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Ein ganz gewöhnlicher Held

Geschrieben von Peter Gutting am 17. Juni 2019

Vor knapp zwei Jahren erntete eine Dokumentation überschwängliche Kritiken, die sich mit einem scheinbar unspektakulären und unfilmischen Thema befasste: einer öffentlichen Bücherei. „Ex Libris – Die Public Library von New York“ von Frederick Wiseman feiert die größte Bibliothek der USA als einen Hort der Solidarität, Demokratie und Meinungsfreiheit. Von einem ähnlichen Gedanken geht auch der neue Spielfilm von Emilio Estevez aus. Dabei verknüpft er sozialpolitisches Engagement mit klassischem Spannungskino.

Cincinatti an einem der kältesten Tage des Jahres: Vor der Stadtbücherei stehen rund 50 Leute. Einige protestieren, weil sie nicht reingelassen werden. Die Stimmung ist gereizt, die Leute bibbern, der Wachmann auch. Einzig Bibliotheksmitarbeiter Stuart (gespielt vom Regisseur selbst) scheint die Lage beruhigen zu können. Jeder komme rein, versichert er. Aber erst, wenn geöffnet werde – in zehn endlos langen Minuten eisiger Kälte.

Eigentlich stimmt das mit der offenen Tür nicht so ganz. Den psychisch gestörten Mann, der nackt am Fenster steht und den Song „I can see clearly now“ trällert, muss auch der nachgiebige Stuart des Hauses verweisen. Zudem kriegt er einen Riesenärger mit seinen Bossen und dem Staatsanwalt (Christian Slater), weil er einem Obdachlosen, der zu sehr stank, die Tür wies. Viele von Stuarts „Kunden“ rekrutieren sich nicht aus dem Bildungsbürgertum, sondern aus denen, die kein Dach über dem Kopf haben. Sie kommen zu ihm, um im Internet auf Dating-Sites zu surfen oder die Gesetze nachzuschlagen, die sie brechen müssen, um wieder im angeblich gemütlichen Knast zu landen. Aber sie kommen natürlich in erster Linie, um sich aufzuwärmen.

Stuart und seine Kollegin Myra (Jena Malone) haben aus Gründen, die irgendwann enthüllt werden, ein Herz für ihre schwierige Klientel. Sogar dann, wenn nicht wenige von ihnen unter Wahnvorstellungen leiden oder sich immer mal wieder an die Gurgel gehen. Im Grunde ist Stuart mehr Sozialarbeiter als Bücherwurm. Und wenn ihn jemand darum beneidet, an seinem Arbeitsplatz Romane lesen zu dürfen, hat der einigermaßen erschöpfte Mann für das verbreitete Vorurteil nur ein müdes Lächeln übrig. Hellwach wird er allerdings, als die Obdachlosen wegen der Kältewelle kurzerhand seine Bibliothek besetzen und die Nächte dort verbringen wollen. Auf welche Seite schlägt er sich? Auf die der alarmierten Polizei? Oder auf die der Aktivisten? Im zweiten Fall würde er Hausfriedenbruch begehen und der eh‘ schon bedrohte Job (wegen der Sache mit dem Staatsanwalt) wäre endgültig weg.

In der Nacherzählung klingt die Geschichte wie gutgemeintes, linksliberales Aufklärungskino; wie ein Appell, den Bibliotheken mehr Beachtung zu schenken und die Obdachlosen nicht erfrieren zu lassen. Im Grunde hat der Film auch von all dem etwas. Regisseur Emilio Estevez las nach eigenem Bekunden vor ein paar Jahren einen Zeitungsbericht über einen Bibliothekar, der davon berichtete, wie Kürzungen im Sozialsystem seine Arbeit verändern. Ganz offensichtlich möchte sein Film etwas bewirken. Aber er ist nicht nur gut gemeint, sondern auch gut gemacht, nämlich im Stile eines stimmungsvollen Thrillers mit der richtigen Prise Humor und mit der Dramatik eines handfesten Geiseldramas.

Der Kniff geht so: Natürlich weiß der Zuschauer, dass Stuart nicht der Anführer der Besetzung ist und seine „Kunden“ auch nicht mit Gewalt festhält. Aber der Polizeichef (Alec Baldwin) und die bald anrückende Sensationsreporterin (Gabrielle Union) sind sich da nicht so sicher. Und indem sie ihn derart verdächtigen, berauben sie den überforderten Stuart seiner letzten Nerven. Die Lage wird unkontrollierbar, niemand weiß, was als nächstes passieren wird in einer Spirale von Missverständnissen, politischem Ehrgeiz und journalistischer Knüllerjagd.

„Ein ganz gewöhnlicher Held“ verrät leider in seinem deutschen Titel (Original: The Public) schon die Botschaft, die man als Zuschauer lieber selbst entdecken möchte. Aber davon sollte man sich nicht beirren lassen. Regisseur Emilio Estevez verwebt sein gesellschaftspolitisches Anliegen elegant, handwerklich solide und unaufdringlich in unterhaltsame Genremuster. Sobald man sich in die Figurenzeichnung und die Dramatik der Lage hineinziehen lässt, tritt die im Titel aufscheinende Moral angenehm in den Hintergrund.

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Copyright: Koch Films

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Länge: 122 min

Kategorie: Drama

Start: 25.07.2019

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Ein ganz gewöhnlicher Held

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 122 min
Kategorie: Drama
Start: 25.07.2019

Bewertung Film: (7/10)

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