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Ein Gauner & Gentleman

Geschrieben von Peter Gutting am 17. März 2019

Ein Gauner & Gentleman

Viele filmreife Geschichten schreibt das Leben selbst. Etwa die vom Bankräuber, der selbst mit 78 Jahren noch nicht die Finger von dem lassen konnte, was er als seinen „Beruf“ ansah: Geldinstitute um ihre Kassenbestände zu erleichtern. Trotzdem hat das Kino den Stoff lange liegen lassen, ja sogar ignoriert. Aber wer weiß, vielleicht haben die Produzenten einfach nur abgewartet, bis Robert Redford so viele Falten im Gesicht hatte, dass er den Gentleman-Gauner weit jenseits der Pensionsgrenze glaubhaft verkörpern konnte. Regisseur David Lowery jedenfalls lässt den alten Leinwand-Haudegen auch mit jenseits der 80 noch verdammt gut aussehen in der verschmitzten Räuber-Komödie: Womanizer, Outlaw und Lausbub in einer Person.

Ein Gauner & GentlemanWährend sich immer mehr Filme mit dem Prädikat einer „wahren Geschichte“ schmücken, kommt „Gauner & Gentleman“ hintersinniger daher. „Fast wahr“ lautet die Formulierung des Vorspanns hier. Fakt also oder Fiktion? Zum Beispiel diese Episode: Kommt ein Polizist in eine Bank, in Zivil und in Begleitung seiner Kinder. Steht in der Schlange und erzählt den Kids ein Märchen vom Frosch. Schaut ab und zu in das Glasbüro des Filialleiters, wo ein gutgekleideter älterer Herr sich Geldscheine in eine Tasche füllen lässt. Denkt sich nichts dabei, auch nicht, als der Senior mit den kaum jüngeren Komplizen Teddy (Danny Glover) und Waller (Tom Waits) in aller Seelenruhe das Gebäude verlässt, in dem wenige Sekunden später der Alarm schrillt.

Das Waterloo für den Ordnungshüter – ist das nun gut erfunden oder kuriose Realität? Gar nicht so leicht zu entscheiden angesichts des abenteuerlichen Lebenslaufs von Bankräuber Forrest Tucker, der seine Vita selbst verfilmt wissen wollte, sie aufschrieb und an Clint Eastwood schickte. Der aber zu der Hollywoodlegende gar nicht vorgelassen wurde. Angeblich weil er keinen Agenten hatte, der für ihn die Beziehungen spielen ließ. Trotzdem musste Tucker, der 2004 im Alter von 83 Jahren starb, seine Geschichte nicht mit ins Grab nehmen. Denn der Journalist David Grann interessierte sich für den ungewöhnlichen Bankräuber, den die meisten Opfer als besonders freundlich und zuvorkommend schilderten. Er veröffentlichte 2003 im Magazin „The New Yorker“ das Porträt „The old Man and the Gun“ über einen Ganoven, der partout nicht in den Ruhestand gehen wollte. Dank des Internets kann man die Geschichte, auf der der Film basiert, auch 16 Jahre später noch nachlesen. Wer das tut, wird der Realität sicherlich näher kommen als der Kinozuschauer.

Ein Gauner & GentlemanAber darum geht es Regisseur David Lowery und seinem Star Robert Redford nicht – und das ist auch in Ordnung so. Ihnen geht es um den Kinomythos des Gesetzlosen, dem die Herzen der Zuschauer für eineinhalb Stunden zufliegen. Und das in einer neuen, man könnte sagen, bübisch-verschmitzten Variante. „Bonnie und Clyde“ lassen natürlich genauso grüßen wie der mehrfach verfilmte John Dillinger. Aber hier geht es nicht nur um eine zeitweise Identifikation des Zuschauers mit Ausbrecherkönigen oder scheinbar nicht zu Fassenden, die mit der gerechten Strafe, mit dem Tod im Kugelhagel endet. Hier geht es um eine nachhaltige, reuelose Sympathie mit einem, der aus dem bürgerlichen Leben, das er unter falschen Namen durchaus führte, immer wieder ausbrach. „Ein Gauner & Gentleman“ rückt daher die sanften, laubübischen Züge des Forrest Tucker in den Mittelpunkt, seine zur Kunst oder wenigstens zum Kunsthandwerk verfeinerte Performance des Bankraubs, mit freundlichen Worten, ohne Geschrei oder Panik, besonnen einstudiert wie die Rolle eines Schauspielers, der einen gut situierten, vornehmen alten Herren zu verkörpern hat. Kurz: einen Räuber mit Stil.

Eine Komödie zum Brüllen ist das nicht, aber ein Schmunzelfilm mit leisem Humor und einem Faible für die späten 1970er und frühen 1980er Jahre, als man Zeitungsarchive noch per Mikrofiche an einem speziellen Lesegerät durchstöbern musste und die Aufnahmegeräte noch Kassetten hatten. Als Filme noch auf Zelluloid gedreht wurden und manchmal etwas körnig aussahen, weil das Geld nur für 16 Millimeter und nicht für 35 gereicht hatte. Es ist, trotz der agilen und zuweilen dokumentarisch anmutenden Kamera von Joe Anderson, so etwas wie ein Märchen vom guten Leben außerhalb des Gesetzes, mit gehörigem Spaß am Katz-und-Maus-Spiel und ein wenig Altersphilosophie. Die Schattenseiten der Biographie von Forrest Tucker, etwa die langen Knastaufenthalte, bleiben bewusst ausgeblendet. Alles eben nur fast wahr, aber schön anzusehen. Und eine tiefe Verbeugung vor Robert Redford, seinen Verdiensten als Schauspieler, als Regisseur und als Begründer des Sundance-Festivals mit seiner Förderung des Independent-Films. Zu letzterem darf man auch „Ein Gauner & Gentleman“ rechnen, trotz seines leichten Hangs zu Verklärung und Realitätsverleugnung. Denn eines ist die charmante Wohlfühlkomödie nicht: eine auf Hochglanz polierte Heldenstory á la Hollywood.

In einem klug gecasteten Starensemble – neben den Genannten spielen noch Sissy Spacek und Casey Affleck mit – lässt Robert Redford als Gauner-Gentleman die Erinnerung an frühere Rollen seines Schauspielerlebens aufleben. Er interpretiert die Lebensphilosophie eines real existierenden Bankräubers so, als hätte man dessen Biografie eigens erfunden, damit Redford sie spielen kann. Das ist ein Vergnügen eigener Art – und lässt die Wirklichkeit für eineinhalb Stunden in Vergessenheit geraten.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

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Ein Gauner & Gentleman

Länge: 93 min

Kategorie: Biography, Comedy, Crime

Start: 28.03.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Ein Gauner & Gentleman

Ein Gauner & Gentleman

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 93 min
Kategorie: Biography, Comedy, Crime
Start: 28.03.2019

Bewertung Film: (7,5/10)

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