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Der Klavierspieler vom Gare du Nord

Geschrieben von Peter Gutting am 5. Mai 2019

Der Klavierspieler vom Gard du Nord

Die klassische Musik ist möglicherweise noch stärker vom Aussterben bedroht als das Kino selbst. Niemand weiß, wie viele Menschen sich in 20 oder 30 Jahren noch für Orchester- oder Kammermusik begeistern werden. Ob Filme den Abwärtstrend aufhalten können, ist mehr als ungewiss. Dennoch gibt es immer wieder Versuche, die Kraft klassischer Musik cineastisch zu feiern. Man denke etwa an Spielfilme wie „Der Solist“ (2009) und „Saiten des Lebens“ (2012) oder an die Dokumentation „Kinshasa Symphony“ (2010). In allen steckt die geheime Botschaft von der charakterstärkenden Kraft eines Durchhaltevermögens, das Disziplin mit Schönheit belohnt. Auch im dritten Film des Franzosen Ludovic Bernard spielt dieses Motiv eine Hauptrolle – neben drei herausragenden Schauspielern.

Der Klavierspieler vom Gard du NordEin wuseliger Bahnhof in Paris. Im Zeitraffer rasen Menschen über Rolltreppen, drängen sich durch Drehtüren, hasten ihrem Ziel entgegen. Dann Echtzeit, langsam fährt die Kamera auf einen jungen Mann zu. Er sitzt an einem öffentlichen Klavier, konzentriert, in sich gekehrt, wie losgelöst von dem Gewimmel um ihn herum. Gegenschnitt auf das Gesicht eines gebannten Zuhörers, auch er wie verzückt. Ein kurzer Moment des Innehaltens. Doch im nächsten Moment ist die Hektik zurück. Polizisten tauchen auf, der junge Mann muss fliehen.

Einen Teil dieser Szene hat Regisseur und Drehbuchautor Bernard selbst erlebt, als er einmal auf seinen Zug wartete. Damals hörte er einem jungen Klavierspieler zu, der eher nach Vorstadt und Prekariat aussah als nach jahrelangen Klavierstunden, bezahlt von betuchten Eltern. Und der dennoch den Tasten einen Walzer von Chopin entlockte, technisch perfekt und mit inniger Hingabe. Damit, so erzählt es der Regisseur, war die Filmidee geboren. Schon im Zug begann er, sich Vergangenheit und Zukunft des jungen Mannes auszumalen.

Der Klavierspieler vom Gard du NordIn der Film gewordenen Fiktion trifft Mathieu (Jules Benchetrit), das musikalische Ausnahmetalent aus der Vorstadt, das sich mit Einbrüchen über Wasser hält, auf Pierre Geithner (Lambert Wilson), Leiter des Pariser Konservatoriums. Und auf eine Klavierprofessorin, die von allen nur „die Gräfin“ (Kristin Scott Thomas) genannt wird – wegen ihrer unnahbaren Strenge und ihres tyrannischen, menschenzerstörenden Perfektionsanspruches.

Weil die Grundmelodie so kitschig klingt – wohlhabende Bildungsbürger retten talentierten Asozialen -, reichert der Film seine Partitur nicht nur mit zahlreichen Plot-Dissonanzen an, sondern vor allem mit Kontrapunkten in den Biografien seines ungleichen Trios. Deren Geheimnisse sind lange Zeit nur in Mienenspiel und Körperhaltung zu erahnen. Erst gegen Ende entfalten sie sich zu vollem Klang. Nicht nur der junge Mathieu, sondern auch Pierre und die Gräfin brauchen Musik wie die Fische das Wasser, wären ohne sie vielleicht längst tot. Oder, wie es Pierre einmal gegenüber Mathieu ausdrückt, der sich dessen nur halb bewusst ist: „Sie spielen, weil Sie nicht anders können.“

Der Klavierspieler vom Gard du NordZwar kommt „Der Klavierspieler vom Gard du Nord“ nicht ganz ohne Klischees aus. Aber glücklicherweise verlegt der Film sie in die Nebentöne, etwa in die Liebesgeschichte von Mathieu mit der Cellistin Anna (Karidja Touré) oder in ein paar allzu romantische Stadtansichten des nächtlichen Paris. Den eigentlichen Takt schlagen die einfallsreich visualisierten Spannungen an, aber auch die insgeheimen Einverständnisse zwischen Mathieu, Pierre und der Gräfin. Etwa ihre unterschiedlichen Milieus, krass auf den Punkt gebracht in dem einschüchternden, sterilen Unterrichtsraum des Konservatoriums: einem riesigen Saal mit bodentiefen Fenstern, in dem verloren in der Mitte ein Flügel steht und sonst nichts, höchstens noch ein harter Stuhl. Selbst hier kommt es – neben dem Aufeinanderkrachen komplett verschiedener Welten – zu Momenten nonverbaler Verständigung. Die Kamera muss dazu nur in das versunkene, ganz in die Musik abgetauchte Gesicht des Schülers blicken. Und im Gegenschnitt einen minimalen Hauch an Gefühlsregung in den verhärteten Zügen der Lehrerin erhaschen.

Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass die drei Schauspieler den Film tragen und ihn vor dem Absturz in eine allzu süßliche Rhapsodie bewahren. Nachwuchstalent Jules Benchetrit überzeugt mit einer glaubwürdigen Mischung aus unberechenbarer Wut und tiefer Empfindsamkeit. Lambert Wilson als Chef des Konservatoriums lässt hinter seiner Besessenheit zugleich eine Weisheit aufblitzen, die den Kurzschluss einer rein psychologischen Erklärung für sein irrationales Verhalten zuverlässig unterbindet. Und von Kristin Scott Thomas weiß man natürlich, dass ihr der Kontrast von äußerer Kälte und innerer Wärme besonders liegt. Ihr wurde die Rolle laut dem Bekenntnis des Regisseurs auf den Leib geschrieben. Trotzdem liefert sie nicht etwas zigmal Gesehenes ab, sondern lotet die innere Spannung ihrer Figur mit sehenswerten Überraschungseffekten aus.

„Der Klavierspieler vom Gare du Nord“ bricht eine Lanze für den persönlichkeitsbildenden und Gemeinschaft stiftenden Wert klassischer Musik. Die Botschaft erklingt jedoch nicht in lautem Forte, sondern schwingt eher in den Untertönen mit. Die Schauspielkünste eines zunächst disharmonischen, aber nach und nach die richtigen Akkorde findenden Trios helfen über ein paar kitschige Misstöne und über teils absehbare Melodiebögen hinweg.

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Der Klavierspieler vom Gard du Nord

Länge: 106 min

Kategorie: Comedy, Drama

Start: 20.06.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Der Klavierspieler vom Gard du Nord

Der Klavierspieler vom Gare du Nord

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 106 min
Kategorie: Comedy, Drama
Start: 20.06.2019

Bewertung Film: (7/10)

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