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Shoplifters – Familienbande

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 29. September 2018

Shoplifters - Familienbande

In den letzten 25 Jahren war der japanische Regisseur Hirokazu Koreeda mit insgesamt sieben Beiträgen bei den Filmfestspielen von Cannes vertreten, doch erst mit „Shoplifters“ gelang ihm der große Wurf. Mit der goldenen Palme erhielt er den Preis des wohl bedeutendsten Festivals der Welt, was ihm ebenso in seinem Heimatland gedankt wurde. Dort mauserte sich „Shoplifters“ nämlich zum echten Publikumsliebling, was mit glänzenden Einspielergebnissen belohnt wurde.

Shoplifters - FamilienbandeDer Bauarbeiter Osamu (Lily Franky) und der etwa zehnjährige Shota (Jyo Kairi) sind im Supermarkt ein echtes Team, denn beide kennen sich in den langen Regalen nicht nur bestens aus, die sind auch Meister darin, andere Menschen abzulenken und Lebensmittel kurzerhand zu stehlen. Auf ihrem Heimweg stoßen beide des Abends auf die kleine Yuri (Miyu Sasaki), die mitten in der Kälte auf dem Balkon spielt und am ganzen Leibe zittert. Kurzerhand beschließen beide Yuri mit nach Haus zu nehmen, woraufhin sie nach einer warmen Mahlzeit und einem Bad am nächsten Tag wieder nach Haus geschickt werden soll.

Während Großmutter Hatsue (Kirin Kiki) und die etwa 15-jährige Aki (Mayu Matsuoka) die Kleine sofort in ihr Herz geschlossen haben, ist Osamus Frau Nobuyo (Sakura Ando) noch kritisch. Plötzlich mehren sich aber auch bei ihr erste Zweifel, als sie am Rücken des Kindes schwerste Misshandlungen ausmacht und bei Yuri daheim nur zwei streitende Eltern vorzufinden sind. Kurzerhand bleibt Yuri fortan bei ihrer neuen Familie, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben echte Liebe erfährt, bis plötzlich die Polizei sie sucht.

Shoplifters - FamilienbandeDer japanische Regisseur und Drehbuchautor Hirokazu Koreeda (Vater und Sohn) begann seine Karriere als Dokumentarfilmer, was ihm auch bei seinen späteren Werken überaus nützlich war. Mit viel Liebe zum Detail widmet er sich stets seinen Figuren, betrachtet soziale Aspekte, lotet diese aus und zieht Rückschlüsse auf die japanische Gesellschaft, was ihm in diesem Jahr die wohl höchste Auszeichnung aller Filmfestivals einbringen sollte.

Hirokazu Koreeda widmet sich erneut den Außenseitern der Gesellschaft, doch anstatt nun einfach nur einen Armutsporno drehen zu wollen, interessiert sich Koreeda für die Aspekte hinter diesen Menschen. Die hier dargestellte Familie ist nämlich keine Familie im eigentlichen Sinne, es ist vielmehr eine Zweckgemeinschaft, die unter dem Dach von Großmutter Hatsue lebt und sich in allen nur erdenklichen Lebenslagen unterstützt. Die Großmutter steuert das kleine Haus und ihre Rente bei, Nobuyo arbeitet in einer Wäscherei, Osamu auf dem Bau. Aki kümmert sich als „Schulmädchen“ um die Wünsche und Sehnsüchte älterer Kunden, während Shota und Yuri bei kleineren Ladendiebstählen aushelfen.

Shoplifters - FamilienbandeSie helfen einander, sind für einander da und so ist auch die moralische Grenze nicht weiter wichtig. Die stehlen, begehen ein Unrecht, doch sie müssen irgendwie überleben. Wenn Shota vor einem jeden Diebstahl seine Finger kreisen lässt, kurz nach rechts und links blickt, drückt man ihm als Zuschauer unweigerlich beide Daumen, das dies auch diesmal glücklich verlaufen wird. In einer prägenden Szene werden beide von einem älteren Kiosk Besitzer beim Diebstahl erwischt, doch anstatt die Polizei zu rufen, schenkt dieser ihnen Süßigkeiten und ermahnt Shota, dass er doch bitte nicht seine kleine Schwester dazu anstiften solle.

Ein bekanntes Sprichwort besagt, dass Blut dicker als Wasser ist, doch diese Familie wird nicht über ihre Blutsverwandtschaft definiert. Es ist eine Zweckgemeinschaft, Menschen die für einander da sind, gleichwohl im Ansatz so etwas wie eine kleine Familie, wünscht sich Osamu doch nichts sehnlicher, als das Shota ihn einfach nur einmal Vater nennen würde. Im letzten Drittel des Films werden die einzelnen Familienverhältnisse noch einmal näher betrachtet, wenn ein schweres Unheil über die Gemeinschaft herein bricht und plötzlich Entscheidungen getroffen werden müssen. Zu diesem Zeitpunkt ist es allerdings bereits um den Zuschauer geschehen, sodass negative Aspekte kaum ins Gewicht fallen, man allen nur die Daumen drückt und hofft, dass es Yuri auch weiterhin gut gehen wird.

Die kleine Miyu Sasaki fällt dabei ungemein ins Gewicht, denn wenn sie mit ihren traurigen und beinahe schon verweinten Augen ihre Umgebung anblickt, ist es um den Zuschauer geschehen. Sasaki hat kaum Text, drückt sehr viel über ihre Mimik aus, was jedoch ungemein ins Herz geht und den Zuschauer zutiefst berührt. Großes Kino, welches von Jury-Oberhaupt Cate Blanchett nicht zu Unrecht als bester Beitrag des Festivals ausgezeichnet wurde.

Mit „Shoplifters“ widmet sich Hirokazu Koreeda erneut den Außenseitern der japanischen Gesellschaft, wenn er diesmal das Portrait einer etwas anderen Familie zeichnet. Zutiefst berührend und ein Apell dafür, sich um andere Menschen zu kümmern, auch wenn diese nicht blutsverwandt sind.

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Wir vergeben daher 9 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Wild Bunch

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Shoplifters - Familienbande

Länge: 121 min

Kategorie: Crime , Drama

Start: 27.12.2018

cinetastic.de Filmwertung: (9/10)

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Shoplifters - Familienbande

Shoplifters – Familienbande

Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 121 min
Kategorie: Crime , Drama
Start: 27.12.2018

Bewertung Film: (9/10)

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