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Die Blüte des Einklangs

Geschrieben von Peter Gutting am 8. Dezember 2018

Die Blüte des Einklangs

Die Japanerin Naomi Kawase zählt zu den Lieblingen des Filmfestivals von Cannes. Ihre leisen, formvollendeten, poetischen Filmkunstwerke begeisterten die Auswahlkommissionen und Jurys seit ihrem Debüt „Moe no Suzaku“ (1996). Sieben Mal war sie dort vertreten, meist im Wettbewerb. Ihr aktueller Film schaffte es dagegen „nur“ auf die Festivals von Toronto und San Sebastian. Das ist nachvollziehbar, denn trotz eines erneut sehr beeindruckenden Stilwillens mangelt es ihrem neunten Werk an erzählerischer und thematischer Stringenz.

Die Blüte des EinklangsEin Lichtzauber durchflutet den Wald. Der Sonnenstrahl scheint etwas erzählen zu wollen, einen Mythos vom verlorenen Paradies vielleicht, von der Einheit allen Seins. Dann der Schnitt: Ein Mann lässt die Kettensäge kreischen, der Baumriese wankt und fällt, der Mensch macht sich die Natur untertan. Der Wald spielt eine Hauptrolle in einem Drama zwischen drei, vier Menschen. Genauer gesagt: eine Doppelrolle. Er ist Zauberwald, Schauplatz einer unerlösten Sehnsucht nach Glück, Sinn und Liebe. Aber auch Schauplatz von Trennung, Einsamkeit, Gewalt. Was sich hier abspielt, hat seinen Platz in zwei Welten: in der faktischen Realität einerseits und deren traumhafter Überhöhung andererseits.

Tomo (Masatoshi Nagase) heißt der Mann mit der Säge. Er lebt zurückgezogen in seinem großzügigen Waldhaus, geht zuweilen auf die Jagd und lebt von der Holzwirtschaft. Vor mehr als 20 Jahren ist er hergekommen, weil er sich müde und erschöpft fühlte, ein junger Mann in der Krise, auf der Suche nach einem Platz im Leben. Irgendwie hat er den als fast 50-jähriger nun gefunden, die Kraft ist zurückgekehrt und ein gewisses Verständnis für die Natur auch. Aber seine Weisheit ist nichts gegen den Spürsinn von Aki (Mari Natsuki), einer alten, blinden Frau, die Tomo manchmal besucht. „Es wird regnen“, sagt Aki, den Wind erspürend. „Die Sonne scheint“, belehrt Tomo. Dreimal darf man raten, wer Recht behalten wird.

Die Blüte des EinklangsZur gleichen Zeit sitzt die Französin Jeanne (Juliette Binoche) noch im Zug, zusammen mit der jungen Japanerin Hana, die ihr als Dolmetscherin dient. Jeanne ist Reisejournalistin und Naturliebhaberin. In den tiefen Wäldern der Yoshino-Berge, genau dort, wo Tomo und Aki leben, will sie nach einer Heilpflanze suchen, die nach der Legende nur alle 997 Jahre blüht. In nur wenigen Wochen soll es so weit sein, ein Ereignis von umwälzender spiritueller Bedeutung. Auch Tomo spürt die Veränderung, weiß sie aber nicht zu deuten. Trotz dessen naturphilosophischer Skepsis findet Jeanne Gefallen an dem schweigsamen, schüchternen Mann.

Wenn man will, kann man „Die Blüte des Einklangs“ in zwei Abschnitte unterteilen. Der erste ist vergleichsweise realistisch und erzählt eine zarte Liebesgeschichte. Dabei hätte man es durchaus belassen können, wenn man wie Naomi Kawase und ihr Kameramann Arata Dodo über ein derart großartiges Gespür für das Zusammenspiel von Seelenlandschaften und Naturaufnahmen verfügt. Beinahe jede Einstellung ist eine Feier des Lichts, eine Malerei mit Brechungen und Schattierungen. Wäre die Regisseurin eine bildende Künstlerin, müsste sie Impressionistin sein. Allein der Zauber ihres visuellen Feingefühls würde die universelle Mann-Frau-Geschichte tragen, von den großartigen Darstellern ganz zu schweigen.

Die Blüte des EinklangsAber es gibt eine tiefgreifende Zäsur in „Die Blüte des Einklangs“. Sie betrifft nicht nur die Erzählung, sondern die Thematik des ganzen Films. Jeanne kehrt für einige Wochen nach Frankreich zurück, um ein paar nicht weiter konkretisierte Angelegenheiten zu regeln. Als sie wieder in Japan auftaucht, kippt der Film, der schon von Anfang an surrealistische Züge trug, komplett ins Magische.

Hinzu kommt nun eine philosophische Ebene – es geht ums Ganze. Nicht nur um die Liebe und nicht nur um die Versöhnung mit der Natur, sondern auch ums Menschsein an sich, um den Unterschied zu den Affen und zu dem, was noch fehlt auf dem Weg der Evolution. Zudem verschwimmen die Zeitebenen. Die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehört selbst der Vergangenheit an. Wiedergeburt scheint möglich – aber vielleicht handelt es sich auch nur um einen Zeitsprung. Kurzum, der Film ähnelt plötzlich dem Spätwerk des US-Amerikaners Terence Malick: grandiose Bilder, gepaart mit bedeutungsschwangerem Geraune, Verrätselung kombiniert mit platten Botschaften.

„Die Blüte des Einklangs“ bietet visuellen Genuss und sehenswerte Schauspielkunst. Aber es bleibt unklar, was der Film eigentlich will. Zwischen der Feier des Lichts und der sehenswerten Annäherung charakterstarker Menschen verirrt sich die japanische Regisseurin Naomi Kawase in einem Wald philosophischen Kleinholzes und dem Dickicht uralter Mythen.

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Copyright: Neue Visionen

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Die Blüte des Einklangs

Länge: 109 min

Kategorie: Drama

Start: 14.02.2019

cinetastic.de Filmwertung: (5,5/10)

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Die Blüte des Einklangs

Die Blüte des Einklangs

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 109 min
Kategorie: Drama
Start: 14.02.2019

Bewertung Film: (5,5/10)

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