verraten und sich der Liebe hingeben? Das fragt sich nicht nur die weibliche Zielgruppe in Palästina, sondern erstaunlicherweise auch in Israel. Abend für Abend hängen die Frauen vor der Glotze, um mitzufiebern, welche Seelenqualen die verliebte Spionin zerreißen.

Zwar ist die TV-Serie rein fiktiv und lediglich eine Hommage an eine der prägenden Soaps, mit denen Regisseur Sameh Zoabi aufgewachsen ist. Aber dass die schnulzigen Liebesverwicklungen ihr Publikum diesseits und jenseits der Konfliktlinie finden, weiß Zoabi als früherer Serienjunkie aus eigener Erfahrung. Und so gerät ihm der eigentliche Kniff des Films ziemlich glaubhaft. Salam wird nämlich nach seinem Faux Pas an der Grenze – der Sache mit dem „bombigen“ Aussehen – nicht einfach weggesperrt. Sondern vom israelischen Kommandeur Assi (Yaniv Biton) in ein Gespräch über die Soap verwickelt, wenn auch in ein recht einseitiges. Assi erpresst den Palästinenser und zwingt ihn zu Änderungen am Drehbuch. Weniger aus politischen Gründen, sondern um seiner serienverrückten Frau per TV ein paar indirekte Botschaften zwecks Wiederbelebung der eingeschlafenen Ehe zukommen zu lassen. Und damit allmählich die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, zwischen Rahmenhandlung und Film-im Film, charmant zu verwischen.

Ohne es groß zu betonen, jubelt „Tel Aviv on Fire“ den jahrzehntelangen Streithähnen die schlichte Botschaft unter, dass sie vielleicht mehr gemeinsam haben, als sie denken. Die alltagsnahe Visualität der im Jetzt und Hier spielenden Drehbucharbeit, die Geschlechterkonflikte und die quasi verbotenen kulinarischen Vorlieben schaffen eine Atmosphäre, die eine utopisch scheinende Vision in die Lebenswirklichkeit der kleinen Leute verlegt. Auch wenn der eine bis an die Zähne bewaffnet ist und der andere wehrlos ausgeliefert scheint: Sie reden miteinander, entwickeln gemeinsame Ideen, ringen um die besten Dialoge und den – von kleinen Eitelkeiten gefütterten – spannendsten Handlungsfortschritt.

Das führt im Zuschauerraum nicht zu Schenkelklopfen oder Gelächter über die Figuren. Sondern zu einem nachsichtigen, warmherzigen Amüsement über die geniale Situationskomik. Da man die Nachrichtenbilder des festgefahrenen Nahostkonflikts natürlich immer im Hinterkopf hat, weiß man selbst als westlicher Beobachter, in welch hochexplosives Terrain sich das vermeintlich ahnungslose Duo Salam und Assi verrennt. Für israelische oder palästinensische Augen dürfte es sogar noch einen Tick überraschender sein, mit welcher Leichtigkeit sich der Film über Denkbarrieren hinwegsetzt. Und mit welcher Grazie er seine Figuren über Minenfelder tänzeln lässt.

Mit einer glänzenden Ausgangsidee und viel Feinschliff im Detail führt „Tel Aviv on Fire“ vor, wie man über eine todernste Tragödie lachen kann, ohne sich über sie lustig machen. Selbst für Zuschauer, die vom Nahostkonflikt nicht das Geringste mehr hören wollen, entfaltet der leise Humor eine universelle Kraft, nicht zuletzt dank des facettenreichen Schauspiels eines ungleichen Komiker-Duos.

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Länge: 97 min

Kategorie: Comedy

Start: 04.07.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Tel Aviv on Fire

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 97 min
Kategorie: Comedy
Start: 04.07.2019

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