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Astrid

Geschrieben von Peter Gutting am 22. November 2018

Astrid

Wie soll man Legenden ein Denkmal setzen, die schon längst auf dem Sockel stehen? Astrid Lindgren, die Erfinderin von „Pippi Langstrumpf“, kennt jedes Kind, ihre Bücher wurden sage und schreibe 160 Millionen Mal verkauft. Aber vielleicht nähert man sich der weltberühmten Kinderbuchautorin am besten, wenn man nicht die erfolgreiche Schriftstellerin in den Fokus rückt. Sondern eine verarmte, alleinstehende junge Frau, die ihr Kind zu einer Pflegemutter geben musste. Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen stößt „Astrid“ auf diese Weise vom Sockel – und hebt sie umso heldenhafter wieder hinauf.

AstridEs war einmal eine alte Dame, die bekam an jedem ihrer Geburtstage ganz viel Post. Kinder aus aller Welt schickten ihr liebevoll gemalte Bilder. Noch nie hatte sie diese Kinder gesehen, und auch die Kinder kannten die alte Dame nicht persönlich. Aber sie liebten sie über alles in der Welt. Einmal bekam die alte Dame sogar eine Kassette von der Klasse 4a. Jeder Schüler durfte darauf etwas vortragen. Das gefiel der alten Dame so sehr, dass sie die Kassette immer wieder abspielte. Und obwohl die alte Dame schon gestorben ist, lebt sie in der Fantasie der Kinder bis heute.

So märchenhaft könnte man von der Wunderwelt erzählen, in der die Schöpferin der „Villa Kunterbunt“ im hohen Alter lebte. Regisseurin Pernille Fischer Christensen und ihr Co-Autor Kim Fupz Aakeson tun das auch. Nicht nur in der Rahmenhandlung, die sich mit den persönlichen Leseerlebnissen der Klasse 4a immer wieder in die eigentlich chronologische Erzählung einmischt. Sondern auch in der Bildsprache. Eine poetische Färbung liegt über den dokumentierten Ereignissen, ein symbolstarker Anklang über den harten Wintern der schwedischen Provinz, ein Subtext über der schweren Feldarbeit von Astrids bäuerlicher Familie in den 1920er Jahren, in der jeder mit anpacken musste. Immer sagen die Kameraeinstellungen mehr, als die bloßen Geschehnisse hergeben. Immer liegt zugleich eine Deutung darin, ein Verweis auf Künftiges oder eine Reminiszenz an das bereits Gesagte. Kurz: Immer wird die Schriftstellerin sichtbar, die im Schreibprozess das eigene Leben verarbeitet und transzendiert.

AstridDas gilt auch für den sonntäglichen Kirchgang, wo der unkonventionelle Geist der heranwachsenden Astrid (Alba August) selbst vor dem Heiligsten der streng gläubigen Familie nicht Halt macht: dem Wort Gottes. Was wäre, sinniert das fantasiebegabte Mädchen während der Predigt in Pippi-Langstrumpf-Manier, wenn die Bewohner von Sodom ihre Stadt immer nur „Limonade“ nennen würden und die von Gomorrha immer nur „Guten Morgen“? Und die Bibel geradezu dadaistisch der Limonade einen guten Morgen wünschte statt Sodom und Gomorrha zu verdammen? Ja dann käme man, wenn es nach Astrids rigider Mutter (Maria Bonnevie) ginge, geradewegs in die Hölle. Aber wenigstens treibt im provinziellen Fegefeuer noch der liberale Chefredakteur Reinhold Blomberg (Henrik Rafaelsen) sein Unwesen, der nicht nur an der Wortkunst seiner 30 Jahre jüngeren Volontärin Gefallen findet. Astrid wird mit 18 ungewollt schwanger. Es ist, als ob Gott das lebenslustige Mädchen prüfen wollte wie einst den frommen Hiob.

„Eine Familie“ heißt einer der Vorgängerfilme von Pernille Fischer Christensen. Schon der Titel macht deutlich, worin das Zentralthema und die große Stärke der dänischen Regisseurin liegen. Bei ihr werden die Dramen der engsten und unausweichlichsten menschlichen Gemeinschaft fein herausziseliert. Sie begnügt sich nicht mit dem groben Klotz der üblichen Konflikte – etwa hier die verhärtete Mutter, dort der nachsichtige Vater. Oder hier die elterlichen Erwartungen, dort der jugendliche Freigeist. „Astrid“ arbeitet sich tief in familiäre Spannungen und wechselseitige Erwartungen hinein, die sich nicht auf die Beziehungen zwischen den Figuren beschränken, sondern sich als innere Zerreißprobe in jedem einzelnen Charakter wiederfinden.

AstridWas bedeutet Mutterliebe? Was heißt es für das eigene Leben, ein Kind wegzugeben oder durch unversöhnliche Konflikte zu verlieren? Solche Fragen lassen sich kaum beleuchten, ohne an der Grenze zur Sentimentalität vorbei zu schrammen. Das Taschentuchkino ist auch in Fischer Christensens neuem Film nicht weit. Und doch besticht ihre Arbeit durch die Präzision, mit der sie Widersprüche aufdeckt und aushaltbar macht. Ja, auch die große Kinderversteherin Astrid Lindgren war nicht immer perfekt. Und ja, gerade das macht sie umso menschlicher.

Freunden großer dramatischer Ausbrüche und klarer Freiheitsbekenntnisse mag „Astrid“ zu betulich, möglicherweise sogar überzuckert erscheinen. Aber der Film ist eben nicht nur Biopic, sondern auch ein Film über das Schreiben. Über den Abstand, den die schriftliche Verarbeitung gegenüber dem Erlebten schafft. Über den Trost, den die Fantasie spendet. Und über die größere Klarheit, die die Fiktion der Wirklichkeit voraushat. Dass die filmische Fantasiearbeit sich dem kindgerechten Schreiben von Astrid Lindgren annähert, ist eben auch eine Art der Verbeugung.

„Astrid“ bedient sich wie einige andere Filmbiografien des Tricks, nicht das ganze Leben erzählen zu wollen, sondern eine prägende Episode exemplarisch herauszugreifen. Dass daraus ein Film für die ganze Familie entsteht – ohne allzu große Verwerfungen und mit einem Hang zum guten Ende -, wird dem Werk der großen Kinderbuchautorin nur gerecht.

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Astrid

Länge: 123 min

Kategorie: Biography , Drama

Start: 06.12.2018

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Astrid

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 123 min
Kategorie: Biography , Drama
Start: 06.12.2018

Bewertung Film: (7,5/10)

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