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Wo bist Du, João Gilberto?

Geschrieben von Peter Gutting am 6. September 2018

Wo bist Du, João Gilberto?

Nicht jeder erfolgreiche Musiker kommt mit dem Leben in der Öffentlichkeit klar. Manchen steigt der Ruhm zu Kopf, andere versinken in Skandalgeschichten, und wieder andere ziehen sich einfach zurück. Zu ihnen zählt der Mitbegründer der Bossa Nova, der Brasilianer João Gilberto. Nicht einmal der Koch, bei dem er zehn Jahre lang das Essen bestellte, hat ihn jemals zu Gesicht bekommen. Viele Gerüchte ranken sich um Gilbertos einsamen Lebensstil. Sogar in Europa gibt es Menschen, die viel Zeit und Energie darauf verwenden, dem mittlerweile 87-jährigen Sänger, Gitarristen und Komponisten ein Interview abzutrotzen. Davon handelt der neue Dokumentarfilm des Brasilien-Experten Georges Gachot.

Wo bist Du, João Gilberto?Das Meer – eine Art Leitmotiv. Immer wieder schaut die Kamera von oben auf die mächtigen Wellen am Strand von Rio de Janeiros Stadtteil Ipanema. Der breite Strand grenzt direkt an Hochhäuser. Hier lief einst das „Girl from Ipanema“ von der Stadt ans Meer, besungen von João Gilberto in einem der wohl bekanntesten Songs der Bossa Nova. Nur wenige Meter trennen das hektische städtische Leben vom Blick auf die endlosen Weiten des Ozeans. Sehnsucht heißt die Melodie, die solche Orte wecken. Von ihr handeln die Lieder João Gilbertos. Das Leitmotiv färbt ab auf die Machart des Films und durchdringt auch dessen Vorlage, das Buch „Hobalala – Auf der Suche nach João Gilberto“ des Journalisten und Schriftsellers Marc Fischer.

Es geht um eine doppelte Suche. Zuerst bemühte sich Marc Fischer, an das Idol seiner Lieblingsmusik heranzukommen. Er traf in Brasilien Weggefährten, Musikerkollegen und Frauen Gilbertos – alles mit dem Ziel, sich so weit wie möglich der scheuen Legende nähern. Dann las Filmemacher Georges Gachot das Buch von Fischer. Und war begeistert. Nicht nur von dessen Detektivarbeit, sondern auch vom Reflexions- und Schreibstil des Autors. Fischer galt als wichtiger Vertreter des sogenannten Popjournalismus, in dem die Subjektivität des Reporters in die Texte einfließt und ihnen einen vorher nicht gekannten „Sound“ verleiht. Aushängeschild dieses Stils war die 1996 eingestellte Zeitschrift „Tempo“, für die Fischer zahlreiche Texte schrieb. 2011, eine Woche vor Erscheinen seines Buches über João Gilberto, nahm sich der Journalist das Leben.

Wo bist Du, João Gilberto?Bei der Lektüre entdeckt Georges Gachot eine Seelenverwandtschaft mit Marc Fischer. Er besucht im Film viele Menschen, mit denen auch der Journalist gesprochen hat, etwa Marcos Valle, den man zur zweiten Welle der Bossa Nova zählt. Die Episode, in der Valle von einem langen, spontanen Telefonat mit seinem Vorbild und zugleich, wie sich herausstellt, seinem Bewunderer João Gilberto erzählt, gehört zu den berührendsten des Films. Nicht zuletzt deshalb, weil sie auch den Besuchs Fischers bei Valle wieder lebendig werden lässt.

Es ist diese selbstreflexive, vielschichtige Struktur, die den „Sound“ von Gachots Dokumentation ausmacht. Denn der Zuschauer tut gut daran, keine konventionell-geradlinige Struktur zu erwarten. Sondern einen essay-artigen Film mit vielen vorgelesenen Abschnitten aus Fischers Buch. Dazu ein visuelles und dramaturgisches Dahingleiten mit selbstironischen Betrachtungen und philosophisch angehauchten Gedanken über den Begriff Sehnsucht. Also einen Film, der so ist wie die Bossa Nova: melancholisch, verträumt, und dennoch lebensweise.

Wo bist Du, João Gilberto?Mit der Sehnsucht, sagen Fischer und Gachot, verhalte es sich so: Man sucht etwas und entdeckt dabei etwas anderes, was mindestens genauso schön ist. Eine Bemerkung, die man wunderbar auf die Begegnung des Filmemachers mit Gilbertos Ex-Frau Miúcha und seinem langjährigen Freund João Donat anwenden kann. Vor allem, wenn die beiden ein voll ausgespieltes Duett anstimmen.

Zudem hat die Sehnsucht etwas an sich, das einen auf sich selbst zurückwirft. Weil sie im Grunde ihres Wesens unstillbar ist, führt sie zur Beschäftigung des Schmachtenden mit sich selbst. Auch davon erzählt der Film. Im Gegensatz zum Laissez-Fair-Stil der brasilianischen Lebensart rennen der Deutsche Fischer und der Schweizer Gachot wie Besessene hinter ihrem selbst gesetzten, aber fragwürdigen Ziel her. Ihre Obsession mag ihnen unangenehm aufstoßen, aber ändern können sie sie nicht. Werden sie es schaffen, João Gilberto zu treffen? Das soll natürlich nicht verraten werden. Ist am Ende aber auch nicht mehr so wichtig.

„Wo bist du, João Gilberto?“ ist ein Dokumentarfilm, der an vielen Stellen ins Essayistische hinüberspielt. Wer Bossa Nova mag, wird auch den Film genießen, denn er nimmt die Stimmung und die Lässigkeit der Musik kongenial in sich auf. Wer jedoch eine klarere Struktur, ein weniger gemächliches Tempo und eine sachlichere Haltung bevorzugt, dürfte enttäuscht werden. Und übersehen, dass man auf Umwegen oft etwas viel Wertvolleres findet als das, wonach man gesucht hat.

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Wo bist Du, João Gilberto?

Länge: 107 min

Kategorie: Documentary

Start: 22.11.2018

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Wo bist Du, João Gilberto?

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 107 min
Kategorie: Documentary
Start: 22.11.2018

Bewertung Film: (7/10)

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