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Der Fall Collini

Geschrieben von Peter Gutting am 2. April 2019

Der Fall Collini

Der Gerichtsfilm hat in den USA eine lange Tradition, auch wegen der Besonderheiten des dortigen Justizsystems. Deutsche Filmemacher tun sich schwerer mit dem Genre, so etwa Hans-Christian Schmid mit dem unterschätzten und an der Kinokasse gefloppten „Sturm“ (2009). Vielleicht hat Marco Kreuzpaintner bei der Verfilmung des Bestsellers von Ferdinand von Schirach deshalb eher einen Thriller gedreht als ein klassisches Justizdrama. Mit seinem Spannungskino spricht er ein breites Publikum an, ohne die ethischen und juristischen Themen der Vorlage unter den Tisch fallen zu lassen.

Der Fall ColliniEin alter Mann, ein Hotelflur, scheinbar unendlich lang. Schließlich klopft der alte Mann an die Tür der teuersten Suite, die das noble Haus zu bieten hat. Deren Bewohner dreht sich ahnungslos vom Panoramablick über Berlin weg, wendet sich freundlich dem erwarteten Besucher zu. Ein Journalist war angekündigt worden, sonst hätte es auch niemand hier hinauf geschafft. Aber ein Interview wird es nicht geben, dagegen sprechen die Kameraperspektive, die dunkle Ausleuchtung, der unheimliche Soundtrack. Schnitt: Der alte Mann ist zurück in der Hotellobby. Er zieht eine Blutspur hinter sich her. Jeder Schritt ein roter Abdruck.

Mehr als eine kurze Parallelmontage braucht es nicht, um die zentralen Figuren von „Der Fall Collini“ einzuführen. Fabrizio Collini (Franco Nero), ein unbescholtener Deutsch-Italiener erschießt im Jahr 2001 den Großindustriellen Hans Meyer. Collinis Pflichtverteidigung wird dem unerfahrenen Caspar Leinen (Elyas M’Barek) angetragen. Ihn hat der Zuschauer bereits im Gegenschnitt gesehen: beim einsamen Training in einem Boxstudio. Caspar hat erst vor drei Monaten sein Jurastudium beendet, sein erster Fall ist gleich der „Prozess des Jahres“, wie die Journalisten schreiben werden. Dabei hat er von den Routinen des Justizbetriebs so viel Ahnung wie der ebenfalls von M’Barek gespielte Zufallslehrer aus „Fack ju Göhte“ vom Unterrichten. Und seine Aufgabe ist mindestens genauso schwer, wie die Chaos-Truppe der Münchner Goethe-Gesamtschule in den Griff zu kriegen. Collini schweigt nämlich beharrlich, sein Motiv bleibt völlig unklar, niemand weiß, in welcher Beziehung er zum Mordopfer stand. Hinzu kommt: Caspar kannte den Toten. Mit dessen Enkelin Johanna (Alexandra Maria Lara) verbrachte er seinen ersten Liebessommer.

Der Fall ColliniDie Besetzung der Hauptrolle mit dem „Fack ju Göhte“-Star ist durchaus Kalkül, nicht nur kinokassentechnisch. Die locker-schnoddrige Art des Pflichtverteidigers bringt – im Unterschied zum Roman – eine Underdog-Perspektive in den Fall. Der in einem billigen Büro hausende Berufsanfänger könnte auch als lässiger Privatdetektiv durchgehen, mit seinem Schlag bei Frauen, seinen unkonventionellen Methoden und seinem uralten Mercedes, den man zunächst für einen typischen „Türken-Benz“ halten könnte. Die eingeschränkte Perspektive von M‘Bareks Figur ist auch die des Zuschauers. Mit ihm verstrickt er sich in undurchsichtige Welten: in die Machenschaften des Justizapparats mit seinen Deals und Absprachen, seinen heimlichen Hierarchien und unausgesprochenen Rollenerwartungen. Und in die Welt des deutschen Großkapitals aus dem vorigen Jahrhundert: mit seinen alten Patriarchen, die in der Nazi-Zeit gute Geschäfte machten und in der Nachkriegszeit ihre Schuld verleugneten.

Regisseur Marco Kreuzpaintner verband schon 2007 in „Trade“ ein gesellschaftskritisches Thema – damals das des Menschenhandels – mit spannendem, großem Kino. Nicht anders funktioniert „Der Fall Collini“. Und zwar sehr überzeugend, wenn man sich auf die Prämisse einlässt, einen auf geschichtlichen Fakten beruhenden, gesellschaftlich relevanten Roman einem möglichst großen Publikum in zwei Stunden nahebringen zu wollen. Kreuzpaintner inszeniert das Drehbuch seines Regiekollegen Christian Zübert aus dämonisierenden Kameraperspektiven, in flashback-haften Erinnerungsfetzen und mit treibendem, emotionalisierendem Soundtrack. Ein Gang durch Gefängnisflure sagt hier mehr als lange Dialoge, der Weg des Angeklagten aus dem düsteren Keller direkt in den Panzerglaskasten des Gerichtssaals erklärt alles über Hierarchien, Macht und Vorurteile. Juristische Finessen werden filmgerecht verdaulich gemacht, aber nicht unzulässig vereinfacht. So erfährt der Zuschauer, der das Buch nicht gelesen hat, auch etwas über die kaum bekannten Tricks, mit der die von Ex-Nazis durchsetzte Nachkriegsjustiz ihre einstigen Gesinnungsgenossen schützte. Aber natürlich nicht im Sinne einer trockenen Geschichts- oder Ethikstunde. Da ist allein schon Hilfslehrer M‘Barek davor.

Regisseur Marco Kreuzpaintner verfilmt Ferdinand von Schirachs „Der Fall Collini“ als spannenden, emotionalisierenden Thriller und Krimi. Er verpackt die juristischen und ethischen Fragen des Buches in eine unterhaltsame Form, ohne sie zu sehr zu vereinfachen oder gar in den Hintergrund zu drängen. Ganz im Gegenteil. Der Verzicht auf eine Predigt zu den Bekehrten führt in diesem Film dazu, dass man mit reichlich Gesprächsstoff aus dem Kino geht.

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Copyright: Constantin Film

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Der Fall Collini

Länge: 118 min

Kategorie: Drama, Thriller

Start: 18.04.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Der Fall Collini

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 118 min
Kategorie: Drama, Thriller
Start: 18.04.2019

Bewertung Film: (7/10)

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