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All my Loving

Geschrieben von Peter Gutting am 12. April 2019

All my Loving

Nicht alle Drehbücher werden besser, wenn man lange an ihnen herumdoktert. Wohl aber die Geschichte von drei Geschwistern, die Edward Berger zusammen mit der Schauspielerin Nele Mueller-Stöfen schon vor seinem Überraschungserfolg „Jack“ (2014) entwickelte. Gut gereift und abgehangen, dient das Familiendrama als Vorlage für eine visuell und erzählerisch ungewöhnlich ausgefeilte Inszenierung.

All my LovingEin schickes Restaurant, einen Tick zu fein für den jüngsten Bruder. Aber sozusagen ein Heimspiel für den älteren, der mit der Wahl des Treffpunkts zugleich die Regeln diktiert. Die Schwester durchschaut das sofort und ist dann auch gleich wieder weg. Zurück bleiben die beiden Männer, jovial mit dem Kellner schäkernd der eine, überfordert der andere. Besprechen wollten sie, was zu tun ist, nachdem der Pfleger des Vaters gekündigt hat. Aber nach wenigen Sekunden ist klar, dass der Jüngste mal wieder die schlechteste Karte gezogen hat. Er ist es, der zu den Eltern (Manfred Zapatka und Christine Schorn) fahren muss, um nach dem Rechten zu sehen.

Die Szene dauert gefühlt nur zwei bis drei Minuten, doch nach der langen Einstellung ist das Verhältnis der Geschwister völlig klar. Es ist, als ob der Zuschauer am Nebentisch gesessen und das Gespräch mitgehört hätte: ein alltäglicher Vorgang, nichts Dramatisches, ein Beziehungsmuster, das man vielleicht aus der eigenen Familie kennt. Die meisten Geschwister sind ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, jeder spielt seine Rolle, seit der Kindheit eingebrannt wie eine zweite Natur. Der Film setzt damit einen Ton, den er für knappe zwei Stunden virtuos variieren wird: den des Authentischen, der problemlosen Einfühlung in die Realität der fiktiven Figuren.

All my LovingStefan (Lars Eidinger), Julia (Nele Mueller-Stöfen) und Tobias (Hans Löw) stehen alle in der Mitte ihres Lebens, mit Problemen, die der Begriff „Midlife-Crisis“ nur klischeehaft und damit unzureichend widerspiegelt. Pilot Stefan darf wegen Hörproblemen seit drei Monaten nicht mehr fliegen, der Arzt rät ihm zur Umschulung. Aber Stefan zieht abends noch immer seine Uniform an, setzt sich an Hotelbars und schleppt Frauen ab. Julia fährt mit ihrem Mann Christian (Godehard Giese) über ein langes Wochenende nach Turin, um die kriselnde Ehe neu in Schwung zu bringen. Und Tobias hat in der Begegnung mit dem verhärmten Vater ein Kindheitstrauma vor der Brust.

Erzählt wird davon in drei langen Episoden, entgegen den üblichen Konventionen, die ein Verschachteln der Erzählstränge nahelegen. Dadurch bleibt der Zuschauer dicht an der jeweiligen Figur, lernt sie genau kennen, schaut hinter die Fassade. Und dadurch vermeidet der Film die übliche Psychologisierung der Familienstruktur. Das Schicksal des einen wird nicht auf das Verhalten der Eltern oder der Geschwister zurückgeführt. Jeder trägt sein Päckchen, keiner kann sich durch Schuldzuweisungen aus der Verantwortung stehlen.

All my LovingInsgesamt lässt sich jede formale Entscheidung auf ihren inhaltlichen Sinn abklopfen. Am auffälligsten sind die langen Großaufnahmen, gezielt gesetzt und aus den sonstigen, eher distanzierten Einstellungen herausgelöst. Sekundenlang verweilt die Kamera auf den Gesichtern, liest sozusagen in der Seele, fängt stumm dramaturgisch wichtige Wendepunkte ein. Nur wenig von den inneren Konflikten wird in Dialoge ausgelagert. Dadurch erhält der Zuschauer die Freiheit der Interpretation, aber auch die Aufgabe, die Leerstellen der Erzählung durch eigene Überlegungen zu füllen. Belohnt wird mit einer Klischeefreiheit, die gerade bei einem so vorbelasteten Thema wie der Familie zur Seltenheit geworden ist.

Der Verzicht auf abgegriffene Formeln gilt auch für die Entwicklung der drei Helden. Gefühlt 80 bis 90 Prozent aller Filme lassen ihre Charaktere auf eine Reise gehen, die ihnen eine Veränderung abverlangt. Da wird es schwierig, auf vorhersehbare Wendungen zu verzichten. Aber durch seine formale Meisterschaft, durch Auslassungen und visuelle Finesse schafft es „All my Loving“, den notwendigen Neuanfang im Leben aller drei Geschwister so authentisch zu skizzieren, dass er nicht „bigger than life“ anmutet, sondern realistisch – in einer Bescheidenheit, die mit leisen Andeutungen auskommt, ohne Dramatik, Streichereinsatz oder besserwisserischem Zeigefinger.

Edward Bergers neuer Kinofilm glänzt mit einer klugen Besetzung, mit hervorragenden Schauspielerleistungen und einer subtilen Kamera. Durch seine unverbrauchte Visualität bringt er ein Thema glaubwürdig zum Leuchten, das das Hollywoodkino mit Kitsch zukleistert: die Familie als Rückhalt, vielleicht sogar als Utopie, aber mindestens als Sehnsuchtsort.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Port au Prince

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All my Loving

Länge: 116 min

Kategorie: Drama

Start: 23.05.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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All my Loving

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 116 min
Kategorie: Drama
Start: 23.05.2019

Bewertung Film: (7,5/10)

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