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Das Mädchen, das lesen konnte

Geschrieben von Peter Gutting am 3. Dezember 2018

Das Mädchen, das lesen konnte

Im Krieg ist vieles anders, auch das Verhältnis der Geschlechter. Davon erzählte zum Beispiel Ulla Wagners Romanverfilmung „Die Entdeckung der Currywurst“, in der eine verheiratete Frau am Ende des Zweiten Weltkriegs einen jungen Deserteur versteckt und mit ihm ungekannte erotische Freiheiten auslebt. Und davon handelt auch der freizügige Bericht der französischen Bäuerin Voilette Ailhaud, den Regisseurin Marine Francen mit beeindruckendem Feingefühl verfilmt hat.

Das Mädchen, das lesen konnteDer Schrecken kommt ohne Gesicht. Zu sehen sind nur die Hufe der Pferde. Wer so herangaloppiert, das verraten die kunstvollen Bilder und die Tonspur der Eingangssequenz, hat nichts Gutes im Sinn. Das gilt erst recht für die berittenen Soldaten Napoleons III., der 1851 die Republik stürzt und jedes Widerstandsnest ausrotten lässt. So wie das abgeschiedene Bergdorf in der Provence. Sämtliche Männer werden festgenommen und verschleppt. Einer ruft: „Es lebe die Republik“. Ein Schuss, eine Leiche.

Etwa 20 bis 30 Frauen und Kinder bleiben verzweifelt zurück. Zusammengekauert hocken sie in der Kirche, als könnte das Gotteshaus der Ort sein, in dem etwas Neues entsteht. Etwas, von dem in der Bibel nie die Rede war. Eine ungekannte Solidarität der Frauen, die eben noch mit ihren Männern für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stritten und nun eine aus der Not geborene Schwesterlichkeit entwickeln.

Das Mädchen, das lesen konnteNach einem Jahr gemeinsamen Arbeitens, Trauerns und Bangens haben sie immer noch nichts vom Schicksal ihrer Väter, Männer und Brüder gehört. Vor allem Violette (Pauline Burlet), Rose (Iliana Zabeth) und die anderen Unverheirateten müssen sich nicht nur mit ihrem sexuellen Begehren auseinandersetzen, sondern auch mit der Aussicht, womöglich kinderlos zu bleiben. Gemeinsam schließen sie einen Pakt: Falls zufällig ein Mann auf seinem Weg in die Berge durchs Dorf kommen sollte, dann gehört er allen. Tatsächlich taucht irgendwann Jean (Alban Lenoir) auf, ein Schmied auf Wanderschaft, der gegen Kost und Logis bei der Ernte hilft. Violette soll ihn als erste verführen. Sie ist es auch, die dem verblüfften Liebhaber beibringen muss, dass er als „Samenmann“, so der französische Originaltitel, dienen soll. Den Pakt zu halten, scheint plötzlich viel schwerer als gedacht.

Zwischen Sex und Liebe, Frauensolidarität und Zweisamkeit, Polygamie und Eifersucht öffnet der Film ein weites thematisches Feld. Einfache Antworten gibt er nicht. Trotzdem tut er alles, um festgefahrene Frauen- und Männerbilder zu hinterfragen. Dass dies quasi stumm und ohne genderpolitische Korrektheit gelingt, hat viel mit einer formalen Entscheidung zu tun. Regisseurin Maine Francen und ihr Kameramann Alain Duplantier lassen die Frauen eng zusammenrücken. Sie verwehren ihnen die Weite des normalen Kinobildes, ganz zu schweigen vom Breitwandformat, das sich ja eigentlich anbieten würde, wenn man zehn, fünfzehn Menschen gleichzeitig agieren lassen will. Stattdessen schrumpft die Leinwand auf das seltene, fast quadratische 4:3-Verhältnis, das Format der ersten TV-Geräte.

Das Mädchen, das lesen konnteWas die Breite nicht hergibt, muss die Tiefe leisten. Kluge Bildkompositionen stellen das gemeinsame Leben und Arbeiten in einen Dialog von Vorder- und Hintergrund, in ein Gruppenbild, dem das Miteinander wichtiger ist als das Nebeneinander. Oft bleibt die ruhige Handkamera nah am Gesicht von Violette, ohne die junge Frau, aus deren Perspektive erzählt wird, zu vereinzeln. Die Aufnahmen registrieren jede Regung ihres Blicks, aber auch jede Schwingung im Verhältnis zu den anderen, sie erspüren jede leise Spannung des Kollektivs, ebenso sensibel wie diskret, ohne jede Effekthascherei, aber auch ohne Sentimentalität.

Der Verzicht aufs Panorama hat einen weiteren Effekt. Trotz historischer Kostüme und Ausstattung rückt „Das Mädchen, das lesen konnte“ seine Geschichte nicht vom Zuschauer weg, schafft keine Distanz zu einer vermeintlich längst abgehakten Episode. Vielmehr nimmt die bewegliche Kamera den Zuschauer quasi mit in das damalige Erleben. Zwischen realistischer Genauigkeit und sanfter Stilisierung entstehen poetisch dichte Szenen von berührender Trauer und schlichter Schönheit, getaucht in den Wechsel der Jahreszeiten und die Zyklen bäuerlicher Arbeit.

„Das Mädchen, das lesen konnte“ ist ein erstaunlich souveränes Debüt mit packender Geschichte und klarem Stilwillen. Seine ausgeklügelte Bildsprache balanciert eine hochpolitische Geschichte so aus, dass sie weder zum Pamphlet noch für schnelle Antworten taugt. Sondern dazu, dass das Vergangene Fragen an die Gegenwart stellt.

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Das Mädchen, das lesen konnte

Länge: 98 min

Kategorie: Drama, Romance

Start: 10.01.2019

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Das Mädchen, das lesen konnte

Das Mädchen, das lesen konnte

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 98 min
Kategorie: Drama, Romance
Start: 10.01.2019

Bewertung Film: (8/10)

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