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Werk ohne Autor

Geschrieben von Peter Gutting am 4. September 2018

Werk ohne Autor

In der ehemaligen DDR hat er nie gelebt. Allein durch Recherche und Gespräche mit Zeitzeugen erarbeitete sich Florian Henckel von Donnersmarck sein Spielfilmdebüt „Das Leben der Anderen“. Dafür erhielt er neben vielen anderen Auszeichnungen 2007 den Auslands-Oscar. Mit seiner dritten Arbeit fürs Kino kehrt der Regisseur und Drehbuchautor zur Epoche des realen Sozialismus zurück, holt aber noch weiter aus. Nazi-Zeit und die junge Bundesrepublik runden den Bogen zu einem Jahrhundert-Epos. Dennoch: Die stärksten Momente entfaltet Donnersmarcks Drei-Stunden-Film nicht im Historischen. Sondern in einem privaten Drama, das sich auf das Leben des Malers Gerhard Richter bezieht.

Werk ohne AutorZu den schönsten Szenen von „Werk ohne Autor“ gehört ein Hupkonzert der besonderen Art. Gleich zweimal kommt es vor, am Anfang und am Ende. Das erste Mal steht eine junge Frau, das zweite Mal ein Mann auf dem Hof eines Busdepots. Die Fahrer sitzen in ihren Wagen, vielleicht haben sie gerade Feierabend oder wollen bald starten. Jedenfalls sind sie freundlich, lassen sich gern animieren, synchron auf ihre Hupen zu drücken. Wie ekstatisch reagieren die Frau und der Mann auf den Lärm, sanft heben sie die Arme, die Kamera beginnt zu kreisen, etwas Außergewöhnliches, irgendwie erotisch Aufgeladenes geschieht. Es versetzt die jungen Leute in ein nie gekanntes Verzücken, in einen Zustand zwischen Erleuchtung und Wahnsinn. Ja, könnte man denken: So ticken sie eben, die Menschen mit außergewöhnlicher Begabung. Geniekult wäre die eine Art, künstlerisches Schaffen zu erklären. Beziehungsweise nicht zu erklären, sondern den Moment schöpferischer Eingebung zu einem Mysterium zu erheben. Die andere Art ist die, die „Werk ohne Autor“ ebenfalls anklingen lässt: den Wurzeln wahrhaftigen Schaffens im Biografischen nachzuspüren.

Werk ohne AutorDoch von vorn. Schon im Kindesalter träumt Kurt Barnert (Tom Schilling, als Sechsjähriger verkörpert von Cai Cohrs) davon, Maler zu werden. Darin unterstützt ihn vor allem Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl), die Frau vom Busdepot, die die Nazis später für verrückt erklären und umbringen werden. Kurt hingegen lebt nach dem Systemwechsel von den Braunen zu den Roten seinen Traum. Sein Talent ist unübersehbar, und auch sein Charme, der ihn zu Ellie (Paula Beer) führt, und zu ihrem erfolgreichen, aber gnadenlosen Vater, dem Professor Carl Seeband (Sebastian Koch). Der Frauenarzt legt höchsten Wert darauf, auch in der DDR noch mit seinem Titel angesprochen zu werden. Ihm ist es ein Gräuel, seine Tochter an einen armen Künstler zu verlieren. Deshalb tut er alles, um den ungeliebten Schwiegersohn wieder loszuwerden. Keiner der beiden Widersacher weiß jedoch, was der Zuschauer im ersten Filmdrittel erfährt: Dass ein grausames Geheimnis die Schicksale der beiden Familien verknüpft.

Werk ohne AutorSoll man versuchen, Kunst in Worte zu fassen? Oder sie lieber für sich sprechen lassen, weil sie sich nicht in Diskurse übersetzen lässt? Beide Positionen werden höchst anschaulich zum Leben erweckt in zwei Dokumentarfilmen. „Gerhard Richter Painting“ (2011) von Corinna Belz zeigt einen Künstler, der sich zwar über die Schulter schauen lässt, aber höchst wortkarg bleibt, wenn es darum geht, das Wesen seiner Arbeit zu umschreiben. In „Beuys“ (2017) von Andres Veiel hingegen philosophiert der Mann mit dem Hut nahezu unablässig über Funktion und Aufgabe der Kunst. Zwar hat Donnersmarck seinen Helden nicht Richter, sondern Barnert genannt, und dessen Lehrer in Düsseldorf nicht Beuys, sondern Antonius van Verten (Oliver Masucci). Aber der reale Hintergrund der beiden Kunstfiguren ist offensichtlich. Donnersmarck stellt sich zwischen die beiden. Einerseits erklärt er Richters Kunst aus einem biografischen Hintergrund, aus Beuys‘ Forderung an den Künstler, von einer tiefen inneren Wahrheit zu erzählen. Anderseits war das Familiengeheimnis, das sich in Richters westlichem Frühwerk findet, dem Künstler gar nicht bewusst. Er erfuhr davon erst durch Recherchen und Zeitungsartikel im Jahr 2004.

Richters Flucht aus der DDR war eine Zäsur. Und auch „Werk ohne Autor“ zerfällt in die Zeit vor und nach dem Jahr 1961, kurz vor dem Mauerbau. Leider kommt der Film – wie Richters Kunst – erst im zweiten Teil zu sich selbst. Den Nazi- und DDR-Alltag hat man tausendmal gesehen, trotz erkennbarer Bemühungen fällt auch Donnersmarck und seinem Kameramann Caleb Deschanel dazu nichts wirklich Neues ein. Das Künstlerdrama des zweiten Teils dagegen ist spannend, anrührend und lebendig erzählt. Wie schon im „Leben der Anderen“ trägt dazu besonders die Schauspielkunst bei. Tom Schilling lässt hinter der lässigen Fassade das Ringen des Kreativen mit sich selbst spüren, Sebastian Koch verleiht dem bösen Schwiegervater die abgründige Getriebenheit eines Karrieristen um jeden Preis. Und Paula Beer macht da weiter, wo sie in „Frantz“ (2016) von Francois Ozon aufgehört hat: eine vordergründig brave Tochter, die sich ganz unspektakulär genau die Freiheiten nimmt, auf die es ankommt.

„Werk ohne Autor“ ist ein Drei-Stunden-Film, dem eine Kürzung gut getan hätte. Statt zweier Gesellschaftspanoramen liefert der erste Teil nur abgegriffene Bilder aus der Nazi- und DDR-Vergangenheit. Deutlich mehr Tiefe bietet hingegen das Künstlerdrama in der jungen Bundesrepublik. Unverkennbar spielt der Film auf Joseph Beuys und Gerhard Richter an, auf zwei Heroen der Moderne, die das kreative Schaffen zwischen unbewussten Antrieben und fotorealistischer Wahrheit ausleuchten.

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Werk ohne Autor

Länge: 188 min

Kategorie: Drama, Thriller

Start: 03.10.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 188 min
Kategorie: Drama, Thriller
Start: 03.10.2018

Bewertung Film: (7/10)

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