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Frühes Versprechen

Geschrieben von Peter Gutting am 26. November 2018

Frühes Versprechen

Eine Filmbiografie über einen Schriftsteller kommt kaum daran vorbei, den nicht gerade filmgerechten Schreibprozess ins Bild zu rücken. Immer mal wieder aber gelingen elegante Lösungen. Zum Beispiel im neuesten Film des Franzosen Eric Barbier, dessen Werk bei uns bisher nur auf DVD zu sehen war. Hier bekommt die Ehefrau des in Deutschland ebenfalls weniger bekannten Romain Gary ein unfertiges Manuskript des Autors in die Finger. Sie beginnt zu lesen – und ist begeistert. Warum, das kann auch der Kinozuschauer spüren in der eigenständigen und dennoch werkgerechten Literaturverfilmung.

Frühes VersprechenMexiko, in den späten 1950ern. Auf den Straßen feiern sie den Tag der Toten. Ausgelassen tanzen maskierte Skelette in den Straßen. Aber in einem einsamen Hotelzimmer ringt Romain Gary (Pierre Niney) auf ganz eigene Weise mit dem Sterben. Der Schriftsteller hat sich den Kopf verbunden. Ihn plagen schreckliche Schmerzen. In geradezu Woody-Allen-hafter Hypochondrie fürchtet er einen Hirntumor. Von seiner Frau, der Reisejournalistin Lesley Blanch (Catherine McCormack) verlangt er, auf der Stelle in das beste Krankenhaus des Landes gefahren zu werden: in die viereinhalb Stunden entfernte Hauptstadt, mit dem Taxi, mitten in der Nacht.

Die ebenso dramatische wie burleske Eingangsszene wirft ein Licht auf das filmreife Leben und den ekstatischen Schreibprozess des in Frankreich zur Schullektüre zählenden Romain Gary. In seinem autobiografischen Roman „Frühes Versprechen“ (erstmals 1960 erschienen) erinnert sich Gary an seine ärmliche Kindheit im damals zu Russland gehörenden Wilna, an die unbeschwerten Jugendjahre in Nizza und an den Zweiten Weltkrieg, als der mittlerweile französische Staatsbürger für die Résistance kämpfte. Es ist ein Buch voller Rückblenden, Analysen und Reflexionen. Kein nüchterner Lebensbericht, sondern ein wilder Mix aus Fakten und Fiktionen.

Frühes VersprechenNur etwa ein Drittel des Romans hatte Platz in den 131 Filmminuten, erzählt Regisseur Eric Barbier in einem Interview fürs Presseheft. Er und seine Ko-Autorin Marie Eynard entschieden sich, die ebenso verrückte wie symbiotische Mutter-Sohn-Beziehung noch stärker zu gewichten als das Gary selbst schon getan hatte. Der ganze Roman, so sagt es Garys Frau im Film, sei das einzige, was er noch für seine Mutter Nina (Charlotte Gainsbourg) tun könne. Die übergriffige, manchmal extrem harte, aber genauso fürsorgliche Mutter, hatte ihrem Sohn bereits als Kind das Versprechen abgenommen, dass er einmal ein berühmter Mann werden müsse, ein Botschafter, aber auch ein berühmter Schriftsteller, nicht weniger als ein zweiter Tolstoi oder Victor Hugo. Tatsächlich hat Gary all das erreicht, aber die Mutter starb bereits 1941. Sie durfte das Erscheinen seines ersten Romans „Éducation européenne“ (deutscher Titel: „General Nachtigall“) unmittelbar nach Kriegsende und den Eintritt ihres Sohnes in den diplomatischen Dienst nicht mehr erleben.

Sigmund Freud hätte sicher seine Freude an der von Größenwahn getriebenen Symbiose gehabt, an den schlimmen lebenslangen Folgen, die das Fehlen des Vaters dem Sohn aufbürdet. Aber weder Gary noch der Film machen daraus eine Kranken- oder Leidensgeschichte. Humor und Ironie sind die Waffen, die der Schreibende gegen die erstickende Mütterlichkeit aufbietet, trotz der sehr genauen Beschreibung all der subtilen und weniger subtilen Erpressungsmethoden einer Frau, die ihre innere Zerrissenheit auf den Erlöser-Sohn projiziert. Wie sich Gary auch wehrt und windet, wie erfolgreich, glanzvoll und filmreif sein Leben auch sein mag: eine gewisse Melancholie wird er niemals los. „Mit der Mutterliebe macht einem das Leben ein frühes Versprechen, das es nicht halten wird“, zitiert der Film einen der wohl klügsten Sätze des Autors, der sich mit 66 Jahren das Leben nahm.

Frühes VersprechenStatt jedoch in Depression zu versinken, feiert „Frühes Versprechen“ das Leben. Für Schuldfragen bleibt keine Zeit in dem opulent ausgestatteten, in ausladenden Kamerafahrten eingefangenen Panoptikum der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Trotz der Fülle wechselnder Schauplätze und irrwitzigen Episoden verliebt sich der Film nicht in seine Oberfläche. Beinahe jede Szene bietet einen Mehrwert an Anspielungen, Verweisen und Subtexten. Das ist nicht zuletzt das Verdienst von  Charlotte Gainsbourg und Pierre Niney. Beide verfügen über eine enorme Wandlungsfähigkeit zwischen stillen Momenten und hypernervösem, den Wahnsinn streifenden Aktivismus. Das hatte man von beiden Darstellern auch in ihren früheren Filmen schon gesehen. Aber als Paar liefern sie noch einmal ein ganz besonderes Schauspiel irrlichternder Widersprüchlichkeit ab.

„Frühes Versprechen“ zählt mit 24 Millionen Euro zu den teuersten europäischen Produktionen. Das Geld ist gut angelegt, weil es nicht für psychologisierende Küchenweisheiten verpulvert wird, sondern auf einen Autor neugierig macht, von dem hierzulande nur ein kleiner Teil seiner über 30 Romane in deutscher Übersetzung erhältlich ist.

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Frühes Versprechen

Länge: 131 min

Kategorie: Biography, Drama, Romance

Start: 07.02.2019

cinetastic.de Filmwertung: (7,0/10)

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Frühes Versprechen

Frühes Versprechen

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 131 min
Kategorie: Biography, Drama, Romance
Start: 07.02.2019

Bewertung Film: (7,0/10)

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