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Bohemian Rhapsody

Geschrieben von Peter Gutting am 24. Oktober 2018

Bohemian Rhapsody

Mit Legenden ist es so eine Sache. Sie stehen längst auf ihrem Sockel, haben es sich dort gemütlich gemacht. Wer sich ihnen nähert, hat eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder er kratzt an ihrem Legendentum, versucht sie vom Sockel zu stoßen. Oder er versinkt in eine quasireligiöse Anbetung und lässt die Stationen Revue passieren, die den Helden zum Halbgott qualifizieren. Die Regisseure Bryan Singer und Dexter Fletcher haben sich für die zweite Variante entschieden: für die faszinierende und mitreißende Heldensaga um die Rockband Queen und ihren charismatischen Leadsänger Freddie Mercury.

Bohemian RhapsodyEin Mann macht sich bereit. Er schält sich aus dem Bett, zieht sich an. Seine Katzen schauen ihm dabei zu. Vom Fenstersims aus sehen sie ihn in den vorgefahrenen Rolls-Royce steigen. Die Tiere beäugen das Geschehen mit sanftem Gleichmut. Natürlich ahnen sie nicht, dass ihr Herrchen in wenigen Minuten einen der denkwürdigsten Momente der Rockgeschichte vor sich hat: Queens 20-Minuten Gig beim Gemeinschaftsprojekt „Live Aid“.

Freddie Mercury (Rami Malek) liebte Katzen. In seinem Londoner Stadthaus bekam jede ihr eigenes Zimmer. Vielleicht hat er sich nach der inneren Ruhe der Stubentiger gesehnt – ein Gemütszustand, der ihm, will man dem Film glauben, zeitlebens verwehrt blieb. Der Rocksänger, wie er hier gezeigt wird, wollte nie zurückschauen, immer nur nach vorn. Er wollte nicht an die Verfolgung seiner parsischen Familie denken, die einer religiösen Minderheit angehörten und aus Sansibar (heute Tansania) nach London flüchteten. Auch nicht an die Zeit, als er sich mit einem Teilzeitjob am Flughafen über Wasser halten musste und als „Paki“ beschimpft wurde. Und schon gar nicht an die ewigen Streits mit seinem Vater, der die musikalischen Ambitionen seines Sohnes in der Rockszene als unmoralisch verurteilte.

Bohemian RhapsodyAuch mit „Queen“ wollte Freddie Mercury immer nach vorne. Wollte Genre-Grenzen sprengen, Tabus überschreiten. Etwa in der sehenswerten Szene, in der die Band den titelgebenden Song „Bohemian Rhapsody“ gegenüber dem Boss ihrer bisherigen Plattenfirma als Single durchzusetzen versucht, trotz der Dauer von sechs Minuten, die damals (1975) im Radio als unspielbar galt.

Man kann sich dem Film kaum nähern, ohne die schwierige Vorgeschichte mitzudenken. Bereits 2010 begannen die Vorbereitungen. Für die Hauptrolle war zunächst Sacha Baron Cohen vorgesehen. Doch dies stieß auf Bedenken des Queen-Gitarristen Brian May (im Film gespielt von Gwilym Lee) und des Schlagzeugers Roger Taylor (Ben Hardy), die als Koproduzenten ein Mitspracherecht haben. Auch der Drehbuchautor wurde ausgetauscht, erst Peter Morgan, dann Anthony McCarten. Und zu allem Übel feuerte die Produktion während der Dreharbeiten den Regisseur Bryan Singer („Die üblichen Verdächtigen“, „X-Men“), um ihn durch Dexter Fletcher zu ersetzen. Gemessen daran ist ein erstaunlich homogener Film entstanden: die eindeutige und in sich stimmige Mission, einen Toten wieder auferstehen zu lassen und das Evangelium seines Siegeszugs durch die Rockgeschichte zu schreiben.

Bohemian RhapsodyDas gelingt mit raumgreifenden Kamerafahrten und einer Bühnenperformance, die sich Hauptdarsteller Rami Malek bis in die kleinsten Details von seiner Figur abgeschaut hat. Natürlich ist „Bohemian Rhapsody“ nicht nur Biopic, sondern vor allem Musikfilm, mit klug in die Geschichte eingebauten Hits, die fast jeder kennt und die auf der Leinwand noch einmal eine ganz eigene Energie und Dramatik gewinnen. So wird der Film, der mit dem Live-Aid-Auftritt einsetzt, dann zurückspringt ins Jahr 1970 und chronologisch bis 1985 erzählt, ganz einfach zu Konzertsaal, Stadion und Party.

Man kommt sich fast beckmesserisch vor, trotzdem noch auf ein paar Schwächen aufmerksam zu machen. Denn der Film kann es wie fast jede Mainstreamproduktion nicht lassen, ein paar Klischees zu bemühen: das von der Tellerwäscher-zum-Millionär-Saga, das von der unsterblichen Liebe und das von der unzertrennlichen Familie, die hier zur Bandfamilie mutiert. Diese Einwände wiegen jedoch nur leicht und treten hinter dem feinen Humor und der großartigen darstellerischen Leistung zurück, die die innere Zerrissenheit zwischen öffentlichem Ruhm und privater Glückssuche glaubhaft macht.

„Bohemian Rhapsody“ konzentriert sich ganz bewusst auf die glorreichen Jahre von Freddie Mercury und der Band Queen. Der Film endet im Jahr 1985, er spart den Aids-Tod 1991 und das langsame Dahinsiechen aus. Damit zeigt er Freddie Mercury so, wie ihn seine Bandkollegen und seine Fans in Erinnerung behalten möchten: als außergewöhnliches musikalisches Talent.

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Wir vergeben daher 7,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: 20th Century Fox

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Bohemian Rhapsody

Länge: 134 min

Kategorie: Biography , Drama , Music

Start: 31.10.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Info

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Bohemian Rhapsody

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 134 min
Kategorie: Biography , Drama , Music
Start: 31.10.2018

Bewertung Film: (7,5/10)

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