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Climax

Geschrieben von Peter Gutting am 21. Oktober 2018

Climax

Vielleicht ist es ein nicht zu beneidendes Schicksal, als Skandal-Regisseur berüchtigt zu werden. Der Franko-Argentinier Gaspar Noé erwarb sich diesen Ruf spätestens mit seinem zweiten Film „Irreversibel“ (2002). Angeblich verließen 200 der 2400 Premierenzuschauer schon zu Beginn den Saal der Filmfestspiele in Cannes, als die erste Tötungsszene gezeigt wurde. Dabei hatten sie noch nicht einmal den eigentlichen Schockmoment des Films gesehen, eine zehnminütige Vergewaltigung. Was soll man danach noch für Filme drehen? In der ewigen Sex- und Gewaltspirale hängenbleiben? „Verrat“ an den Erwartungen begehen? In seinem fünften Kinofilm versucht Noé, das Schockniveau hoch zu halten, aber neues Terrain zu erobern: den Exzess von tänzerischer Ekstase und Drogenrausch.

ClimaxSelten hat sich eine Kamera so dem Tanz genähert: Bleibt einfach starr und distanziert, wo andere sich unter die Tänzer mischen, um das Kreisen noch zu verstärken. Oder um ihre Gesichter zu erforschen, ihre Blicke zu verfolgen. Nichts von alledem. Stattdessen erhebt sich die Kamera von Benoît Debie in die Höhe, schaut auf die Köpfe der Akteure. Die allerdings gleichen mehr als aus, was der Kamera an Energie abgeht. Sie vollführen akrobatische, an den Breakdance angelehnte, tollkühne Drehungen, Sprünge, Verrenkungen.

Die Szene spielt in einem abgelegenen, ehemaligen Schulhaus in der französischen Provinz. 21 Tänzer und Tänzerinnen haben drei Tage lang hier geprobt, um sich auf eine Tournee durch Frankreich und die USA vorzubereiten. Nach der letzten Probe, die die Kamera in einer einzigen langen Einstellung quasi „live“ einfängt, soll der „gemütliche“ Teil des Abends beginnen. „Daddy“, gespielt von dem in Frankreich berühmten DJ Kiddy Smile, legt auf. Selva, die Leiterin der Truppe, verkörpert von der Tänzerin und Schauspielerin Sofia Boutella, hat Sangria bringen lassen. Der Alkohol lockert die Stimmung, Zweiergrüppchen bilden sich. Gutgelaunt tratschen und lästern sie, unterschwellige sexuelle Spannungen finden ein humorvolles Ventil. Doch dann kippt die Stimmung. Selva ist die erste, die vermutet, dass jemand die Droge LSD in die Sangria gemixt hat. Damit beginnt ein Horrortrip.

ClimaxGaspar Noé ist berühmt dafür, das Publikum zu spalten. Erstaunlicherweise ist das in Cannes 2018, wo der Film in der Nebenreihe „Quinzaine des Réalisateurs“ den Hauptpreis gewann, nicht geschehen. Das Kritikerecho fiel überwiegend positiv aus. Das mag man dem cineastischen Experiment zuschreiben, vorwiegend mit ungeschnittenen und improvisierten Szenen zu arbeiten und so ein besonderes intensives Erlebnis zu kreieren. Oder dem Wagnis, fast ausschließlich mit Tänzern, als schauspielerischen Laien zu arbeiten – Sofia Boutella ist die einzige Ausnahme – und ihnen die Darstellung von existenziellen Grenzsituationen nahe des Wahnsinns abzuverlangen, die selbst erfahrene Darsteller vor Herausforderungen stellen. Oder es mag damit zusammenhängen, dass die meisten Kritiker der Motivation folgen konnten, die Noé in einem Regiekommentar formuliert: „Situationen, in denen völlig unvermittelt Chaos und Anarchie ausbrechen, haben mich immer schon fasziniert.“

ClimaxKaum verwunderlich also, dass der Regisseur irgendwann eine Schrifttafel einblendet, die da lautet: „Das Leben ist eine kollektive Unmöglichkeit“. Danach fallen der Strom und die Ich-Schranken aus. Eifersucht führt zur Messerattacke auf die vermeintliche Nebenbuhlerin, die Suche nach dem Sangria-Vergifter mündet in Lynchversuche, manche werden von Panikattacken, andere von Epilepsie-artigen Anfällen geschüttelt. Wieder andere tanzen selbstvergessen einfach weiter, keiner kommt auf die Idee, sterbenskranken oder schwer verletzten Menschen zu helfen. Irgendwann gegen Ende greift der Regisseur zu einer weiteren Schrifttafel: „Der Tod ist eine ungewöhnliche Erfahrung“. Ironie? Pseudophilosophische Anspielung, die den Interpretationsspielraum erweitern soll? Oder doch eine äußerst menschenfeindliche Einschätzung dessen, was passiert, wenn man das dionysische Prinzip des Rausches und der Entgrenzung auf die Spitze treibt. Natürlich ist das Böse irgendwie Noés Steckenpferd. Aber man muss seine Faszination nicht teilen, selbst wenn er es mit beeindruckender cineastischer Virtuosität zelebriert. Längst nicht jeder Rausch endet in einem Horrortrip. Und LSD galt zu Hippiezeiten mal als bewusstseinserweiternd, nicht als amoralisch oder zerstörerisch.

„Climax“ ist eine Art Horrorfilm mit Arthouse-Anspruch. Es fehlen die genretypischen Stilmittel und damit auch die Distanzierungsmöglichkeiten. Stattdessen ziehen ungeschnittene Einstellungen den Zuschauer direkt in einen Horrortrip, der immer tiefer in Gewalt und Ich-Verlust führt. Wer an das Böse unter der zivilisatorischen Oberfläche glaubt, könnte in „Climax“ einen Höhepunkt von Noés Schaffen sehen. Den Autor dieser Zeilen hat die unterschwellige Menschenverachtung nicht überzeugt.

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Copyright: Alamode Film

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Climax

Länge: 95 min

Kategorie: Drama , Horror , Musical

Start: 06.12.2018

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 95 min
Kategorie: Drama , Horror , Musical
Start: 06.12.2018

Bewertung Film: (4/10)

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