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Adam und Evelyn

Geschrieben von Peter Gutting am 3. Dezember 2018

Adam und Evelyn

Romanverfilmungen wirken oft ein wenig gehetzt. Zu dick ist die Vorlage, zu schmerzhaft erscheinen die Kürzungen, sodass man am Ende doch zu viel in die Filmfassung hineinpresst. Eine erfreuliche Ausnahme und das glatte Gegenteil der üblichen Praxis ist der Debütfilm des Produzenten und Autors Andreas Goldstein. Seine Interpretation von Ingo Schulzes gleichnamigem Roman „Adam & Evelyn“ atmet eine Ruhe, die selten geworden ist. Im Kino wie im Leben.

Adam und EvelynDas Paradies stellt man sich gern als Garten vor. Vielleicht so wie den Garten von Adam (Florian Teichtmeister), irgendwo in der mitteldeutschen Provinz. Das Gras wächst hoch mitten im Sommer, kurz vor der Abfahrt in den Urlaub am ungarischen Balaton. Die Bäume gedeihen prächtig und auch Adams Schildkröte fühlt sich hier wohl. Eigentlich möchte Adam, der im geerbten Haus als Damenschneider arbeitet, nicht weg aus seinem Nischendasein, nicht einmal aus Urlaubsgründen – zu gut geht es ihm hier mit seinem Hobby als Fotograf und den Damen, die dem jungen Mann gern erotische Avancen machen.

Lebensgefährtin Evelyn (Anne Kanis) scheint davon entweder nichts wissen zu wollen oder ist tatsächlich ahnungslos. Zumindest so lange, bis sie ihren Geliebten mit einer Kundin in flagranti erwischt. Nun fährt sie ohne Adam nach Ungarn, nur mit Freundin Simone (Christin Alexandrow) und deren West-Freund Michael (Milian Zerzawy). Adam aber gibt sich nicht geschlagen, sondern erwacht aus seiner Lethargie.

Adam und EvelynWürde das Radio nicht laufen, bekäme man von der Zeitenwende im Jahr 1989 nichts mit. Adam hat mit Veränderungen generell wenig am Hut. Evelyn möchte zwar studieren oder ein Café eröffnen – was ihr in der damaligen DDR verwehrt ist. Aber der bevorstehende Zusammenbruch des gesamten Ostblocks erscheint auch ihr wie ein Hintergrundrauschen, das sie mit einer guten Portion Skepsis auf sich wirken lässt. Das private Leben ist das eine in dieser Rückbesinnung auf einen leichten, luftigen, von Lebensfreude durchströmten Sommer. Die politischen Veränderungen das andere. Nie wird eine der Filmfiguren zum Träger politischer Haltungen. Es gibt weder Täter noch Opfer, weder Systemkritiker noch Parteitreue.

Ganz bewusst will sich der in Ost-Berlin geborene Regisseur von der bisherigen filmischen Aufarbeitung der 1989er Wendezeit absetzen. Nichts liegt ihm ferner als eine Dramatisierung der Ereignisse und eine Erzählung aus dem Wissen von heute heraus. Stattdessen will er das Lebensgefühl von damals heraufbeschwören, in dem niemand wissen konnte, was wenige Wochen später passieren würde. Wer mit einer falschen, weil durch gewisse Seherfahrung geprägte Erwartungshaltung an den Film heranginge, würde so enden wie der West-Beamte, der Evelyn in einer sehenswert lustigen Szene ausfragt. „Ziemlich wirre Geschichte, finden Sie nicht auch“, fragt der Mann hinter dem Schreibtisch. Darauf Evelyn: „Das war eine Männer- und Frauengeschichte, sonst nichts“.

Adam und EvelynWas natürlich so auch nicht ganz stimmt. Vielmehr eröffnen die streng formalisierten, mit Auslassungen arbeitenden Filmszenen einen Raum für den Zuschauer, der mit dem Freiheitsgefühl dieses einen, ganz besonderen, so nie wiederkehrenden Sommers korrespondiert. Alles kann, nichts muss. Das Publikum wird zum Mitdenken angeregt, Assoziationsräume öffnen sich, gerade durch die unübersehbare Anspielung auf die biblische Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies. Aber niemand ist gezwungen, nach einer bestimmten, quasi „richtigen“ Deutung zu suchen, weil es die nicht gibt. Von der so genannten „Berliner Schule“ hat sich Andreas Goldstein nicht nur den Verzicht auf emotionsverstärkende Musik abgeschaut. Sondern auch den Anspruch, dass jeder Zuschauer sich seinen je eigenen Film basteln dürfe. Darüber hinaus aber seine Erzählung mit etwas gewürzt, was bei der Berliner Schule oft zu kurz kam: einem leisen, lakonischen, warmherzigen Humor.

„Adam & Evelyn“ ist eine Romanverfilmung, deren konzentrierte Bilder lange nachhallen. Mit seinem Verzicht auf politische Vorgaben löst sich das Debüt von Andreas Goldstein von der bisherigen Tradition des Wendefilms. Auch wer sich nicht für die ehemalige DDR interessiert, wird an der universellen Mann-Frau-Thematik seine Freude haben. Vorausgesetzt allerdings, er lässt sich auf die erstaunliche Ruhe ein, die dem gestressten Zuschauer eine verlockende neue Zeiterfahrung offeriert: ein Film als Wellnessprogramm.

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Copyright: Neue Visionen

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Adam und Evelyn

Länge: 100 min

Kategorie: Drama, Romance

Start: 10.01.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 100 min
Kategorie: Drama, Romance
Start: 10.01.2019

Bewertung Film: (7,5/10)

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