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Die Goldfische

Geschrieben von Peter Gutting am 28. Februar 2019

Die Goldfische

Glück muss man haben: Weil eine Produzentin seinen Studentenfilm „Behinderte Ausländer“ sah, bekam Regisseur Alireza Golafshan für sein Debüt ein richtig großes Projekt angeboten, eine Mainstream-Komödie mit namhaften Schauspielern wie Tom Schilling, Jella Haase und Birgit Minichmayr. Der Nachwuchsfilmemacher mit iranischem Migrationshintergrund schien genau der Richtige, um Menschen mit Behinderung humorvoll und auf Augenhöhe zu begegnen. Doch die behindertenpolitische Korrektheit kommt den Bedürfnissen der Komik streckenweise in die Quere.

Die GoldfischeNicht jeder Debütant hat das Geld, eine Luxuslimousine derart filmreif zu schrotten. Raus aus dem ländlichen Endlosstau der Möchtegernurlauber, mit Vollgas auf die Gegenfahrbahn, schnell noch vor dem ersten entgegenkommenden Kleinlaster wieder eine Lücke zum Einscheren anpeilen – das wäre theoretisch sogar gutgegangen. Wenn da nicht plötzlich ein anderer Wagemutiger hinter dem Lieferwagen hervorgeschossen käme. Was bleibt, sind der Aufprall auf eine Verkehrsinsel, der Schauwert des Abhebens und mehrmaligen Überschlags sowie das actiongemäße Abrollen, bis der Wagen endlich auf dem Dach zum Liegen kommt.

Querschnittslähmung, Rollstuhl und Reha: Drei Monate nach dem Schicksalsschlag lebt Oliver Overrath (Tom Schilling) noch immer auf der Überholspur. Chattet per Video mit seinem Chef und den wohlhabenden Kunden, die der ehrgeizige Portfolio-Manager mit seinen Überredungskünsten bei der Stange zu halten sucht. War da was? Nicht, dass Oliver wüsste. Nur der Stau auf der Datenautobahn – das langsame WLAN der Reha-Einrichtung – kann den umtriebigen Geldvermehrer vorübergehend stoppen. Aber keineswegs dauerhaft. Auf der Suche nach dem optimalen Drahtlossignal landet der dynamische Anzugtyp in der benachbarten WG von Magda (Birgit Minichmayr), der Blinden, Franzi, dem Mädchen mit Down-Syndrom, und den beiden ganz unterschiedlichen Autisten Rainer (Axel Stein) und Michi (Jan Hendrik Stahlberg). Weiterer Vorteil: Betreut wird das Quartett von der hübschen Laura (Jella Haase), die Oliver so gern zum Japaner einladen würde. Und: Ein Behindertenausflug wäre die perfekte Tarnung. Um mal kurz in die Schweiz zu fahren und die 1,2 Millionen Schwarzgeld aus dem Züricher Schließfach zu holen, bevor es die Steuerfahnder tun.

Die GoldfischeVieles kommt da zusammen, über das der geneigte Zuschauer am besten hinwegsieht. Wieso leben ausgerechnet vier Menschen mit derart unterschiedlichen Bedürfnissen in einer Wohnung? Und warum fliegt Olivers Steuerhinterziehung genau in dem Moment auf, als er seinen „Arbeitsplatz“ in der eher lethargischen WG einrichtet? Noch schwerer als solche Wahrscheinlichkeitsrechnungen lastet das schleppende Tempo auf der Komödie, die sich nach rasantem Auftakt an die Geschwindigkeitsbegrenzung lauen Humors hält. Dass der Physiotherapeut die Rolli-Fahrer zu seltsamen Rollenspielchen anhält und das Olivers nach Enkeln lechzende Mutter ein Buch über „Sex im Rollstuhl“ vorbeibringt – Witze solchen Formats müssen vorerst reichen. Richtig Fahrt kommt erst auf, als sich die bunte Truppe tatsächlich auf den Weg in die Schweiz macht. Hier lässt der Film dann auch die hemmenden Zügel der behindertenpolitischen Korrektheit schleifen. Dass irgendwann eine Blinde am Steuer sitzt, macht ebenso viel Spaß wie die Gesichter der Grenzbeamten. Hin- und hergerissen zwischen ordnungspolizeilicher Verantwortung und Behindertenbonus taumelt das Mienenspiel dem Nervenzusammenbruch entgegen.

In seiner Stärke offenbart der Film zugleich sein Dilemma. Nun gelten die Lacher plötzlich den körperlichen und mentalen Eigenheiten behinderter Menschen, denen der Film doch eigentlich auf Augenhöhe hatte begegnen wollen. Das hätte sich vermeiden lassen, wenn die Lahmen, Blinden und mental Gestörten auch über sich selbst lachen könnten, wie es in gelungeneren Komödien über dasselbe Thema geglückt ist. Doch die Figurenkonstellation von „Die Goldfische“ lässt Ironie und Selbstdistanz nur bei der blinden Magda zu. Die anderen sind mental derart eingeschränkt gezeichnet, dass sie in ihren Ticks gefangen bleiben.

„Die Goldfische“ ist eine prominent besetzte Komödie, deren Witz nur streckenweise zündet. Zu durchsichtig ist ihr Bemühen, einem plötzlich an den Rollstuhl gefesselten Karrieristen die wahren Werte des Lebens nahezubringen. Und zu gewagt ist der Versuch, Tom Schilling gegen den Strich spielen zu lassen und den immer leicht melancholisch wirkenden Schauspieler in die Zwangsjacke eines skrupellosen Managers zu stecken. Richtig stark ist der Film aber in jenen Momenten, in denen er die behindertenpolitische Korrektheit zugunsten irren Slapsticks über Bord wirft.

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Wir vergeben daher 5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Sony

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Die Goldfische

Länge: 111 min

Kategorie: Comedy

Start: 21.03.2019

cinetastic.de Filmwertung: (5/10)

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Die Goldfische

Die Goldfische

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 111 min
Kategorie: Comedy
Start: 21.03.2019

Bewertung Film: (5/10)

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