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Edie – Für Träume ist es nie zu spät

Geschrieben von Peter Gutting am 18. März 2019

Edie - Für Träume ist es nie zu spät

14 Prozent der deutschen Kinobesucher gehören zur Generation 60 plus. Gäbe es nicht die „Silver Ager“, zu denen immer mehr der einstigen „Baby Boomer“ aufrücken – es sähe deutlich schlechter aus um die Zukunft der Lichtspielhäuser. Schon seit einigen Jahren findet sich die Zielgruppe auch in eigens für sie geschaffenen Leinwandhelden und Themen wieder. Man denke etwa an Dieter Hallervorden in „Sein letztes Rennen“ (2013) oder „Honig im Kopf“ (2014). Die Botschaft ist oft dieselbe: Selbst im hohen Alter kann das Leben eine nicht mehr für möglich gehaltene Wende nehmen. Eine Losung, die es überdeutlich in den deutschen Verleihtitel des jüngsten Films von Simon Hunter geschafft hat.

Edie - Für Träume ist es nie zu spätEng geht es zu im kleinen Häuschen, in dem Edie (Sheila Hancock) 30 Jahre lang ihren Ehemann nach dessen Schlaganfall gepflegt hat. Und eng waren auch diese Ehe und dieses Leben, das die 83-Jährige nun, nach dem Tod des Gatten, als verlorene Zeit empfindet. Denn für die Enge war die als „Wildfang“ aufgewachsene Seniorin nicht geschaffen. Mit dem geliebten Vater zog es sie in ihrer Jugend in die Weite, zum Campen, in die Schönheit der Natur. Selbst als sie schon verheiratet war, lud sie der Vater noch zu einer ganz besonderen Herausforderung ein: zur Besteigung des Berges Suilven im schottischen Hochland, eines schroffen, nur für Geübte zu bewältigenden Felsmassivs. Doch daraus wurde damals nichts, der Ehemann war dagegen. Aber jetzt, als Edie den Dachboden aufräumt, fällt ihr das Postkartenmotiv des Vaters wieder in die Hände. Kurzerhand steigt sie in den Nachtzug nach Schottland.

Edie - Für Träume ist es nie zu spätDamit weitet sich das Bild, immer wieder fährt die Kamera zurück und öffnet den Raum, gibt den Blick frei auf Flüsse und Täler, auf endlose Moore und Seenplatten, auf die Küste im äußersten Nordwesten der schottischen Wildnis. Dort ragt der Berg Suilven fast senkrecht aus der Moorlandschaft. Seine auf den ersten Blick geringe Höhe von 731 Metern täuscht. Selbst erfahrene Bergsteiger planen für die Tour drei Tage und zwei Übernachtungen ein. Erst am frühen Morgen des dritten Tages beginnt die eigentliche Besteigung.

Der uralte, defekte Rucksack von Edie erinnert ein wenig an die praktisch nicht vorhandene Ausrüstung von Reese Witherspoons Heldin in „Der große Trip – Wild“, die zur Extremwanderung entlang der amerikanischen Pazifikküste aufbrach. Hier wie dort eine Frau auf Selbstfindungstrip, komplett untrainiert und unvorbereitet, aber wild entschlossen, härteste Prüfungen und Belastungsproben zu bestehen. Der Unterschied ist nur: Die eine Frau ist um die 40, die andere aber doppelt so alt.

Edie - Für Träume ist es nie zu spätUnd: Die ruppige, vom Leben enttäuschte Seniorin muss neben dem Trip in die Wildnis eine weitere Herausforderung bestehen. Regisseur Simon Hunter und seine Drehbuchautorin Elizabeth O’Halloran lassen sie auf den jungen Campingladenbetreiber Jonny (Kevin Guthrie) treffen, der sich nur widerwillig in die Rolle des Bergführers und Trainers schubsen lässt und von der „schrulligen alten Kuh“ wenig angetan ist. Hier die dominante, herrische Dame, dort der etwas verpeilte, tendenziell hilflose Junge, diese Konstellation lässt den Film streckenweise in eine Screwball-Komödie abgleiten. Und das nicht einmal zu seinem Nachteil. Denn statt die Strapazen der Bergtour endlos auszuwalzen, konzentriert sich „Edie – Für Träume ist es nie zu spät“ auf die Ecken und Kanten seiner Charaktere. Und gibt so der erfahrenen Theaterschauspielerin Sheila Hancock die Möglichkeit, die Facetten ihrer Figur glaubhaft auszuloten. Weniger plausibel sind dagegen die zahlreichen Zufälle, die das Drehbuch konstruiert, um die beiden nicht nur zusammenzubringen, sondern auch zusammenzuhalten.

Nach dem Ausflug in die Komödie muss aber irgendwann dann doch der Ernst des Aufstiegs beginnen. Und damit auch der Zweifel, ob eine derartige Anstrengung für über 80-jährige tatsächlich zu schaffen ist. Weil es sich nicht um eine der immer beliebteren „wahren Geschichten“ handelt, ist der Zuschauer auf die (wahre) Information angewiesen, dass Sheila Hancock die Tour tatsächlich bewältigt hat. Dass sie auch aufgrund ihrer körperlichen Fitness für die Rolle ausgewählt wurde. Und dass sie sich wochenlang im Fitnessstudio mit einem speziellen Nordic-Walking-Training auf den Dreh vorbereitet hat.

„Edie –Für Träume ist es nie zu spät“ zielt unübersehbar auf die wachsende Programmkinozielgruppe der „Silver Ager“. Zu den Pluspunkten der konventionell inszenierten Dramödie zählen neben der sympathischen Botschaft vor allem die facettenreiche Hauptdarstellerin, die sehenswerten Landschaftsaufnahmen und die liebenswerten Scharmützel des Screwball-Genres. Störend wirken dagegen überdeutliche Symbolismen, dick aufgetragene Filmmusik und ein paar einfallslose Illustrationen unberührter Natur.

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Wir vergeben daher 6 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Weltkino, Cape Wrath Films Ltd.

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Edie - Für Träume ist es nie zu spät

Länge: 102 min

Kategorie: Drama

Start: 23.05.2019

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Edie - Für Träume ist es nie zu spät

Edie – Für Träume ist es nie zu spät

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 102 min
Kategorie: Drama
Start: 23.05.2019

Bewertung Film: (6/10)

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