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Styx

Geschrieben von Frank Schmidke am 11. September 2018

Bei der Berlinale 2018 feierte das intensive Drama „Styx“ seine umjubelte Premiere. Nun kommt Wolfgang Fischers Film regulär in die Kinos. Eine großartige Hauptdarstellerin Susanne Wolf geht darin als Alleinseglerin auf einen Abenteuertrip, der eine sehr unerwartete und problematische Wendung nimmt. „Styx“ ist intensives Kino und hat gute Chancen eine politische Debatte zu bereichern, die längst festgefahren ist.

Akribisch hat sich Rike (Susanne Wolff) auf diesen Segeltörn vorbereitet. Nicht nur die Proviantaufnahme in Gibraltar ist unsichtig und gut geplant. Wer als Einhandsegler, also allein auf einer Segeljacht, bis zu einem Eiland unterwegs ist, dass beinahe auf deranderen Seite der Welt liegt, der darf im Vorfeld wenig dem Zufall überlassen. Die Jacht ist technisch sehr gut ausgerüstet, und die kontrollierte und umsichtige Rettungs-Ärztin so schnell lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Zunächst läuft der Törn auch wie erwartet und stellt die dynamische Frau kaum vor Herausforderungen. Auch der Sturm, der über die Jacht hereinbricht, stellt keine außergewöhnliche Situation dar. Mit solchen Wetterkapriolen war schließlich zu rechnen. Damit, anschließend auf ein havariertes Flüchtlingsschiff zu treffen, allerdings nicht unbedingt.

Vor der Küste Afrikas ist ein kleiner Kutter Leck geschlagen. Das völlig überfüllte Boot ist nicht mehr seetüchtig, Rettungsboote sind sowieso Fehlanzeige und Land ist weit und breit nicht in Sicht. Rieke macht, was das Seenot-Protokoll in solch einem Fall vorschreibt und setzt einen Funkspruch ab. Eine Reaktion bleibt allerdings aus.

Erst nach einiger Zeit antwortet ein Containerschiff, dessen Route in relativer Nähe verläuft. Der Kapitän rät Rike, auf Hilfe zu warten und sich dem Flüchtlingsboot auf keinen Fall zu nähern. Außerdem habe der Frachter die Küstenwache kontaktiert. Doch nichts geschieht und als Rike ihre Jacht dann doch näher an das defekte Schiff steuert, springt ein jugendlicher Flüchtling (Gidion Oduor Wekesa) ins Wasser. Rike nimmt den Ertrinkenden, der kaum schwimmen kann, an Bord.

Mit erstaunlicher Stringenz inszeniert Regisseur Wolfgang Fischer („Was du nicht siehst“) sein fesselndes Drama formal als Dreiakter, bei dem die Natur eine wesentliche Rolle spielt. Schließlich sind das Meer und das Wetter die einzigen Gegenspieler, die sich der deutschen Ärztin tatsächlich stellen. Im ersten Drittel des Films geht es vor allem darum, die Protagonistin als starke Frau zu zeigen, die die Situationen ihres Lebens unter Kontrolle hat. Ihr Handeln als Notfallärztin ist ebenso handwerklich exakt wie ihr Segeln.

Im zweiten Akt gerät diese vermeintliche Kontrolle ins Wanken, schlicht, weil sich die Rahmenbedingungen dergestalt verändern, dass die Handlungsoptionen sich drastisch verringern. Es ist offensichtlich, dass Rike nicht alle Flüchtlinge mit ihrem Segler retten kann. Dem havarierten Kahn und seinen Passagieren läuft die Zeit davon. Die Ärztin versucht an möglicher Hilfe, was ihr einfällt, doch der Erfolg bleibt aus.

Im finalen Drittel des Dramas, quasi wenn alle Hoffnung fahren gelassen wurde, verkehrt sich die Lage und die scheinbar starren Rollen verschwimmen. Der gerettete Jugendliche fordert von Rike Hilfe für seine Mitflüchtlinge, beginnt, selbst etwas zu unternehmen. Die Ärztin muss nun verarbeiten, dass die Situation der Seenot sich nicht auflösen lässt.

Allein die schlichte, aber wirkungsvoll inszenierte Handlung ist emotional fordernd mitanzusehen. Nicht umsonst wirkt „Styx“ wie ein Kammerspiel auf hoher See. Gedreht wurde tatsächlich auf dem Meer, auf dem Schiff. Und gerade dieses unmittelbare Ausgesetzt Sein gegenüber den Elementen, legt einen praktischen, pragmatischen Lebensansatz nahe. Susanne Wolf agiert in den langen Takes, die Kameramann Benedict Neufels immer wieder dreht, mit schauspielerisch beeindruckender Klarheit, starker physischer Präsenz und atemberaubender Intensität. Selbst als der Jugendliche an Bord ist, merkt man der Figur das Ringen um Kontrolle der Situation und den unbedingten Willen zur Hilfeleistung an. Doch nach und nach läuft die Situation aus dem Ruder. Kontrolle entpuppt sich als große Illusion.

Es ist einfach, die metaphorische Ebene des Dramas „Styx“ zu erkennen. Schon der aus der griechischen Mythologie entlehnte Titel des Films weist auf jenen Fluss hin, der das Reich des Lebens von jenem des Todes abgrenzt. Dass die beiden Charaktere Rike und Flüchtling Kingsley stellvertretend für ihre jeweilige soziale Gruppe stehen, ist auch einleuchtend zu sehen. Schließlich repräsentiert Rike in dem Drama das handlungsunfähige Europa, das sich mit den afrikanischen Flüchtlingen schwer tut, um es einmal höflich auszudrücken. Kingsley seinerseits fordert sein Recht auf ein Leben ein, indem er sich todesmutig auf Rikes Segler zubewegt.

Wolfgang Fischer, der das Drehbuch zusammen mit Ika Künzel schrieb, ist als Filmemacher klug genug, die unterschiedlichen Ebenen und Aspekte des Films nebeneinander stehen zu lassen, ohne einfache Antworten oder Auflösungen zu suchen. Es geht dem Hochsee-Drama, das durchaus auch Züge eines Überlebensdramas hat wie etwa „All Is Lost“, nicht genuin um das Überleben an sich, sondern um das moralische Dilemma – das eigentlich keines ist sonden eine humanitäre Katastrophe. Ein Desaster, das sich aus der Ignoranz eines gesellschaftlichen Systems ergibt. Die Handlungsfähigkeit des Einzelnen wird ad absurdum geführt. Dabei wäre eben das so wichtig – Handeln, Agieren, Reagieren, Menschlich sein.

Das intensive Hochseedrama „Styx“ ist einer der sehenswertesten deutschen Filme des Jahres. Angesichts der abenteuerlichen spannenden Exposition und der großartigen Darstellerleistung sollte es „Styx“ gelingen, nicht im Haifischbecken der kommenden Herbstblockbuster unterzugehen. Starkes Kino.

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Länge: 93 Minuten

Kategorie: Drama,

Start: 13.09.2018

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Styx

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Länge: 93 Minuten
Kategorie: Drama,
Start: 13.09.2018

Bewertung Film: (9/10)

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