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Under the Tree

Geschrieben von Peter Gutting am 7. April 2019

Under the Tree

Streit mit Nachbarn kennen die meisten Menschen, egal ob in der Hochhaussiedlung, der Reihenhauskolonie oder dem eingezäunten Eigenheim. Eigentlich erstaunlich, dass Filmemacher das Thema nicht öfter aufgreifen. In seinem dritten Spielfilm nimmt Hafsteinn Gunnar Sigurðsson die erbitterte Auseinandersetzung am Gartenzaun zum Anlass für eine schwarzhumorige Vorstadtsatire mit ernstem Hintergrund.

Under the TreeSommer in Island: Der Himmel zeigt sich überwiegend bedeckt. Nur wenn sich die Kamera auf den Boden legt und in die Blätter des titelgebenden Baumes schaut, lugt zufällig einmal die Sonne hervor. Sie hat natürlich wenig Chancen gegen das dichte Blattwerk, aber sie lässt es leuchten, funkelt zwischen dem Grün, zwinkert wie mit den Augen. Ein bezauberndes Schauspiel eigentlich, wenn man die Muße hätte, sich dem leichten Wogen des Grüns im Sonnenschein hinzugeben. Aber es gibt eben auch Zeitgenossen, die wollen Sonne pur, gerade wenn sie so selten scheint wie in Island. So eine ist Eybjörg (Selma Björnsdóttir), die neue Frau von Konráð (Torsteinn Bachmann), die vor kurzem bei ihm eingezogen ist – und somit die neue Nachbarin von Inga (Edda Björgvinsdóttir) und Baldvin (Sigurður Sigurjónsson). Denen gehört der Baum, der das Sonnenbad von Eybjörg stört, weil er seinen Schatten bis ins Nachbargrundstück wirft. Mehr braucht es nicht, um einen veritablen Streit vom Zaun der beiden Doppelhaushälften zu brechen.

Under the TreeKein Wunder, wenn da Wolken aufziehen. Zumal auch der Beziehungshimmel nicht voller Geigen hängt. Weder der zwischen den neuvermählten, aber nicht mehr jungen Eybjörg und Konráð, die in Torschlusspanik auf Biegen und Brechen noch ein Kind wollen. Noch bei Inga und Baldvin, die nicht über das Verschwinden ihres ältesten Sohns hinwegkommen. Und schon gar nicht bei dessen Bruder Atli (Steintór Hróar Steintórsson). Ihn hat seine Frau Agnes (Lára Jóhanna Jónsdoóttir) aus der Wohnung geworfen, weil er sich heimlich ein Sexvideo von einer früheren Freundin angeschaut hat. Atli zieht also zurück ins Elternhaus und wird in den Streit um den Baum hineingezogen. Selbst wenn er die ganze Auseinandersetzung für typisch kleinbürgerliches Gezänk hält.

Under the TreeDenkt man an Komödien aus Island, so fallen einem tiefschwarze, ziemlich kantige Machwerke mit einem unübersehbaren Hang zum Skurrilen ein. Etwa Arbeiten des Regisseurs Benedikt Erlingsson, der selbst seinem Ökothriller „Gegen den Strom“ (2018) noch ein gutes Stück Verrücktheit mitgab. Etwas von dieser Art bösen Humors findet sich auch in „Under the Tree“. Allein die Vogelperspektive auf monotone Vorstadthäuschen spricht Bände, ebenso der Schnitt zu sauber aufgereihten Sportschützen, die bierernst ihrem Hobby nachgehen, oder zu einem Picknick „im Grünen“, das sich nur so weit von der Zivilisation wegbewegt, dass der Parkplatz von Ikea in Reichweite bleibt. Die Idylle hat einen doppelten Boden. Beim Streit um den Baum droht deshalb das Schlimmste, und zwar nicht erst, wenn die Kettensäge ins Bild kommt.

Bei dieser Tonlage muss man sich erst daran gewöhnen, wenn plötzlich ganz ernst gemeinte, durchaus realistische Moll-Akkorde angeschlagen werden. Das Leben der drei Paare ist nämlich geprägt von Konflikten, über die sich Regisseur Hafsteinn Gunnar Sigurðsson keineswegs lustig macht. Er zeigt vielmehr, wie ungelöste Familienprobleme erst den Treibstoff für äußerliche, kleinliche und leicht lösbar scheinende Nachbarschaftskonflikte liefern. Mehr noch: Regie und Drehbuch geben sogar der Vernunft eine Stimme, meist die der etwas besonneneren Ehemänner, die versuchen, Brücken zu bauen, Verständnis zu zeigen und sich auch in die Situation des Nachbarn zu versetzen. Beide Erzählstränge – Familiendramen und eskalierender Baumstreit – finden dabei nicht immer harmonisch zueinander. Zwischendurch droht der Film sogar die Orientierung zu verlieren. Aber am Ende kriegt er wieder die Kurve. Dann verlieren auch die Vernünftigen die Nerven, und die Kettensäge kennt keine Gewinner.

„Under the Tree“ ist eine schwarze Tragikomödie, die einen überraschend ernsten Ton anschlägt. Statt nur auf die Spirale der Eskalation zu bauen, durchleuchtet der Film innerfamiliäre Spannungen, die sich in einem äußerlichen, eigentlich nichtigen Streit unter Nachbarn entladen. Trotz gewisser Unebenheiten ist die dritte Arbeit von Hafsteinn Gunnar Sigurðsson spannend, lustig und sogar lehrreich. Aus ihr ließe sich problemlos ein Ratgeber ableiten, in welche Fallen man als Nachbar besser nicht tappen sollte.

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Copyright: Farbfilm, Netop Films

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Under the Tree

Länge: 89 min

Kategorie: Comedy, Drama, Mystery

Start: 16.05.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Under the Tree

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 89 min
Kategorie: Comedy, Drama, Mystery
Start: 16.05.2019

Bewertung Film: (7/10)

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