cinetastic.de - Living in the Cinema

Der Dolmetscher

Geschrieben von Peter Gutting am 5. Oktober 2018

Der Dolmetscher

Über die Geschichte der Slowakei im Zweiten Weltkrieg weiß man hierzulande wenig. Und selbst bei den Slowaken gehe die Erinnerung an ein dunkles Kapitel der Vergangenheit langsam verloren, fürchten Regisseur Martin Šulík und Drehbuchautor Marek Lescák. Mit ihrem neuen Film wollen sie dem Vergessen der Nazi-Diktatur und der slowakischen Kollaboration entgegenwirken. Dass dies mehr als eine Geschichtsstunde geworden ist, dafür sorgen die Schauspieler Peter Simonischek und Jiří Menzel.

Der DolmetscherEin alter Mann steigt aus dem Zug. Etwas unbeholfen versucht er, sich in der fremden Stadt zu orientieren. Aus der Vogelperperspektive verfolgt die Kamera das Sich-Durchfragen und die allmähliche Annäherung an sein Ziel. Korrekt gekleidet mit Anzug und Krawatte, könnte der Mann auf dem Weg zu einem Notar sein. Die Adresse im Wiener Zentrum zeigt jedenfalls ein fein herausgeputztes Patrizierhaus. Doch vor dem Eintreten zieht der 80-Jährige eine Pistole aus dem Aktenkoffer.

Ali Ungár (Jiří Menzel) heißt der Mann, dessen Sanftmut so gar nicht zu einer Gewalttat passen will. Durch Zufall hat er kürzlich das Buch eines ehemaligen SS-Sturmbannführers in die Hand bekommen. Ihn will er zur Rede stellen – als mutmaßlichen Mörder seiner jüdischen Eltern. Doch als die Tür aufgeht, steht da nur dessen Sohn, Georg Graubner (Peter Simonischek), Lehrer im Ruhestand und eher ein Alt-Hippie denn ein strammer Nazi. Sein Vater sei tot und er habe vor dessen Ableben 40 Jahre lang keinen Kontakt mit ihm gehabt, erklärt der Lebemann, der sich gerade auf ein Schäferstündchen mit seiner jungen Haushälterin gefreut hat.

Der DolmetscherAli Ungár zieht unverrichteter Dinge ab, nicht ohne den Sohn als „antisemitisches Schwein“ zu titulieren und dessen Briefkasten mit einem Hakenkreuz zu „verzieren“. Das wiederum will der antiautoritär gesinnte Täter-Sohn nicht auf sich sitzen lassen. Er nimmt Kontakt zu dem gelernten Dolmetscher auf und lädt ihn zu einer gemeinsamen Forschungsreise ein. Georg will die Archive und die letzten Zeitzeugen des Massakers an den slowakischen Juden besuchen und braucht dafür einen Übersetzer.

Man kann über die Figur des Georg nicht sprechen, ohne an Peter Simonischeks Rolle als „Toni Erdmann“ zu denken. So zerzaust, so unberechenbar und so Alt-68er-mäßig wie in Maren Ades Überraschungshit aus dem Jahr 2016 agiert der renommierte Theaterschauspieler auch hier. Einziger Unterschied: Die Figur des Georg hat ein erhebliches Alkoholproblem und eine phänomenale Anziehungskraft auf deutlich jüngere Frauen. Sein Charakter ist das komplette Gegenteil des ernsten, in sich verschlossenen, überaus asketischen Ali Ungár, der von Regisseur und Schauspieler Jiří Menzel verkörpert wird, dem Mitbegründer der tschechoslowakischen „Neuen Welle“.

Der DolmetscherAus der Figurenkonstellation erwachsen zugleich Stärke und Schwäche des tragikomisch angelegten Road-Movies. Es ist überdeutlich, dass den Charakteren Defizite mitgegeben werden, die aus der Vergangenheit rühren und die sie – recht vorhersehbar – auf ihrer Reise bearbeiten müssen. Aber die erfahrenen Schauspieler tun alles, um gegen die Holprigkeiten des Drehbuchs anzuspielen. Je länger der Film dauert, desto mehr Gelegenheit schaffen sie, sich mit den gewollten Schrulligkeiten ihrer Figuren anzufreunden. Und sie als einigermaßen authentische Menschen wahrzunehmen.

Vor allem für nicht-slowakische Zuschauer ergibt sich aber eine weitere Hürde, in die Handlung hineinzufinden. Dem Regisseur geht es nämlich nicht allein um die Gräueltaten der Nazis, die ja in vielen anderen Filmen immer neu beleuchtet werden. Es geht ihm vor allem um die komplexen Täter-Opfer-Konstellationen im eigenen Land. Einerseits wurde die Tschechoslowakei von Nazi-Deutschland zerschlagen – Annexion sudetendeutscher Gebiete, Besetzung der „Rest-Tschechei“. Anderseits ließ Hitler einen abgespaltenen „slowakischen Staat“ gründen, der von der antisemitischen Hlinka-Partei diktatorisch regiert wurde und sich an der Deportation und Ermordung eines Großteils der jüdischen Bevölkerung beteiligte. Der Täter-Sohn und der Opfer-Sohn sprechen auf ihrer Reise daher nicht nur mit Angehörigen der Opfer, sondern erfahren auch etwas über jene, die von der Enteignung der Juden profitierten. Die Aufarbeitung der Geschehnisse wirkt in die Gegenwart, und zwar über die Opfer-Kinder und Täter-Kinder hinaus. „Menschen, die in Dörfern wohnen, die von den Nazis niedergebrannt wurden, wählen heute Faschisten“, sagt Drehbuchautor Marek Lescák. „Und es scheint ihnen völlig egal zu sein“.

„Der Dolmetscher“ verbindet die komödiantisch bewährte Konstellation des ungleichen Männerpaars mit schwerer historischer Kost. Dabei verflechten sich die beiden Erzählstränge nicht immer harmonisch, sondern sind auf recht unwahrscheinliche dramaturgische Prämissen angewiesen. Trotz Holprigkeiten in Dialogen und Dramaturgie sei der Film allen Zuschauern empfohlen, die Erinnerungsarbeit gerade in Zeiten wie diesen für wichtig halten.

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Wir vergeben daher 6 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Film Kino Text

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Mit Facebook Anmelden um zu Posten!

Anmelden
Der Dolmetscher

Länge: 113 min

Kategorie: Comedy , Drama

Start: 22.11.2018

cinetastic.de Filmwertung: (6/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten!

Gewinnspiele

Gewinne Kinokarten, BluRays, DVDs,
Fan Packages und mehr!

Gleich mitmachen

Info

Der Dolmetscher

Der Dolmetscher

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 113 min
Kategorie: Comedy , Drama
Start: 22.11.2018

Bewertung Film: (6/10)

  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1
  • 1

Leser Filmwertung: (0,0/10)

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

Film bewerten