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Fisherman’s Friends

Geschrieben von Peter Gutting am 17. Juni 2019

Immer mal wieder ist die Musikindustrie für Überraschungen gut. Dann haben sich die Bosse der Plattenlabels sattgehört am computergeschönten Sound, an den immer gleichen, glattgebügelten Stars. In solchen Momenten schlägt die Stunde des Authentischen, Widerspenstigen. So war es 2009, als Radiomoderator Johnnie Walker von der BBC Urlaub in Port Isaac machte, einem idyllischen Küstenort in der südwestenglischen Grafschaft Cornwall. Er entdeckte dort einen Seemannschor, der jeden Freitag am Hafen ein Konzert gab. Kurzerhand schickte Walker seinen Manager Ian Brown los und besorgte der bärtigen Truppe einen Plattenvertrag. Regisseur Chris Foggin hat die Geschichte verfilmt – und sich dabei fiktive Freiheiten genommen.

Eng sind die Gassen in Port Isaac, gerade mal breit genug für einen alten Citroen 2CV, aber schon verdammt schmal für eine Luxuslimousine. Nie im Leben wäre hier Gegenverkehr möglich. Und so stehen sie sich feindlich in der Einbahnstraße gegenüber, nachdem sie gerade noch rechtzeitig bremsen konnten: der klapprige 2CV der einheimischen Alwyn (Tuppence Middleton) und der schicke Schlitten von vier Jungs aus London, die in dem verschlafenen Nest Junggesellenabschied feiern möchten. Wer soll nun zurücksetzen? Stur sind die Fahrer beider Seiten, und coole Sprüche haben sie auch auf Lager. Da darf man auf den Ausgang des Wortgefechts gespannt sein – wie überhaupt auf den Fortgang des Kulturschocks, der die Londoner Jungs aus der Musikindustrie in der Provinz erwartet. Nicht mal ein Lager-Bier ist zu bekommen, hier in Cornwall, wo sie ihren eigenen Kopf haben und fest davon überzeugt sind, dass England am Grenzfluss Tamar endet.

Kulturschock-Komödien im eigenen Land haben ihren Reiz seit „Willkommen bei den Sch’tis“ (2008) noch immer nicht verspielt. Und so geht es auch in Fisherman’s Friends“ munter hin und her, mit ebenso derben wie witzigen Wortgefechten. Aber irgendwie muss die Kluft ja auch überwunden werden. Das geschieht im Drehbuch von Piers Ashworth, Meg Leonard und Nick Moorcroft so: Die Jungs aus London spielen dem Gutmütigsten unter ihnen einen Streich. Musikmanager Danny (Daniel Mays) muss nach dem Willen seines Boss in Port Isaac bleiben und angeblich die „Fisherman’s Friends“ unter Vertrag nehmen. Aus Spaß wird für Danny lebensphilosophischer und amouröser Ernst. Allmählich findet er den Shanty-Chor mit seiner rauen Freundlichkeit cooler als gedacht, nicht zuletzt wegen der resoluten Dame mit dem 2CV, die sich als Tochter von Jim (James Purefoy), dem inoffiziellen Anführer des Chors, entpuppt.

Regisseur Chris Foggin inszeniert das mit Schwung, klaren Feindbildern – hier die Londoner Yuppies, dort die arbeitende Bevölkerung – und musikalischem Drive. Die Wohlfühlkomödie nimmt Kurs auf ein breites Publikum, zumal man ja die Hitgarantie „ nach einer wahren Geschichte“ im Kielwasser hinter sich herzieht. Aber nach und nach schleicht sich der Verdacht ein, dass die Story weniger an der Echtheit der singenden Seebären entlangsegelt und sich lieber an die Fahrrinnen eingängiger Erfolgsfilme hält. Schaut man im Presseheft nach, wird schnell klar, dass die Liebesgeschichte hinzuerfunden wurde. Und dann wundert man sich auch nicht mehr über das klassische Schema der romantischen Komödie mit den komplett unterschiedlichen Charakteren, die erst nach einigen Hindernissen zueinander finden und dann, bevor die Liebe ernst wird, noch einmal auseinandergerissen werden.

Durch die konventionelle Machart des Films verkommt auch die Sehnsucht nach dem einfachen, ehrlichen Leben zu einer Fahrt in seichte Gewässer. Hauptdarsteller Danny wirkt irgendwann wie jeder x-beliebige Städter, der sich bei der Fahrt ins Grüne in den Charme des Ursprünglichen verliebt. Statt sich tatsächlich für die Hobbysänger und ihr Leben zu interessieren, versteift sich der Film auf Konflikte, die den Unterhaltungswert hoch halten. Das ist schade, denn auf der Dialog-Ebene bricht der Film eine Lanze für die, die nach den wirklich wichtigen Dingen suchen. „Und was, wenn dir das Leben durch die Lappen geht“, fragt Alwyn einmal, als Danny den Stress in seinem Job so umschreibt: „Keiner will derjenige sein, dem die Beatles durch die Lappen gegangen sind“. Dem Film allerdings geht das wirklich Authentische durch die Lappen, wenn er es mit konventionellen Schablonen einzufangen sucht.

„Fisherman’s Friend“ ist nach dem Bekenntnis seiner Macher eine Wohlfühlkomödie, die sich nicht dafür schämt, ein breites Publikum anzusprechen. Das ist in Ordnung und geht bis zu einem gewissen Grad gut. Problematisch wird es allerdings, wenn die Glätte der Inszenierung die inhaltliche Suche nach dem Echten konterkariert. Dann wird aus den urigen Liedern und Texten nur noch Seemannsgarn.

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Copyright: Splendid Film GmbH

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Länge: 112 min

Kategorie: Comedy, Drama, Musical

Start: 08.08.2019

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Fisherman’s Friends

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 112 min
Kategorie: Comedy, Drama, Musical
Start: 08.08.2019

Bewertung Film: (6/10)

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