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Under the Silver Lake

Geschrieben von Peter Gutting am 21. Oktober 2018

Under the Silver Lake

„Wie angelt man sich einen Millionär?“ Diese Frage stellte die klassische Hollywoodkomödie von Jean Negulesco im Jahr 1953. Der neue Film von David Robert Mitchell kehrt die Frage um: Wie schaffen es alte reiche Männer, hübsche junge Dinger zu ködern? Die Antwort ist verblüffend. Sie basiert auf komplexen Verschwörungen, die natürlich nicht verraten werden dürfen. Denn Mitchells neuer Film ist eine Art Krimi. Oder anders gesagt: ein höchst eigenwilliger Versuch, die Genres „Neo Noir“ oder „Mystery Thriller“ mit der eigenen Handschrift zu schmücken. So wie es Mitchell auch mit seinen Vorgängerfilmen getan hat, dem Teenagerdrama „The Myth of the American Sleepover“ (2010) und dem Horrormovie „It Follows“ (2014).

Under the Silver LakeDer Film beginnt wie in dem Klassiker „Das Fenster zum Hof“ (1954) von Alfred Hitchcock. Ein Mann in seinem Apartment. Allein und gelangweilt. Einziger Zeitvertreib: der Blick aus dem Fenster in einen Hinterhof, in die Wohnungen der anderen. Da geht so allerhand vor sich, was den Blick des Voyeurs auf sich zieht, ihn zum Fernglas greifen lässt. Bis eines Tages etwas Spektakuläres passiert. Etwas, das den Mann aus der Lethargie reißt. Ein Verbrechen, oder besser gesagt der Verdacht eines Verbrechens. Etwas, das den Mann, der weder Polizist noch Detektiv ist, in die Rolle des Ermittlers schlüpfen lässt.

Es gibt aber auch Unterschiede zum unverhohlen zitierten und bewunderten Vorbild. Sam (Andrew Garfield) ist nicht durch ein Gipsbein an seine Wohnung gefesselt und er hat auch keinen Beruf wie der Fotograf bei Hitchcock. Der 33-Jährige lebt einfach nur in den Tag hinein, in bewusster Ablehnung einer bürgerlichen Karriere. Er weiß offenbar nicht, wie manch andere seiner Generation, was er mit der grenzenlosen Freiheit des postmodernen Zeitalters anfangen soll. Sarah jedoch (Riley Keough), die eines Tages am Pool des Hinterhofs auftaucht, erscheint ihm wie eine Verheißung. Inszeniert wie eine Diva aus der goldenen Hollywood-Ära, die Sam so verehrt, verkörpert ihr Verschwinden den Lockruf in eine abenteuerliche, filmhafte Odyssee durch Los Angeles, die Stadt der Träume und der Engel.

Under the Silver Lake„MacGuffin“ nannte Hitchcock eine Person oder ein Objekt, das im Film nur dazu dient, eine Handlung voranzutreiben, die sich eigentlich um etwas ganz anderes dreht. David Robert Mitchell treibt das Prinzip auf die Spitze, indem er nicht nur einen, sondern gleich mehrere MacGuffins ihr Verwirrspiel treiben lässt. Immer wieder tauchen etwa Hinweise auf mysteriöse Hundekiller auf, ohne dass klar würde, ob dieser Erzählstrang einen anderen Sinn hat, als die Handlung mit Schockelementen zu versorgen. Ähnlich uneigenständig erscheinen die Verweise auf den heute vergleichsweise unbekannten Hollywoodstar Janet Gaynor oder die Verschwörungstheorie um halbnackte Frauen mit Eulenmasken, die fürchterliche Morde begehen. Selbst beim eigentlich zentralen Handlungsstrang, der Suche nach geheimen Codes, die zur verschwundenen Sarah führen, entsteht zuweilen der Eindruck einer bloßen Spielerei.

Insgesamt bleibt rätselhaft, was die teils surreal inszenierte Aufklärung eines Verbrechens eigentlich zum Thema hat. Hier und da werden hollywoodkritische Verweise eingestreut, es kommt zu philosophischen und moralischen Reflexionen und es geht unübersehbar um einem tieferen Sinn unter der knallbunten Oberfläche der Popkultur. Aber alles bleibt gebunden an das höchst private Universum des Drehbuchautors und Regisseurs, der eine große Lust am Puzzlespiel mit ganz unterschiedlichen Versatzteilen offenbart: die „goldenen Jahre“ Hollywoods, Comics, Popsongs, geheime Codes und Zitate aus der Filmgeschichte.

Under the Silver LakeEin paar Pluspunkte allerdings muss man „Under the Silver Lake“ lassen. Trotz seiner Verspieltheit hält er die Spannung hoch, verfügt über ein gutes Rhythmusgefühl und einen trockenen Humor. Dass der Regisseur grundsätzlich ein Händchen fürs Auflockern von Genregrenzen hat, ist unübersehbar. Nur übertreibt er es hier mit dem Vorzeigen seiner Virtuosität, lässt sich verführen von der Hochglanzoberfläche und dem hohlen Schein der Hollywoodindustrie, die er doch, wenn man die Andeutungen nicht versteht, eigentlich kritisieren möchte.

„Under the Silver Lake“ ist ein gutes Beispiel für einen überambitionierten Film. Regisseur David Robert Mitchell will von allem zu viel: von dem Spiel mit Zitaten, von hypnotischen Kameraperspektiven und von Verweisen auf einen angeblichen Subtext, den der Zuschauer erst entziffern müsse. Man kann diesen Versuch einer ganz neuen Sicht auf den Film noir eigentlich nur Zuschauern empfehlen, die sich mit dem Treibenlassen in schönen Bildern zufrieden geben. Wer jedoch hinter dem Budenzauber eine relevante Geschichte sucht, wird enttäuscht werden.

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Copyright: Weltkino, A24

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Under the Silver Lake

Länge: 139 min

Kategorie: Comedy , Crime , Drama

Start: 06.12.2018

cinetastic.de Filmwertung: (5/10)

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Under the Silver Lake

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 139 min
Kategorie: Comedy , Crime , Drama
Start: 06.12.2018

Bewertung Film: (5/10)

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