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Eine moralische Entscheidung

Geschrieben von Peter Gutting am 10. Mai 2019

Eine moralische Entscheidung

Das iranische Kino genießt bei westlichen Zuschauern einen guten Ruf – wegen seiner differenzierten Beleuchtung gesellschaftlicher und zwischenmenschlicher Probleme. In der Nachfolge des vor drei Jahren verstorbenen Abbas Kiarostami haben sich vor allem Jafar Panahi und Asghar Farhadi einen Namen gemacht. Letzterer stand offensichtlich Pate beim zweiten Spielfilm von Vahid Jalilvand, der 2017 beim Filmfestival in Venedig zwei Preise in der Nebensektion „Orizzonti“ gewann.

Eine moralische EntscheidungEine Autofahrt wie jede andere, aber einen Tick mysteriöser. Es ist Nacht, der Wagen passiert eine Schranke, die Kamera auf dem Rücksitz lässt die Identität des Fahrers im Dunkeln. Die Fahrt ist offenbar ganz alltäglich, der Heimweg nach einem langen Arbeitstag. Dann passiert es: Ein Raser mit Lichthupe schüchtert den Fahrer ein, drängt ihn zum abrupten Schwenk auf die rechte Fahrbahn. Dort übersieht er einen Motorroller, auf den sich eine vierköpfige Familie gequetscht hat. Dem Ehepaar und der kleinen Tochter passiert nichts, aber der achtjährige Junge hat eine Beule am Kopf. Nichts Schlimmes, versichert der Vater. Er weigert sich, den Jungen ins Krankenhaus bringen zu lassen.

Schuld oder Nicht-Schuld? Das ist schon in der Eingangssequenz die Frage. Der Gerichtspathologe Dr. Kaveh Nariman (Amir Aghaei) hat den Roller zu Fall gebracht, aber er selbst könnte den Raser wegen Nötigung anzeigen, wenn er denn dessen Autonummer notiert hätte. Familienvater Moosa (Navid Mohammadzadeh) hingegen ist geschädigt worden, aber zugleich verantwortlich dafür, dass der Junge nicht ins Krankenhaus kam. Eine harmlos aussehende Entscheidung mit fatalen Folgen: Am nächsten Tag ist der Junge tot.

Eine moralische EntscheidungAuf einer weiteren Ebene stellt sich die Frage von Schuld und Verantwortung neu, dieses Mal deutlich drastischer. Todesursache ist nämlich laut Obduktionsbericht von Kavehs befreundeter Kollegin Sayeh (Hediyeh Tehrani) eine irreversible Fleischvergiftung, die im Labor unzweifelhaft nachgewiesen werden kann. Selbst wenn der Junge keinen Unfall gehabt hätte, wäre er in drei Tagen tot gewesen. Dass das Genick gebrochen gewesen sein könnte, schließt Sayeh definitiv aus. Aber das Gewissen von Kaveh, dem Unglücksfahrer, lässt ihm trotzdem keine Ruhe, selbst wenn er die Möglichkeit eines Genickbruchs auf lediglich ein Prozent schätzt. Er will eine Exhumierung und eine zweite Obduktion. Zumal sich die Ereignisse weiter zuspitzen.

Nirgends wird es ausdrücklich angesprochen, aber die Bilder der Lebensumstände sind eindeutig. Arm und Reich prallen aufeinander, werden in gerichtliche Auseinandersetzungen hineingezogen, ganz ähnlich wie in Asghar Farhadis „Nader und Simin – Eine Trennung“ von 2011. Doch anders als Farhadi lässt Drehbuchautor und Regisseur Vahid Jalilvand Raum für eine mögliche Überbrückung des feindlichen Gegensatzes. Der Gerichtspathologe als Vertreter der wohlhabenden Mittelschicht will den Schaden, den er unwillentlich verursacht hat, auf keinen Fall noch schlimmer machen. Bis zum Schluss bleibt unklar, ob der Junge tatsächlich an einem Genickbruch gestorben ist und ob der Vertreter der Mittelschicht nicht mehr Schuld auf sich nimmt, als er juristisch gesehen müsste.

Eine moralische EntscheidungVermutlich sieht das iranische Publikum den Klassengegensatz noch einmal mit ganz anderen Augen. Unter dem Druck der Zensur sind die Regisseure gezwungen, es bei Andeutungen zu belassen und versteckte Hinweise an jene zu geben, die die Verhältnisse genau kennen. Das gilt insbesondere für die Stellung der Frau. Es ist auffällig, wie stark die beiden Frauen im Film agieren. Aber wieviel Sprengkraft in der Figurenzeichnung wirklich steckt, lässt sich für westliche Augen kaum ausmachen.

Wirklich universell ist hingegen das Ausloten der ewigen Menschheitsfrage von Schuld und Sühne. Der deutsche Titel „Eine moralische Entscheidung“ führt dabei in die Irre. Denn es geht weniger um Moral, weniger um gesellschaftliche Werte und verallgemeinerbare Handlungsprinzipen, sondern mehr um das Gewissen als innere Stimme, die sich unabhängig vom Verstand meldet und den Menschen auch dann noch quält, wenn rational nicht mehr von Schuld die Rede sein kann. Diesen Aspekt fächert das ausgeklügelte Drehbuch in beeindruckender Vielschichtigkeit auf. „Warum haben Sie das getan“, wird der Gerichtspathologe mehrmals gefragt. Es spricht für die schauspielerische Leistung von Amir Aghaei, dass man ihm die Antwort „ich weiß es nicht“ glaubt. Somit fällt die Frage auf den Zuschauer zurück: Wie würde man selbst handeln, wenn man an seiner Stelle wäre?

„Eine moralische Entscheidung“ kreist in minimalistischer Ästhetik und sparsamer Erzählweise um die Frage von Schuld und Sühne. In seinen gesellschaftspolitischen Anspielungen ist der zweite Spielfilm von Vahid Jalilvand für westliche Zuschauer weniger zugänglich als die Arbeiten von Asghar Farhadi und Jafar Panahi. Doch in seiner Spannungsdramaturgie und Figurenzeichnung erweist sich der hierzulande noch wenig bekannte Regisseur als bereichernde neue Stimme im Weltkino.

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Copyright: Farbfilm

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Eine moralische Entscheidung

Länge: 103 min

Kategorie: Drama

Start: 20.06.2019

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Eine moralische Entscheidung

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 103 min
Kategorie: Drama
Start: 20.06.2019

Bewertung Film: (6,5/10)

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