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Aufbruch zum Mond

Geschrieben von Peter Gutting am 11. Oktober 2018

Aufbruch zum Mond

Der letzte Kick für Superreiche: ein Privatflug zum Mond. Mit 1,5 Milliarden Dollar für zwei Personen wäre man dabei, Mondspaziergang inklusive, sogar Rückflug. Das ist kein Witz, sondern die ernsthafte Geschäftsidee ehemaliger NASA-Mitarbeiter. Seit 2013, als man einen Start für 2020 anpeilte, hat man aber wenig von dem Vorhaben gehört. Vielleicht verliert das Ganze noch mehr an Reiz, wenn potenzielle Interessenten den neuen Film von Damien Chazelle über Neil Armstrong sehen, den ersten Mann auf dem Mond. Der faszinierende Thriller macht nämlich deutlich, wie aberwitzig und gefährlich das Kräftemessen im Weltall in den 1960er Jahren war.

Aufbruch zum MondErst hört man nur das Keuchen. Dann ein ohrenbetäubendes Geratter, dumpfe Schläge, heilloses Chaos. Die Kamera geht direkt auf die Augen des Piloten, der gerade die Erdatmosphäre durchbricht. Panik, übermenschliche Anspannung, Todesangst. Schon die Eingangssequenz macht deutlich, was „Aufbruch zum Mond“ sein will und was nicht. Schonungslos realistisch schleudert Regisseur Damien Chazelle („Whiplash“, „La La Land“) den Zuschauer in das Innere fliegender Särge, lässt ihn die physische Enge spüren, das Ausgeliefertsein an nie gekannte Kräfte und Geschwindigkeiten.

Nichts da von Weltraumoper, luxuriösen Raumstationen und futuristischer Romantik. Nur in seltenen Momenten lässt sich der Film auf den Zauber der unendlichen Weite ein, auf den spielerischen Charme der Schwerelosigkeit. Dann bricht der gewaltige, Angst machende Soundtrack urplötzlich ab. Es wird ganz still, in der Ferne sieht man Lichter tanzen. Und einmal ertönt sogar – in unverkennbarer Anspielung auf Kubricks „Odyssee 2001“ – ein Walzer.

Aufbruch zum MondAls Neil Armstrong (Ryan Gosling), der Mann mit den panischen Augen, 1961 aus dem Raketenflugzeug X-15 steigt, ist sein Vorgesetzter mit dem Testpiloten unzufrieden. „Guter Ingenieur, aber abgelenkt“, lautet das Verdikt. Ein Schnitt und wir sehen den Grund für die Unkonzentriertheit. Wieder ist eine Art Rakete im Bild, aber die Situation ist eine ganz andere. Karen, die zweijährige Tochter von Neil und Janet (Claire Foy) wird mit radioaktiven Strahlen beschossen, gegen den Tumor im Kopf. In ihrem Fall wird auch der technische Fortschritt nicht helfen. Ein Trauma, mit dem der technikbesessene Testpilot nicht umgehen kann. Er stürzt sich in Arbeit, entfremdet sich von seiner großen Liebe und den beiden Kindern. Taumelt wie benommen durchs Leben, selbst als ihn der Anruf der inzwischen gegründeten NASA wegen des bevorstehenden Gemini- und Apolloprogramms ereilt. „Sie haben mich genommen“, sagt er mit tonloser Stimme zu seiner Frau. Freude sieht anders aus.

Spätestens jetzt ahnt man auch, warum Regisseur Damien Chazelle ja gesagt hat, als ihn der Auftrag zu seinem vierten Spielfilm, dem ersten ohne eigenes Drehbuch, ereilte. Lohnt sich das, lautete die entscheidende, nie beantwortete und vielleicht nie zu beantwortende Frage der Vorgängerfilme. Lohnt es sich, derart sadistisch und menschenverachtend mit Menschen umzugehen, um aus ihnen die besten Schlagzeuger der Welt zu machen, wie es der verhärtete Musiklehrer in „Whiplash“ tut? Lohnt es sich für die Künstlerkarriere die große Liebe zu opfern, so wie Mia und Sebastian in „La La Land“. Und lohnt es sich, auf den Mond zu fliegen, wenn man seinen Söhnen erklären muss, dass man womöglich nicht zurückkommt?

Aufbruch zum MondKein Zweifel, auch der erst 33-jährige, bereits Oscar-dekorierte Regisseur ist bereit, für die eigene Karriere etwas zu riskieren und vielleicht auch zu opfern. So stand bei dem filmischen Mondlandeprojekt zum Beispiel sein Ruf als cineastisches Wunderkind auf dem Spiel, dem die Zwänge einer Großproduktion womöglich die kreativen Flügel gestutzt hätten. Das ist glücklicherweise nicht passiert. Als ganz real stellte sich jedoch das Risiko heraus, den konservativen Teil der US-Öffentlichkeit zu verprellen, indem man Armstrong nicht als den typischen amerikanischen Helden zeigt, mit Blendax-Lächeln und Sonnyboy-Charisma. Nach der Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig vermissten patriotische Kritiker zum Beispiel die Szene, in der die Astronauten die US-Flagge auf dem Mond hissten.

Was Chazelle handwerklich und cineastisch drauf hat, zeigt sich, wenn man den ebenfalls spannenden „Ballon“ von Bully Herbig danebenhält. In beiden Filmen geht es um ein nie dagewesenes technisches Abenteuer, dessen Ausgang aber wohl bekannt ist. Beide reagieren darauf mit einer virtuosen Steigerung des Thrills. „Aufbruch zum Mond“ leistet aber noch mehr. Er zeichnet das Psychogramm eines Mannes und einer Ehe, ohne dabei zu psychologisieren oder Deutungen vorzugeben. Alles liegt in den Bildern: in fesselnden Parallelmontagen, subjektivem Kamerataumel und entlarvenden Reißschwenks.

Am 20. Juli 2019 jährt sich die erste Mondlandung zum 50. Mal. Es ist aber nicht die pflichtgemäße Jubiläumsschuld, die „Aufbruch zum Mond“ antreibt. Der junge Regisseur Damien Chazelle zeigt sich in seinem spannenden Weltraumthriller fasziniert von einem schweigsamen, als schwierig geltenden Neil Armstrong. Er wirft einen Blick hinter die Fassade, ohne das Persönliche komplett ausleuchten oder gar erklären wollen. Stattdessen stellt er Fragen, die nachwirken.

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Aufbruch zum Mond

Länge: 141 min

Kategorie: Biography , Drama , History

Start: 08.11.2018

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 141 min
Kategorie: Biography , Drama , History
Start: 08.11.2018

Bewertung Film: (8/10)

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