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Sibel

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 4. Oktober 2018

Sibel

In der Türkei reagiert Staatschef Erdogan nach wie vor mit harter Hand, wenn er vermeintliche Terroristen, Vaterlandsverräter und andersdenkende Pressevertreter einsperren lässt. Das neuste Drama von Çagla Zencirci und Guillaume Giovanetti thematisiert diese Themen unterschwellig, doch obwohl „Sibel“ als modernes Märchen zu verstehen ist, wird dieses doch wohl nie in seinem Heimatland der breiten Masse zugänglich sein.

In einem kleinen türkischen Bergdorf am Schwarzen Meer lebt die etwa 20-jährige Sibel (Damla Sönmez) zusammen mit ihrem verwitweten Vater Emin (Emin Gürsoy) und ihrer jüngeren Schwester Fatma (Elit Iscan). Sibel ist seit frühster Kindheit stumm, doch obwohl diese die Zeichensprache nie erlernt hat, kann sie sich doch mit Pfeifen wunderbar verständigen. Eben diese Pfeifsprache ist in den Bergdörfern weit verbreitet, denn wenn man hoch oben auf den Teeplantagen schon kein Handy Empfang hat, muss man eben andere Wege finden, um mit den Menschen im Dorf zu kommunizieren.

SibelFür Sibel ist der Alltag strickt eingeteilt, denn während sie am Vormittag auf den Feldern und Plantagen aushilft, durchstreift sie am Nachmittag mit einem Gewehr über der Schulter den nahen Wald. Dort soll nämlich ein Wolf für Angst und Schrecken sorgen, weswegen sich die Frauen nicht nur zum Brautfelsen nicht mehr trauen, sondern auch alle anderen den Wald meiden. Für Sibel ist besagter Wolf die Chance Anerkennung zu erlangen, doch eines Tages trifft sie auf einem ihrer Streifzüge den verletzten Deserteur Ali (Erkan Kolçak Köstendil). Während Sibel diesen gesund pflegt und sich zu Ali langsam hingezogen fühlt, kommt es zu einem großen Streit mit ihrem Vater, als die Dorfgemeinschaft davon erfährt.

In ihrem gemeinsamen Film „Noor“ erzählten Çagla Zencirci und Guillaume Giovanetti vor sechs Jahren von einem Mann, der nicht länger der Transgendergemeinschaft angehören wollte und auf der Suche nach einer Frau war, die ihn so akzeptiert wie er ist. Dieses sensible Thema könnte nun mit „Sibel“ fortgesetzt werden, denn auch hier berichten beide von einer heranwachsenden jungen Frau, die in ihrem Dorf als ausgestoßene gilt und einfach nur dazugehören möchte.

SibelEben diese Zugehörigkeit wird in diesem modernen Märchen mit einem Wolf symbolisiert, doch obwohl die junge Sibel fern ab davon ist als kleines Rotkäppchen verstanden zu werden, ist der Wolf doch die Chance nach Anerkennung. Sibel wünsch sich nämlich nichts sehnlicher als einfach nur dazu zu gehören, warum also nicht einfach die Bedrohung im Wald töten? Einfacher gesagt als getan, denn besagten Wolf gibt es gar nicht. Vielmehr fängt sie in einer ihrer Wolfsfallen den Deserteur Ali, doch obwohl dieser rein äußerlich als Wolf durchgehen könnte, sieht sie von dessen Tod ab und pflegt ihn stattdessen, wodurch eine Beziehung aufgebaut wird.

Eben diese Beziehung erscheint ehrlich, denn wo sie im Dorf von Frauen gemieden wird, da Sibel kein Kopftuch tragen muss, und von Männern nur als Behinderte angesehen wird, akzeptiert Ali sie so wie sie ist. Beide lernen sich langsam zu verständigen, ihre Eigenarten zu akzeptieren, doch „Sibel“ wäre kein Märchen, wenn nicht noch etwas schlimmes passieren würde. Fatma, ihre böse – und sehr eingebildete – Schwester verrät ihr Geheimnis, woraufhin nicht nur Gerüchte im Dorf die Runde machen, sondern auch die Polizei erscheint, die den Vaterlandsverräter am liebsten sofort erschießen würde. Dieser ist nämlich abgrundtief böse, gemeingefährlich und muss gefangen werden, ein jedes Leben im Dorfe könnte davon abhängen.

SibelDiese Hetze wird auch in Radio und Fernsehen deutlich gemacht, wodurch wiederrum der Bogen zur aktuellen politischen Lage in der Türkei gespannt wird. Andersdenkende werden sogleich als Verbrecher hingestellt, lange eingesperrt und die Bevölkerung mit Falschinformationen gefüttert, damit diese möglichst unterstützen und den einmal eingeschlagenen Weg weiter verfolgen.

Es ist aber nicht nur diese politische Botschaft, es sind vor allem alte gesellschaftliche Strukturen die hier angeprangert werden, die womöglich bereits längst überholt sind. Sibels Vater Emin wird als verwitweter Bürgermeister nur bedingt akzeptiert, woraufhin natürlich eine Kupplerin vorbei schaut, um diesem eine Frau aus dem Nachbarsdorf anzubieten. Emin wiederrum empört sich über die Art wie diese Frau mit einem Mann spricht, was wiederrum die Rolle der Frau als unterwürfige darstellt. Darüber wird aber auch das Thema der Zwangsehe angesprochen, denn obwohl Fatma sich freut zu heiraten, hat sie als Minderjährige doch ihren zukünftigen Ehemann aus einem anderen Dorf noch nie gesehen.

Hinsichtlich ihrer Hauptdarstellerin haben Çagla Zencirci und Guillaume Giovanetti alles richtig gemacht, denn obwohl Damla Sönmez über fast anderthalb Stunden hinweg kein einziges Wort spricht, vermag sie doch vor allem mit ihrer wunderbaren Mimik zu überzeugen. Wenn sie durch den Wald hetzt, sich mit Pfeiflauten mit ihrem Vater streitet oder sich den Worten der Dorfbewohner erwehrt, ist dies einfach nur ganz großes Kino.

Mit „Sibel“ präsentieren Çagla Zencirci und Guillaume Giovanetti ein modernes Märchen hoch oben in den Bergen der Türkei. Gesellschaftskritisch, politisch leicht anklagend und wunderbar gespielt von Damla Sönmez.

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Sibel

Länge: 95 min

Kategorie: Drama

Start: 27.12.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 95 min
Kategorie: Drama
Start: 27.12.2018

Bewertung Film: (7/10)

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