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The Favourite – Intrigen und Irrsinn

Geschrieben von Peter Gutting am 4. November 2018

The Favourite - Intrigen und Irrsinn

Eigentlich dachte man, die Zeiten launischer Herrscher seien vorbei. Als könnten Fragen von Krieg oder Frieden, Staatsbankrott oder Steuererhöhung nie und nimmer mehr am Faden einzelner Menschen hängen, die über eine Macht verfügen, der sie nicht gewachsen sind. Aber die Hoffnung hat getrogen. Autokratie und Günstlingswirtschaft schießen wie Pilze aus dem Boden: Ein idealer Stoff für den griechischen Regisseur Yorgos Lanthimos, der schon immer von der Perversion des Zwischenmenschlichen durch absurde gesellschaftliche Verhältnisse erzählt hat. Zum ersten Mal tut er dies in Gestalt eines Kostümfilms und nach fremdem Drehbuch. Das erweist sich als Glücksfall.

The Favourite - Intrigen und IrrsinnTief gesunken ist die verarmte Adlige Abigail Masham (Emma Stone). Tief am Boden kriecht auch die Kamera. Aus verzerrender Froschperspektive nähert sie sich dem bizarren Treiben am Hofe der britischen Königin Anne Stuart (Olivia Colman). Selbst die Enten betrachtet sie von unten, die zum Vergnügen grotesk geschminkter Perückenträger ein Wettrennen durch den Festsaal des Schlosses veranstalten. Es ist, als tanze die Dekadenz spätrömischer Kaiser Duett mit der Verschwendungssucht des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. Dabei hat der Geist des Absolutismus längst seinen Schwanengesang angestimmt. Annes Herrschaft (von 1702 bis 1714) basiert auf der damals höchst fortschrittlichen konstitutionellen Monarchie. Das Parlament hat durchaus ein Wörtchen mitzureden. Was aber dem Intrigenspiel keinen Abbruch tut, sondern es eher noch zu befeuern scheint.

The Favourite - Intrigen und IrrsinnAbigail also nähert sich nach mühsamer Reise verdreckt und stinkend diesem Sündenpfuhl, in der Hoffnung auf Hilfe von ihrer älteren Cousine Sarah Churchill (Rachel Weisz), der Vertrauten der Königin und politisch einflussreichsten Frau des Landes, mächtiger als jeder Minister. Doch Sarah, äußerst misstrauisch und mit nichts anderem beschäftigt als der Sicherung ihrer immer auch fragilen Stellung, schickt Abigail erst mal als Dienstmagd in die Küche. Erst nach und nach erarbeitet sich Abigail Sarahs Vertrauen, nicht zuletzt durch ihr naives Auftreten, als hätte sie das Paradies der Unschuld noch vor der Ursünde bewohnt. Welche Natter Sarah da an ihrem Busen heranzüchtet, begreift sie erst, als es beinahe zu spät ist.

Viele Historienfilme erlauben dem Zuschauer das entspannte Staunen über die Rückständigkeit vergangener Zeiten. Dieser hier nicht. Ohne vordergründige Anspielungen auf postmodernes Mobbing lässt sich das Treiben des weiblichen Trio Infernale jederzeit auf das eigene Erleben beziehen, sei es in der Firma, sei es in der Nachbarschaft, im Freundeskreis oder erst recht im derzeit üblen Schauspiel der „hohen“ Politik. Die wallenden Roben, die kerzenbeschienen Prachtsäle und die gepuderte Haartracht scheinen wie geschaffen für Lanthimos‘ Dauerthema: die Zurichtung des Menschen in der Konkurrenzgesellschaft. Indem er es in die Vergangenheit verlegt, erscheint es weniger platt, weniger konstruiert und weniger abgestorben als in seinen Vorgängerfilmen. Stattdessen kreiert die virtuos fotografierte Adelsszenerie eine Projektionsfläche, die vielfältige Interpretationen, Assoziationen und Anspielungen zulässt, ohne sich auf einen Thesenfilm zu verengen.

The Favourite - Intrigen und IrrsinnEs sind genuin filmische Mittel, mit denen „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ den Illusionismus unterläuft und die genannten Bezüge auf die Gegenwart anregt. Zum einen brechen extreme Weitwinkelobjektive die gewohnte Perspektive und verzerren die opulenten Bilder. Zum anderen fügt der Regisseur Schrifttafeln ein wie beim Stummfilm. Sie dienen der Einteilung der Erzählung in Kapitel, reißen den Zuschauer zugleich aus dem Erzählfluss und kommentieren überdies auch das Geschehen. Aber eines tun sie nicht: Sie zerstören keineswegs die visuelle Kraft einer Ästhetik, die sich ganz auf das Potenzial für sich sprechender Parallelmontagen oder Bildsequenzen verlässt. Man braucht nur die ebenso sinnliche wie gekünstelte Ballszene zu betrachten, in der Sarah offenbar einen Mann für die Nacht zum Tanze bittet – und dann den Gegenschnitt auf das innerlich bebende Gesicht der Königin. Schon weiß man, ohne dass es zuvor ausgesprochen wurde: diese beiden Frauen verbindet mehr als nur Freundschaft, Zweckbündnis und wechselseitige Abhängigkeit. Sie pflegen auch eine erotische Beziehung.

„The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ ist der bislang stärkste Film von Yorgos Lanthimos, dem Mitbegründer und Aushängeschild der neuen griechischen Welle. Gerade weil er seine Lieblingsthemen in die Vergangenheit verlegt, kommen sie umso eindrücklicher zur Geltung. Zudem hat der Regisseur seine Visualität in einer Weise verfeinert, als wolle er die Dekadenz eines Luchino Visconti mit der Opulenz eines Federico Fellini und dem Suspense von Alfred Hitchcock verschmelzen.

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Wir vergeben daher 8 von 10 Filmpunkten.

Copyright: 20th Century Fox

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The Favourite - Intrigen und Irrsinn

Länge: 119 min

Kategorie: Biography , Drama

Start: 24.01.2019

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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The Favourite - Intrigen und Irrsinn

The Favourite – Intrigen und Irrsinn

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 119 min
Kategorie: Biography , Drama
Start: 24.01.2019

Bewertung Film: (8/10)

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