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High Life

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 24. Januar 2019

High Life

Die Raumfahrt – High-Tech-Spektakel oder Sinnsuche? Schon lange gibt es neben den „klassischen“ Abenteuern á la „Star Wars“ die eher meditativen, verrätselten, philosophisch angehauchten Expeditionen ins Reich der Sterne. Stanley Kubricks „2001 Odyssee im Weltraum“ machte 1968 den Anfang, es folgten Filme wie „Solaris“, „Moon“ oder „Gravity“. Der erste Science Fiction der französischen Autorenfilmerin Claire Denis gehört definitiv in diese Reihe, ohne es jedoch mit der erzählerischen Stringenz der genannten Werke aufnehmen zu können.

High LifeSanft streift die Kamera durch einen Garten, bewundert den Tau auf den Blättern und die reife Frucht, die sich unter üppigem Grün versteckt. Nur die schrille Dissonanz der Tonspur verdirbt die Idylle. Denn es handelt sich nicht um eine Erinnerungssequenz an glückliche Tage auf der Erde. Der Garten ist Teil eines Raumschiffes. Ein Kontrastprogramm zu unzähligen Bildschirmen, zu technisch funktionalem Lebensraum.

Neben dem Gärtnern haben die Menschen im All etwas anderes nicht verlernt: Wie man ein Baby versorgt. Und das unter widrigsten, niederschmetterndsten Umständen. Als der Film beginnt, ist Monte (Robert Pattinson) allein mit seiner kleinen Tochter Willow (Jessie Ross) an Bord eines Raumschiffes, das sich in unvorstellbarer Geschwindigkeit von der Erde wegbewegt: raus aus unserem Sonnensystem und geradewegs auf ein Schwarzes Loch zu. Dort hätte die Crew, die aus lauter Schwerverbrechern bestand, entweder sterben oder eine neue Art der Energiegewinnung entdecken sollen. Ein Himmelfahrtskommando, aber für die lebenslang oder zum Tode Verurteilten eine winzige Chance. Was sich bisher an Bord abgespielt hat, wird „High Life“ nach und nach enthüllen. Vorweg nur so viel: es hat mit medizinischen Experimenten zur künstlichen Befruchtung zu tun.

High LifeJuliette Binoche spielt die Ärztin Dr. Dibs, eine Menschenquälerin und größter Widersacher von Monte, dem zärtlich gezeichneten Helden. Das Casting war so eigentlich nicht geplant, zunächst sollte Patricia Arquette die Rolle von Dr. Dibs spielen. Dennoch öffnet die letztendliche Besetzung einen überraschenden Bedeutungshorizont. Juliette Binoche verkörperte in Denis‘ Vorgängerfilm „Meine schöne innere Sonne“ (2017) eine geschiedene Künstlerin auf Männersuche, die nach mehreren erfolglosen Sexabenteuern allein und desillusioniert zurückbleibt. Als Dr. Dibs nun sagt sie jeglicher Zweisamkeit den Kampf an. Sexuelles Begehren wird ausschließlich solo in einer Art Lustraum befriedigt, Babys entstehen im Reagenzglas. Nur Monte verweigert sich dem zynischen Spiel, lebt lieber asketisch als sich der Manipulation des Begehrens zu unterwerfen.

Da sind sie also wieder, Denis‘ Lieblingsthemen: Einsamkeit, körperliche Lust und daraus resultierende Gewalt. In den Weiten des Alls erkundet Yorick Le Saux‘ hypnotische Kamera Urinstinkte und Urformen des Menschlichen: zwischen dem abgrundtief Bösen einer Art Nazi-Medizin und Archetypen von Güte, Zärtlichkeit und Bindung, die im Widerstand gegen den Horror aufblitzen, vor allem aber die Beziehung von Vater und Tochter prägen.

High LifeNur zwischen dem Publikum und den Leinwaldhelden funkt es nicht wirklich, weder im Guten noch im Bösen. Das liegt nicht an den zeitlich verschwimmenden Rückblenden, die eine genaue Orientierung verhindern und eher der Logik von frei fließenden Gedankenströmen folgen. Es liegt auch nicht an den lediglich angerissenen Charakterskizzen, die psychologisch vieles offenlassen. Es liegt an den niemals ausformulierten, aber doch immer mitschwingenden Parabeln und Symbolismen.

Ganz im Gegensatz zu Denis‘ früheren Filmen, vor allem auch zu „Meine schöne innere Sonne“ dürfen die Figuren nicht einfach nur widersprüchlich sein, unausdeutbar und zu allem fähig. Sie scheinen auf ihrer wunderschön fotografierten Reise ins Nichts die Bedeutungen anzuziehen wie Schwarze Löcher die Materie. „High Life“ lässt sich verführen, die Leere des Alls mit fundamentalen Fragen des Menschseins füllen zu wollen. Und Antworten zumindest nahezulegen – in raunenden, existenzialistisch angehauchten Kamerafahrten durch unendliche Weiten und hin zum ganz Nahen: Haut, Haare, Augen.

„High Life“ ist ein nicht ganz ausgegorener Mix aus Schreckenszukunft und utopischer Verheißung. Anders als in früheren Filmen stellt Regisseurin Claire Denis ihr Lieblingsthema Einsamkeit in einen Horizont von Gut und Böse. In der Ferne des Alls scheinen Lösungen zu liegen, auf die noch kein Erdling gekommen ist. Das trübt die Freude an hypnotischen Kamerafahrten und Momenten großer Zärtlichkeit.

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High Life

Länge: 110 min

Kategorie: Adventure, Drama, Horror

Start: 30.05.2019

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

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Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 110 min
Kategorie: Adventure, Drama, Horror
Start: 30.05.2019

Bewertung Film: (6/10)

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