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Christo – Walking on Water

Geschrieben von Peter Gutting am 28. Februar 2019

Christo - Walking on Water

1,2 Millionen Menschen wollten wissen, wie sich das anfühlt: auf dem Wasser zu wandeln. Nicht so, wie Jesus in einer wundersamen, übernatürlichen Art. Und auch nicht so wie in einem Schwimmbad mit gewöhnlichen Pontons. Sondern so, wie der Künstler Christo und seine 2009 verstorbene Frau Jeanne Claude es sich vorgestellt haben: Auf leuchtenden, daliengelben Stoffbahnen, gespannt auf 220 000 schwimmende Plastikkanister, die das Gefühl des Wellengangs übertragen. 2016 wurde das 1969 erstmals vorgeschlagene Projekt endlich Wirklichkeit, für 16 Tage auf dem oberitalienischen See Iseo. Wer nicht dabei sein konnte, kann das Laufen über Wasser nun im einfühlsamen Dokumentarfilm des Bulgaren Andrey M. Paounov nachempfinden.

Christo - Walking on WaterHeldenverehrung sieht anders aus. „Nein, nicht das“, herrscht Christo seinen am PC sitzenden Assistenten an, ungehalten über die vermeintliche Unfähigkeit seines Untergebenen, in der digitalen Welt das Foto eines Kunstwerks aufzutreiben. Und das, obwohl der ungeduldige Chef nur ungenaue Angaben gemacht hatte und nach eigener Auskunft keine Ahnung von Computern hat. Oder besser gesagt: gar nicht haben möchte Einen derartig ungeduldigen Vorgesetzten würde man wohl seinem schlimmsten Feind nicht wünschen.

Zumal keiner weiß, warum Christo schon in der Vorbereitungsphase des lange ersehnten Projekts derart gereizt durch sein Atelier tigert. Noch geht es längst nicht darum, Hunderttausende Plastikkanister schnurgerade auf dem malerisch gelegenen, aber für Wetterkapriolen immer guten See zu befestigen. Noch fliegen Hubschrauber nicht Tonnen von Stoffbahnen zu den genau festgelegten Abwurfpunkten. Und noch liegen die Streitereien mit der unbeweglichen und eigensinnigen Bürokratie in weiter Ferne.

Christo - Walking on WaterAnderer Schauplatz und ein wie ausgewechselt wirkender Künstler: Christo erklärt einer Schulklasse seine Vision vom Gehen über Wasser, freundlich lächelnd, in einfachen Worten, spürbar zugewandt. Woher er denn die Geduld für den meist jahrelangen Kampf um seine spektakulären Aktionen nehme, von denen die Verhüllung des Reichstages 1995 die in Deutschland bekannteste ist, will ein Schüler wissen. Nein, um Geduld gehe es nicht, erklärt Christo, im Zuschauer die Erinnerung an die gereizte Eingangssequenz hervorrufend. „Es geht um Leidenschaft“. Und: „Kunst ist kein Beruf. Man arbeitet nicht von neun bis fünf. Es gibt keinen Augenblick, in dem du kein Künstler bist“.

Ohne es zu wissen, hatte der Schüler in seiner offensichtlich zuvor im Unterricht vorbereiteten, eigentlich ganz naheliegenden Frage einen Nerv getroffen, der sich als roter Faden durch den Film zieht. Die Gegensätze Geduld und Leidenschaft umschreiben nämlich, auch wenn der Meister von Geduld nichts wissen will, sehr gut die Bandbreite seiner Persönlichkeit und seines Schaffens. Absolut sehenswert, wie Christo, je näher der Tag der Eröffnung rückt, umso gelassener wird, ein ruhender Pol inmitten einer wuselnden Mannschaft und plötzlich viel sanfter als sein zuvor besonnener, aber jetzt sichtlich nervöser Projektleiter und Neffe Vladimir Yavachev.

Christo - Walking on WaterMan kann so etwas wie ein Künstlerporträt in „Christo – Walking on Water“ finden, aber vorgegeben ist es nicht. Regisseur Andrey M. Paounov sah sich nämlich vor eine unübliche Aufgabe gestellt, als ihm der Film angetragen wurde. Nicht um das „normale“ Procedere ging es, weder um das Entwickeln einer Idee, den Entwurf eines Drehbuchs, das Begleiten der Protagonisten. Paounovs Arbeit begann gleich mit dem Schnitt. Ob er aus 700 Stunden bereits gedrehtem Material über das Projekt, aufgenommen von zehn unterschiedlichen Filmteams, eine normale Kinofilmlänge herausdestillieren möchte, wurde der Regisseur gefragt. Er war also befreit von einem einengenden Vorab-Konzept, von möglichen Vorurteilen und Scheuklappen. Die alleinige Aufgabe, das Vorhandene in eine Form bringen, höchstens ergänzt durch wenige eigene Aufnahmen im Nachhinein.

Die Distanz und die zunächst äußerliche Perspektive verwandelt der Film in einen Vorteil. Seine Neugier auf die technischen und logistischen Herausforderungen für das Mammutprojekt überträgt sich auf den Zuschauer, nimmt ihn mit in die entscheidenden Stunden kurz vor der Eröffnung, als es zunächst tagelang regnete, dann überraschend aufklarte, bis zuletzt ein heftiger Sturm alles zunichte zu machen drohte. Nimmt ihn ebenso mit in die Volksfeststimmung der ersten Tage, den unerwarteten Besucheransturm und die Gefahr eines Unfalls, den das Gedränge heraufbeschwor. Und lässt ihn den Satz auskosten, den Christo nach der Drohung mit einem Abbruch der Aktion auf einer Pressekonferenz formuliert: „Warten ist Teil des Projekts“. Leidenschaft, Spaß und Geduld, alles musste zusammenpassen an jenen denkwürdigen Sommertagen am Iseo-See.

„Christo – Walking on Water“ ist nicht nur ein Film für Kunstfreunde und nicht nur für Christo-Fans, sondern für alle, die über den Triumpf der Fantasie staunen können. Regisseur Andrey M. Paounov zeichnet Vorgeschichte und Verlauf des ersten großen Projekts von Christo nach dem Tod seiner Frau Jeanne-Claude nach, ohne dem Zuschauer eine Deutung vorzugeben. Er nutzt die filmischen Mittel, um das Publikum so weit wie möglich in ein Erlebnis hineinzuziehen, das sich „in echt“ nicht wiederherstellen lässt.

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Copyright: Alamode Film

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Christo - Walking on Water

Länge: 105 min

Kategorie: Documentary, Adventure, Comedy

Start: 11.04.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Christo - Walking on Water

Christo – Walking on Water

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 105 min
Kategorie: Documentary, Adventure, Comedy
Start: 11.04.2019

Bewertung Film: (7/10)

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