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Tokat – Das Leben schlägt zurück

Geschrieben von Peter Gutting am 3. August 2018

Die 1990er Jahre waren für Jugendliche aus türkischen Einwandererfamilien kein einfaches Jahrzehnt. Asylbewerberheime brannten, Rechtsextreme radikalisierten sich, die Rede von Parallelgesellschaften wurde salonfähig. Manche der Migrantenkinder reagierten gewalttätig auf das Nichtankommen in der deutschen Gesellschaft. Sie bildeten Jugendbanden, handelten mit Drogen und versetzten Passanten in deutschen Großstädten in Angst und Schrecken. In den Nuller Jahren verschwand das Phänomen wieder. Doch was ist aus den Rebellen von einst geworden? Andrea Stevens und Cornelia Schendel gehen in ihrem Dokumentarfilmdebüt der Frage anhand von drei Einzelschicksalen nach. Mit dem Blick zurück werfen sie hochaktuelle Themen auf.

Es ist nicht so ganz einfach, sich in den einstigen Lebensstil von Kerem, Hakan und Dönmez hineinzuversetzen. „Wenn wir abends mit 10 000 D-Mark losgezogen sind, hatten wir am nächsten Morgen keinen Pfennig mehr.“ Das Geld ging für Drogen, teure Hotels und maßlose Verschwendung drauf. Dann schlief man im Park oder auf der Straße, weil sich aus Angst vor den Vätern keiner nach Hause traute. Die Furcht vor der Polizei war immer präsent, aber lieber wären die drei zum Teil minderjährigen Drogenhändler in den Knast gegangen, als sich mit dem Streifenwagen zu Hause abliefern zu lassen. Fotos zeigen die Mitglieder der „Turkish Power Boys“ als gut aussehende, in den Tag hineinlebende Streuner. Mit ihren langen Locken und fröhlichen Mienen wirken sie nicht unbedingt gefährlich. Aber das Strafregister spricht für sich: Raubüberfälle, Drogenhandel Schlägereien bis hin zum Totschlag.

Warum das alles nochmal aufgreifen? Der Filmtitel lässt zunächst nichts Gutes, nämlich eine moralinsaure Botschaft, erwarten. „Tokat“ heißt Ohrfeige. Und die Formulierung „Tokat – Das Leben schlägt zurück“ lässt anklingen, dass die wilde Zeit von damals einen hohen Preis verlangte. Wollte man den Film auf seine Botschaft verkürzen, dann käme genau das heraus: die Einsicht, dass falsche Entscheidungen in der Jugend manchmal nicht folgenlos bleiben, sondern das ganze Leben prägen. Aber die Botschaft, die dem Zuschauer im Übrigen nie direkt aufs Auge gedrückt wird, ist nicht das Entscheidende des Films. Seine Stärken sind die persönliche Nähe, das große Vertrauen und die nicht zu verallgemeinernden Besonderheiten jedes einzelnen Lebenswegs.

Sehen wir also genauer hin. Kerem, einst eine Berühmtheit in der Bandenszene, lebt heute als Frührentner in Frankfurt am Main. Die Drogen haben ein körperliches Wrack aus ihm gemacht. Zudem hinterließen die insgesamt elf Jahre Knast ihre Spuren. Aber der Anfang 40-jährige stilisiert sich keineswegs zum Opfer. Er redet aufrichtig über eigene Fehler und Irrwege. Ohne Mission, aber mit einem nicht zu übersehenden Anliegen: Junge Menschen, die die damaligen Banden noch immer glorifizieren, sollen sehen, wie er heute über die Zeit von damals denkt. Und über das Schicksal von Hakan, den er wegen seiner vergleichsweise geringen Gewaltbereitschaft einen „Engel“ nennt.

Hakan kam erst mit 16 nach Deutschland, als unbegleiteter Jugendlicher, den die Familie ins vermeintlich „gelobte Land“ schickte. Weil er kein Deutsch konnte und in der Schule nicht zurechtkam, wurde die Jugendbande schnell zu seiner Ersatzfamilie. Doch ohne unbefristete Aufenthaltsgenehmigung konnte er wieder in die Türkei abgeschoben werden. Dort verweigerte er den Militärdienst, deshalb wurde sein Pass eingezogen. Als Staatenloser lebt Hakan verarmt im Haus seines Vaters. Er versuchte, illegal wieder nach Deutschland einzureisen, scheiterte aber.

Den zufriedensten Eindruck macht Dönmez. Er sah die Abschiebung als Chance, ein neues Leben anzufangen, obwohl er in Frankfurt geboren und aufgewachsen ist und zuvor noch nie einen Fuß in die Türkei gesetzt hatte. Heute arbeitet er in Idgir, der osttürkischen Heimat seiner Eltern. Ein regelmäßiger, auskömmlicher Job. Auch Dönmez versuchte lange Zeit, nach Deutschland zurückzukehren. Inzwischen aber sieht er für seinen Sohn und seine türkische Ehefrau in deren Heimat bessere Perspektiven.

Dramaturgischer Höhepunkt des Films ist Kerems Reise in die Türkei, wo er seine Freunde von früher wiedersieht. Ansonsten folgt die solide gemachte Dokumentation einem naheliegenden Mix aus Alltagsszenen, Archivmaterial und Interviews. Das ist nichts, was unbedingt nach der großen Leinwand eines Kinosaals verlangt. Aber auch das Fernsehen wäre für den zum Teil über Crowdfunding finanzierten Film nicht der ideale Ort. Am besten aufgehoben ist er in Jugendzentren, Schulen und Einrichtungen der Sozialarbeit. Dort kann er seine Stärken am besten ausspielen: die klare Sprache, die Andockmöglichkeiten für Jugendliche und die ohne Zeigefinger vermittelte Botschaft.

„Tokat – Das Leben schlägt zurück“ ist ein handwerklich gut gemachter Dokumentarfilm, dessen besondere Stärke in der Nähe zu seinen drei Protagonisten liegt. Zu befürchten ist jedoch, dass er seine eigentliche Zielgruppe nicht in den ausgewählten Arthouse-Kinos erreicht, in denen er laufen wird. Wegen seiner unpädagogischen Machart gehört er –paradoxerweise – unbedingt in Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe.

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Tokat - Das Leben schlägt zurück

Länge: 76 min

Kategorie: Documentary, Biography

Start: 13.09.2018

cinetastic.de Filmwertung: (6,5/10)

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Tokat - Das Leben schlägt zurück

Tokat – Das Leben schlägt zurück

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 76 min
Kategorie: Documentary, Biography
Start: 13.09.2018

Bewertung Film: (6,5/10)

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