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Rocketman

Geschrieben von Peter Gutting am 20. Mai 2019

Beide sind schwul, kommen aus ärmlichen Verhältnissen, geben sich Künstlernamen und gehen in den 1970ern ab wie Raketen: „Champion“ Freddie Mercury und „Rocketman“ Elton John. Nicht nur ihre Musik, sondern auch zwei zeitnah entstandene Filmbiografien machen sie unsterblich. Man kommt kaum daran vorbei, „Bohemian Rhapsody“ über Freddie Mercury mit dem in Cannes uraufgeführten Film über Elton John zu vergleichen. Zumal „Rocketman“-Regisseur Dexter Flechter auch an der Fertigstellung von „Bohemian Rhapsody“ mitwirkte. Glücklicherweise hat der Filmemacher aber der Versuchung widerstanden, aus „Rocketman“ so etwas wie eine Fortsetzung des Kassenschlagers „Bohemian Rhapsody“ zu machen.

Ein Mann im Bühnenkostüm, einsam auf seinem Weg durch einen langen Gang, an dessen Ende die Scheinwerfer leuchten. So eine Einstellung gab es auch in „Bohemian Rhapsody“, aber der schwere Gang eines Rockstars nimmt in „Rocketman“ einen ganz anderen Verlauf. Elton (Taron Egerton), schrill verkleidet im feuerroten Teufelskostüm, tritt am Ende des Ganges in einen Raum, in dem unerwartete Töne angeschlagen werden. Er setzt sich auf einen Stuhl im intimen Rund und sagt, was alle Süchtigen sagen müssen: „Ich heiße Elton und bin Alkoholiker“.

Natürlich hat diese Szene so nicht stattgefunden. Dennoch ist sie in ihrer Verkürzung wahr. Im Jahr 1990 ging der Rockstar in eine Entzugsklinik, um von allen möglichen Süchten loszukommen – Alkohol, Kokain, Medikamente, Sex. Damit beginnt und endet der Film, der die späteren Stationen der Karriere ausspart. Zwischen Anfang und Ende: eine lange chronologische Rückblende vom Aufstieg und Fall der „Rakete“ Elton John, unterbrochen von kurzen Szenen aus der Therapie. Jedenfalls könnte man den Plot so zusammenfassen, wenn man den eigentlichen Charme von „Rocketman“ unterschlagen wollte. Er ist nämlich nicht nur Musikfilm, nicht nur Biografie, sondern vor allem Musical.

Und zwar mit allem Drum und Dran: Tanz, Gesang, Kostüme, Choreografie. Kurzum, ein Spektakel für die Sinne, das die Logik von Raum und Zeit sprengt. Eine faktenbasierte Fantasiewelt, in der man in derselben Szene mit demselben Song durch mehrere Jahre wandert. Oder wo man als Erwachsener mit sich selbst als Kind im Duett singen darf. Ein Musical also, das ähnlich wie „La La Land“ die filmischen Möglichkeiten genüsslich ausschöpft, das aber im Prinzip auch auf einer Bühne aufgeführt werden könnte. Und wer weiß, vielleicht stehen die Musical-Agenten schon in den Startlöchern.

Klar, könnte man sagen: Für eine Künstlerpersona wie Elton John, einem Musiker, der durch seine Brillen und Kostüme beinahe ebenso auffiel wie durch seine unsterblichen Songs – für solch eine Kunstfigur passt die Künstlichkeit des Genres so gut wie ein maßgeschneiderter Glitzeranzug. Aber es liegt ein tieferer Sinn in dem ungewöhnlichen Zwitter einer Musical-Biografie. Elton John, der als ausführender Produzent am Film beteiligt ist, wollte nämlich, dass Regie und Drehbuch (Lee Hall) die ganze ungeschminkte Wahrheit über ihn zeigen. Die besteht, soweit man das beurteilen kann, aus einer unglücklichen Kindheit, aus einem völlig verkorksten Verhältnis zum Vater, aus der Musik als Fluchtmöglichkeit, aber auch aus einem langen, bis zur Therapie sich verschlimmernden Leiden an Einsamkeit und dem Gefühl des Nicht-Geliebtseins.

Hätte man das einfach so nacherzählt, wären womöglich sogar Küchenpsychologen auf die Barrikaden gegangen, selbst wenn die simple Diagnose tatsächlich einer simplen Wahrheit entsprechen mag. Verpackt man das Ganze aber in die Wohlfühlwatte von Tanz und Gesang, führt der Verfremdungseffekt zu einer unerwarteten Wirkung. In der opernhaften Übersteigerung der Gefühle kommt man dem kleinen Jungen nah, der sich an die Musik wie an einen Strohhalm klammert, ebenso wie dem aufstrebenden Star, der mit seiner Homosexualität hadert und nur in dem kongenialen Songtexter Bernie Taupin (Jamie Bell) einen echten, wenn auch platonischen Freund findet.

Hauptdarsteller Taron Egerton singt die Songs selbst, deren Texte im biografischen Zusammenhang ganz neue Sinnhorizonte eröffnen. Dabei erfährt der Zuschauer in der Wiederbegegnung mit Hits wie „Your Song“, „Candle in the Wind“ oder „I’m still standing“ auch einiges über die Homophobie der 1970er und 1980er – und über einen schwulen Mann, der sich selbst verlor, der in seiner Verzweiflung eine kurze Ehe einging und mühsam zu sich selbst zurückfinden musste.

Abgesehen von wenigen Szenen hält „Rocketman“ eine traumwandlerische Balance zwischen Gute-Laune-Musical und einer Biografie, die bis zum Wendepunkt 1990 nicht immer lustig war. Ein Mainstreamfilm mit Tempo, Schwung und viel Musik, der sich nicht zu schade ist, auch von den dunkleren Seiten des Lebens zu erzählen.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Paramount

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Länge: 121 min

Kategorie: Biography, Drama, Fantasy

Start: 30.05.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Rocketman

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 121 min
Kategorie: Biography, Drama, Fantasy
Start: 30.05.2019

Bewertung Film: (7,5/10)

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