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The Man who killed Don Quixote

Geschrieben von Peter Gutting am 13. September 2018

The Man who killed Don Quixote

Es kommt selten vor, dass ein Film seine eigene Entstehungsgeschichte im Vorspann zitiert. Doch bei Terry Gilliams selbst gestellter Herkulesaufgabe ist der Verweis auf die Dauer des Projekts mehr als bloße Eitelkeit. 25 Jahre hat der Mitbegründer der legendären Komikergruppe „Monty Python“ an der Verfilmung des Don Quixote-Stoffs gearbeitet. Im Jahr 2000 musste der erste Drehversuch abgebrochen werden. Es gab jahrelangen Rechtsstreit, doch der Regisseur trotzte wie sein Titelheld allen Widrigkeiten und Widerständen. Letztlich erzählt der Film auch davon: Wie die Fiktion über die Wirklichkeit siegt.

The Man who killed Don QuixoteEin altes Buch erscheint auf der Leinwand, die Off-Stimme liest daraus vor. Sogleich nimmt die Kamera den „Ritter von der traurigen Gestalt“ ins Visier, der gerade sein weltberühmtes, längst sprichwörtliches Abenteuer beginnt: den Kampf gegen Windmühlen, die er für Riesen hält. So könnte ein detailgetreuer Historienschinken beginnen, der sich vornimmt, die wichtigsten Szenen aus einem der bedeutendsten Werke der Weltliteratur zu verfilmen, dem „Don Quixote von der Mancha“ von Miguel de Cervantes, zwei Bände aus den Jahren 1605 und 1615, zusammen knapp 1500 Seiten stark.

Doch als der Ritter gerade jämmerlich an einem der Windmühlenflügel hängt, ruft jemand „Cut“. Alles nur ein Film im Film. Der eigentliche Held heißt nicht Quixote (Jonathan Pryce), sondern Toby (Adam Driver). Toby ist keineswegs zufällig vom engagierten Kunstfilmer zum zynischen Werbe-Regisseur mutiert. Und seine Auftraggeber kommen ebenso wenig zufällig aus der Versicherungsbranche. Mit der hat Gilliam ein Hühnchen zu rupfen, genauso wie mit der Filmindustrie, also mit Leuten wie Toby und dessen Chef (Stellan Skarsgard), der charaktermaskengemäß nur „Der Boss“ genannt wird.

The Man who killed Don QuixoteAllerdings ist die bittere Satire auf aalglatte Geldvermehrer nur einer von vielen Handlungsfäden in „The Man who killed Don Quixote“. Ein anderer besteht in der Verbeugung vor einem großen literarischen Werk, das sich bis heute als offen für neue Interpretationen erweist. Zur Literaturverfilmung führt ein recht gewagter dramaturgischer Kniff. Toby hat nämlich in seinem Abschlussfilm mit Laien aus einem Dorf ganz in der Nähe des aktuellen Werbe-Drehs gearbeitet. Einer der Laien hat seitdem nicht mehr aus seiner Rolle herausgefunden. Er spielte – welche Überraschung – damals den Don Quixote. Als Toby ihn wieder trifft, hält er den Regisseur für den abhanden geglaubten Sancho Panza: Auf geht’s zu neuen Abenteuern, die denen des berühmten Romans natürlich gleichen.

Das ständige Hin und Her zwischen Wahn und Wirklichkeit zeugt von den Ambitionen des Regisseurs, die in den Jahren des Wartens und Drehbuch-Umschreibens beträchtlich gewachsen sind. Sämtliche Motive werden gedoppelt. Aus dem eh‘ schon zwischen Traum und Realität changierenden historischen Stoff geht es hinüber in eine Moderne, die in Gestalt von Toby selber den Boden unter den Füßen verliert. Das hat den Vorteil, dass sich zahllose zeitgemäße Anspielungen in den Stoff hineinschmuggeln lassen, vom Islamismus über die Russenmafia bis zur Frauendiskriminierung. Es hat aber den Nachteil, dass das erzählerische Gerüst jederzeit zusammenzubrechen droht und nur mit brachialer Gewalt zusammenzuhalten ist. Wo andere bildstarke Regisseure wie Federico Fellini oder Emir Kusturica auf reine Traumlogik setzen und sich von der Kraft des Visuellen treiben lassen, erscheint Gilliam wie ein Zuchtmeister, der die überbordende Fantasie zu einer fragilen Ordnung ruft.

The Man who killed Don QuixoteZu den Pluspunkten von Terry Gilliams („Brazil“) erstaunlich ernsthaftem Alterswerk zählen zweifellos seine Vieldeutigkeit, seine Abrechnung mit dem Kommerz und sein Lob der Fantasie. Negativ hingegen schlägt die mühsam zusammengezimmerte Wandlung seines Helden vom Saulus des Karrierismus zum moralisch gefestigten Paulus zu Buche. Nur die Verlockung einer romantisierend ins Bild gesetzten Jugendliebe vermag zu erklären, weshalb ein Mann, der ständig die Namen seiner Gespielinnen verwechselt, plötzlich Verantwortung für seine Mitmenschen übernimmt.

„The Man who killed Don Quichote ist ein Film, dem man seine überlange Entstehungsgeschichte anmerkt – im Guten wie im Schlechten. Vieles wirkt überambitioniert, besonders das dramaturgische Konstrukt, in das Regisseur Terry Gilliam eine Unzahl von Motiven zu zwingen versucht. Visuell allerdings ist das Alterswerk des 77-Jährigen ein Genuss. Und den Kern der ewigen Frage, wie wirklich denn eigentlich die Wirklichkeit sei, trifft es allemal.

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Wir vergeben daher 6,5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Concorde

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The Man who killed Don Quixote

Länge: 132 min

Kategorie: Adventure, Comedy, Drama

Start: 27.09.2018

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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The Man who killed Don Quixote

The Man who killed Don Quixote

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 132 min
Kategorie: Adventure, Comedy, Drama
Start: 27.09.2018

Bewertung Film: (6,5/10)

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