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Nach dem Urteil

Geschrieben von Ronny Dombrowski am 19. August 2018

Nach dem Urteil

Wenn eine Familie zerbricht ist es für alle Beteiligten nicht leicht. Die einen finden sehr schnell zurück in die Normalität, ganz andere verzweifeln an dieser gänzlich neuen Situation, weil sie nicht wissen wie man damit umzugehen hat. In dem Debütfilm von Xavier Legrand geht es um die Frage wie es nach einer Scheidung weitergeht, was einerseits auf die einstigen Ehepartner bezogen ist, andererseits aber auch auf die Kinder, die plötzlich zwischen den Fronten stehen können.

Nach dem UrteilMiriam (Léa Drucker) und Antoine Besson (Denis Ménochet) haben sich auseinandergelebt und lassen sich scheiden, doch Miriam beansprucht das alleinige Sorgerecht für ihre beiden Kinder Julien (Thomas Gioria) und Josephine (Mathilde Auneveux). Während Josephine beinahe Volljährig ist und sich vor der Richterin gegen einen Besuch bei ihrem Vater ausspricht, ist dies beim elfjährigen Julien ganz anders. Der Junge berichtet von Gewalt seines Vaters seiner Schwester gegenüber, er spricht sich gegen zukünftige Besuche bei ihm aus, gleichwohl argumentiert die Anwältin seines Vaters so geschickt, sodass die Richterin ein Besuchsrecht an jedem zweiten Wochenende gewährt.

Die folgenden Wochen werden für alle zur echten Belastungsprobe, denn während Miriam nicht weiß wie ihr Ex-Mann reagiert, steigt Julien stets angsterfüllt in den Wagen seines Vaters ein. Dieser beginnt sofort damit ihn auszuhorchen, zu erfragen wo seine Mutter nun wohne, ob diese einen Freund hat, woraufhin Julien stets nichtwissend Ausflüchte sucht. Die Situation scheint von Woche zu Woche unerträglicher zu werden, bis sich eines Tages ein Fall von häuslicher Gewalt ergeben soll.

Nach dem UrteilNachdem sich Xavier Legrand bereits in seinem Oscar-nominierten Kurzfilm „Avant que de tout perdre“ der Scheidung widmete, setzt er in seinem Debütfilm „Nach dem Urteil“ dort nun an, wenn es um die Frage des Sorgerechts beider Kinder geht. Entgegen vergleichbarer Filme sind hier die Seiten jedoch nicht fest vorgezeichnet, denn Legrand beginnt in einem kleinen Richterzimmer, in dem fast schon dokumentarisch dargelegt wird, wie ein Sorgerechtsstreit vor Gericht behandelt wird. Der Zuschauer sieht einen Tisch, die Ehepartner sitzen mit ihren Anwälten davor, woraufhin jede Seite zu argumentieren versucht, warum grade er Recht haben soll.

In einer prägenden, fast schon komischen, Sequenz antwortet die Richterin, dass sie nicht wisse wer am meisten lügt, woraufhin das alleinige Sorgerecht der Mutter abgelehnt wird. Wer hat nun gelogen? Für den Zuschauer lässt sich diese Frage nicht so einfach beantworten, denn wo man durchaus die Sympathien bei der Mutter suchen würde, sind auch die Argumente des Vaters schlüssig, möchte dieser doch nur am weiteren Leben seiner Kinder teilhaben. Ganz so undurchsichtig ist dies dann aber doch nicht, denn Xavier Legrand wählt fortan die Besuche des Vaters als roten Faden, wodurch die Geschichte unnachgiebig nach vorn getragen wird.

Nach dem UrteilWohnt ihr wirklich noch bei den Eltern deiner Mutter? Hat sie einen Freund? Wieso steh ich nicht als Ansprechpartner in deinem Hausaufgabenheft drin? Was habt ihr letzte Woche getan? Die Fragen des Vaters erinnern an ein Verhör, der elfjährige Julien dagegen versucht den Fragen weitestgehend auszuweichen, was den Vater nur noch wütender macht. Als Zuschauer ist man unfähig etwas zu unternehmen, während Julien langsam die Tränen kommen, ist dieser doch unfähig mit der Situation umzugehen.

Wo fängt psychische Folter an, wo manische Eifersucht? Fragen wie diese werden nie offen gestellt, wohl aber in kurzen Momenten betrachtet, wenn es darum geht sich zu wehren. Miriam sucht sich für ihre Familie eine Wohnung von der Antoine nichts weiß, sie versucht ihn zu beruhigen, mit wohl dosierten Informationen nicht aufzuregen, doch die tickende Zeitbombe könnte jederzeit explodieren. Als Zuschauer weiß man nicht was in der Ehe vorgefallen sein könnte, doch kann man sich es denken, wenn man den Verlauf von Antoines Entwicklung verfolgt.

„Nach dem Urteil“ ist zweifelslos ein sehr intensiver Film, der kaum einen Zuschauer unberührt zurücklassen wird. Verantwortlich ist dafür zum einen das fein strukturierte Drehbuch mit seinen vielen Details einer gescheiterten Ehe, zum anderen aber auch die unglaubliche Darbietung von Thomas Gioria, was kaum in Worte zu fassen ist. Gioria hat kaum Textzeilen, doch wenn er im „Dialog“ mit seinem Vater steht, unfähig etwas zu erwidern, kann man so unglaublich viele Emotionen in seinem Gesicht ablesen, dass es kaum zusätzlicher Worte bedarf. Ganz großes Kino in so jungen Jahren.

Xavier Legrand präsentiert mit „Nach dem Urteil“ einen sehr intensiven Debütfilm über die Zeit nach der Scheidung und über häusliche Gewalt. Hochemotional, packend und unglaublich traurig, sodass wohl kaum ein Zuschauer unberührt das Kino verlassen wird. Sehr zu empfehlen.

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Copyright: Weltkino

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Nach dem Urteil

Länge: 93 min

Kategorie: Drama

Start: 23.08.2018

cinetastic.de Filmwertung: (8/10)

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Geschrieben von Ronny Dombrowski

Länge: 93 min
Kategorie: Drama
Start: 23.08.2018

Bewertung Film: (8/10)

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