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Ayka

Geschrieben von Peter Gutting am 9. März 2019

Ayka

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. So lautet eines der bekanntesten Zitate von Bertolt Brecht. Die Kritik aus dem Song des „Mackie Messer“ aus der Dreigroschenoper richtet sich gegen die Doppelmoral des Bürgertums, das den von ihm ausgebeuteten Arbeitern Anstand predigen wollte. Die Weisheit gilt aber auch im Turbokapitalismus des postsowjetischen Russlands mit seinen offen unmoralischen Neureichen, wie das brutal realistische Überlebensdrama des russischen Filmemachers Sergey Dvortsevoy zeigt. Wie kann es sein, dass jährlich Hunderte von Babys in Moskauer Geburtskliniken von kirgisischen Müttern einfach verlassen werden, fragte sich der Regisseur. Sein zweiter Spielfilm nach dem gefeierten Debüt „Tulpan“ versucht eine Antwort.

AykaIn der ersten Einstellung scheint die Welt für vier Babys mit asiatischen Gesichtszügen noch in Ordnung. Eng nebeneinander gepackt liegen sie friedlich auf einem Wagen, das eine steckt mit seinem genüsslichen Gähnen die anderen an. Offenbar sind sie direkt nach der Geburt gut versorgt worden und werden nun zurück zu ihren Müttern gefahren.

Schnitt, nächster Morgen, ganz früh. Ayka (Samal Yeslyamova) überhört den Schrei ihres neugeborenen Sohnes, wird erst von der strengen Krankenschwester geweckt. Sie solle ihr Baby stillen, lautet die im Befehlston vorgebrachte Anweisung. Aber die 25-jährige, aus Kirgisien stammende Mutter schaut das hungrige Kind nicht einmal an. Sie flüchtet ins Bad und von dort durchs Fenster auf die eisigen Straßen Moskaus. Geschwächt von der Geburt und von heftigen Unterleibsschmerzen kennt Ayka nur eine Sorge: Sie darf nicht zu spät zur illegalen Arbeit bei einem Hühnerschlachter kommen. Denn die gnadenlosen Geldeintreiber, denen sie den Kredit für die Schneiderwerkstatt schuldet, die sie aufmachen wollte, werden immer ungeduldiger.

AykaSo atemlos, so erschöpft wie Ayka durch Moskau taumelt, so hektisch hetzt die dokumentarische Kamera von Jolanta Dylewska hinter ihr her. Keine Verschnaufpause, keine Zeit zum Nachdenken, geschweige denn für moralische Skrupel. Nur der unaufhörliche Schneesturm, das Geschiebe in den U-Bahnhöfen, das Geschrei in der illegalen Massenunterkunft, der kurze Schlaf wie ein Filmriss, visualisiert durch ein paar Sekunden schwarze Leinwand. Ganz nah die Kamera, doch fast nie ein Blick in die Augen, immer nur in das von der Kapuze halb verhüllte Gesicht. Keine Zeit für Charakterstudien oder Seelenkunde. Trotzdem: Indem der Zuschauer mit in den Strudel der turbulenten Ereignisse gezogen wird, kann er gar nicht anders, als sich in die junge Frau einzufühlen, mit ihr zu bangen, für sie zu hoffen. Und ihre Zähigkeit zu bewundern, ihren Willen, sich durchzuschlagen. Kurz: Der Gesichtslosen ein Gesicht zu geben.

„Ayka“ ist diejenige Art von Sozialdrama, die ein ganzes Genre naturalistischer Härte zum Vorbild hat. Filme der Brüder Dardenne kommen einem in den Sinn, gerade wegen der jungen weiblichen Hauptfigur und wegen der Aussichtlosigkeit ihrer Lage. „Rosetta“ heißt eines der frühen Dardenne-Werke, das ebenso wie „Ayka“ im Wettbewerb von Cannes gezeigt wurde und 1999 die Goldene Palme holte. Beiden Werken ist ihre Tristesse gemein, ihre Schonungslosigkeit, ihre Nähe zum Dokumentarischen. Der humanistische Unterton, der die späteren Arbeiten der Brüder prägt, ist in „Rosetta“ noch so fern wie in dem Motiv-verwandten „Ayka“. Und das ist auch eine Schwäche des Films von Sergey Dvortsevoy. Mag die innere und äußere Kälte der russischen Hauptstadt noch so genau gezeichnet sein, mag Samal Yeslyamova zu Recht den Preis für die beste Hauptdarstellerin in Cannes bekommen haben – es fehlt einfach ein Gegengewicht zur sozialrealistischen Düsternis der abwärts führenden Handlung.

Oder genauer gesagt: Das Gegengewicht, das Dvortsevoy aufbietet, verträgt sich nicht mit der Logik seiner Geschichte. Immer wieder zeigt der Regisseur, wie Ayka unter schmerzenden Brüsten zu leiden hat, wie sie die Muttermilch mit knetenden, beinahe wie melkenden Händen aus sich heraus in den Ausguss presst. Als könnte die Natur in Form körperlicher Folgen des Mutterseins korrigierend in das Mühlrad einer Gesellschaft eingreifen, die die Benachteiligten zerquetscht. Als ließe sich da, wo Instinkt und Gewissen im Kampf ums Fressen versagen, die Mütterlichkeit als neue moralische Instanz etablieren. Und als läge die bewundernswerte Stärke von Ayka nicht gerade darin, dass sie natürliche Hindernisse wie Hunger, Durst oder Schmerzen überwindet, um ihrem Ziel – einem selbstbestimmten Leben fernab der provinziellen Enge – näher zu kommen.

„Ayka“ ist ein Sozialdrama mit klaren Pluspunkten: Genauigkeit in der Härte des sozialen Gefälles, in der Zeichnung einer erbarmungslosen Metropole, und schonungslose Abrechnung mit einer Gesellschaft, die moralische Fragen für obsolet erklärt. Aber der Film lässt dem Zuschauer keinen Ausweg aus der Tristesse. Er eignet sich vor allem für jene, die sich durch das krasse Gegenteil von Wohlfühlkino nicht den Abend verderben lassen.

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Ayka

Länge: 100 min

Kategorie: Drama

Start: 18.04.2019

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Ayka

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 100 min
Kategorie: Drama
Start: 18.04.2019

Bewertung Film: (6,5/10)

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