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Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit

Geschrieben von Peter Gutting am 21. Februar 2019

Die Berufung - Ihr Kampf für Gerechtigkeit

Gleich zwei Filme über eine außergewöhnliche Frau: Das sagt nicht nur etwas über eine der bedeutendsten Frauenrechtlerinnen des 20. Jahrhunderts aus. Sondern auch über die aktuelle politische Bedrohungslage, in der Rechtspopulisten liberale Errungenschaften auf den Müllhaufen der Geschichte werfen wollen. Nach der Dokumentation „RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit“ (gestartet im Dezember 2018) folgt nun die Filmbiografie über die Juristin Ruth Bader Ginsburg, die mit 85 Jahren derzeit Richterin am Supreme Court der USA ist – und zeitlebens ein Dorn im Auge konservativer weißer Männer war.

Die Berufung - Ihr Kampf für GerechtigkeitSchwarze Anzüge, soweit man sehen kann. Dazu schwarze Schuhe und schwarze Schlipse. Eine Beerdigung? Nein, dazu sind es doch zu viele junge Männer, die die Kamera auf ihrem Weg zu einem noch unbekannten Ziel begleitet. Irgendwann tauchen zudem blaue oder gestreifte Krawatten auf. Schließlich sogar ein Damenkostüm, der einzige Farbtupfer des düsteren Heereszugs. Am Ende, nach einer beeindruckenden visuellen Demonstration von Geschlechterdiskriminierung, sitzen alle in den heiligen Hallen der Elite-Uni Harvard, juristische Fakultät. 500 Kerle und nur neun Frauen. Allein ihre Anwesenheit scheint im Jahr 1956 ein Schlag ins Gesicht des Patriarchats zu sein.

Eine der jungen Damen heißt Ruth Bader Ginsburg (Felicity Jones). Sie ist bald gefürchtet wegen ihrer scharfen Intelligenz, ihres selbstsicheren Auftretens und ihrer unbeirrbaren Sturheit. Auch wenn sie mit ihrer Baby-Tochter und ihrem krebskranken Ehemann (Armie Hammer) genug andere Sorgen hat, lässt sie sich von der allgegenwärtigen Frauendiskriminierung nicht unterkriegen. Ruth will nur eins: Dass sämtliche Gesetze, die Frauen wegen ihres Geschlechts benachteiligen, für verfassungswidrig erklärt werden. Aber man lässt sie nicht ins juristische Geschäft. Die Jahrgangsbeste wird von jeder Anwaltskanzlei abgelehnt und muss mit dem Theorie-Job einer Professorin vorlieb nehmen.

Die Berufung - Ihr Kampf für GerechtigkeitZeitsprung in das Jahr 1970. Frauenbewegte Studentinnen gehen für ihre Rechte auf die Straße, selbst Ruths Tochter Jane (Caillee Spaeny) lebt die neuen Freiheiten viel offensiver aus als ihre Mutter. Aber auch für die Professorin bieten sich neue Perspektiven. Zusammen mit ihrem Mann, inzwischen ein angesehener Steueranwalt, will sie die Gesetzgebung revolutionieren. Den Hebel dazu bietet ironischerweise der Fall eines benachteiligten Junggesellen. Charles Moritz (Chris Mulky) pflegt seine kranke Mutter, bekommt dafür aber keine Steuererleichterung, anders als bei pflegenden Töchtern, Ehefrauen oder Schwiegertöchtern. Ein Präzedenzfall, der nicht nur das Leben von Ruth, sondern ein ganzes Land verändern könnte. Wenn ein Mann nicht mehr wegen seines Geschlechts benachteiligt werden darf, so Ruths Überlegung, dann kippt die gesamte frauenfeindliche Rechtsprechung.

Es ist bewundernswert, wie packend Regisseurin Mimi Leder und Drehbuchautor Daniel Stiepleman juristische Feinheiten in eine spannende, wenn auch konventionelle Dramaturgie verpacken. Das Abenteuer im Gerichtssaal, eine der besten Traditionen des klassischen Hollywoodkinos, feiert eine sehenswerte Wiederauferstehung. Und das trotz der peniblen Akkuratesse in juristischen Details, auf die die „echte“ Ruth Ginsburg bei der Arbeit am Drehbuch erheblichen Wert gelegt haben soll, wie das Presseheft verrät. Vermutlich hat sie sich damit durchgesetzt, denn Drehbuchautor Daniel Stiepleman ist ihr Neffe. Und so atmet der Film eine gerade in heutigen Zeiten ungeheuer wichtige Ehrfurcht vor der Errungenschaft des Rechts, vor seinen Institutionen, seinen Verfahrensregeln, aber vor allem vor den gesellschaftlichen Werten, die in ihm zum Ausdruck kommen: Verbot von Willkür, strikte Gleichbehandlung und Schutz vor staatlicher Verfolgung.

Die Berufung - Ihr Kampf für GerechtigkeitVielleicht wäre es gut gewesen, wenn Ruth Ginsburg auch in die Gestaltung ihrer Filmfigur eingegriffen hätte. Denn die Stilisierung zur Ikone und Superheldin tut ihrem Leinwandcharakter nicht gut. Der Begriff „Superheldin“ ist dabei keineswegs so dahingesagt oder metaphorisch gemeint. Wie die Weltretter aus dem Actionfilm macht die Film-Ruth kaum eine Entwicklung durch. Sie ist, anders als die fehlbaren Figuren eines klassischen Dramas, schon zu Beginn ein weitgehend vollendeter Charakter, eine Art Task Force, die bei allen Herausforderungen zur Stelle ist. So mögen Genrefiguren „bigger than life“ gestrickt sein, aber keine echten Menschen. Die haben Schwächen, verwickeln sich in Widersprüche und müssen an ihren Aufgaben wachsen.

„Die Berufung“ vereint bewährte Hollywoodtraditionen: den Gerichtsfilm, das Familiendrama und sogar das Superheldengenre. Die Stärke des Films ist aber zugleich seine Schwäche: Er macht der demokratischen Linken Mut in schwierigen Zeiten, verklärt eine der Ihren zur „Wonder Woman“, erzählt aber nicht von realen Menschen. Dennoch: Wer sich für einen spannenden Rechtsstreit interessiert, kommt auf seine Kosten.

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Länge: 120 min

Kategorie: Biography, Drama

Start: 07.03.2019

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Info

Die Berufung – Ihr Kampf für Gerechtigkeit

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 120 min
Kategorie: Biography, Drama
Start: 07.03.2019

Bewertung Film: (6,5/10)

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