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Das schönste Mädchen der Welt

Geschrieben von Peter Gutting am 8. August 2018

Das schönste Mädchen der Welt

Was hat „Fack ju Göte“ mit „Cyrano de Bergerac“ zu schaffen, dem vielfach verfilmten Briefroman aus dem späten 19. Jahrhundert? Knifflige Frage. Gefällt sich die zeitgeistige Pauker-Trilogie doch gerade in der Verhohnepipelung klassischen Bildungsguts. Trotzdem basierte die erste Idee zu Aron Lehmanns neuer Komödie genau auf diesem Spagat: Die Jugend da abholen, wo sie millionenfach ins Kino rennt. Und ihr dann eine der schönsten Liebesgeschichten der Weltliteratur erzählen. Das gelingt besser, als es in der Kurzformel klingen mag.

Das schönste Mädchen der WeltEin Biologiesaal. Ansteigende Sitzreihen, geformt wie bei einem Amphitheater. Drunten auf der „Bühne“, gleich neben dem Skelett, steht jedoch kein Lehrer. Hier schießen zwei Rapper ihre Verse ab, zielen voll unter die Gürtellinie. Eine Schlacht mit Worten: Am Ende entscheidet das johlende Publikum. Dessen Star ist der Junge mit der Goldmaske, ein Wortakrobat, der unerkannt bleiben will. Trotz des Ruhms, den die Jugendkultur für einen wie ihn bereithält.

Cyril (Aaron Hilmer) heißt der junge Mann. Sein Name und sein Reimgeschick lassen ganz bewusst an den Dichter Cyrano aus dem Briefroman von Edmond Rostand denken. Cyranos Geschichte geht so: Wegen seiner großen Nase traut er sich nicht, der schönen Roxane die Liebe zu gestehen. Stattdessen leiht er einem gut aussehenden, aber dummen Soldatenkollegen sein poetisches Talent. Ihm diktiert er wunderschöne Liebesbriefe an Roxane. Das Kalkül dabei: Roxane soll wenigstens nicht auf den finsteren Grafen Guiche reinfallen, der sie zu seiner Geliebten machen will.

Das schönste Mädchen der WeltGenau wie Cyrano geht es dem langnasigen Cyril. Als Roxy (Luna Wedler), die neue Mitschülerin, sich bei der Klassenfahrt nach Berlin neben ihn setzt, trifft ihn die Liebe wie ein Schlag. Ihr Witz, ihr Außenseitertum, ihre Liebe zu Büchern – alles passt, nur nicht Cyrils Nase. Roxy verguckt sich denn auch in den attraktiven Rick (Damian Hardung), sieht in Cyril nur den guten Kumpel. Schlimmer noch: Klassenstar Benno (Jonas Ems) hat eine Wette laufen, dass er Roxane noch in Berlin rumkriegen wird, Videobeweis inklusive.

Vermutlich ist nichts schlimmer, als sich bei Teenagern einzuschleimen, ihre Sprache zu imitieren und ihnen dann doch den verhassten Bildungskanon einzutrichtern. Aber darauf haben es weder Aron Lehmann noch Lars Kraume („Der Staat gegen Fritz Bauer“) abgesehen, der sich dieses Mal aufs Drehbuch beschränkt und die Regie einem Jüngeren überlässt. Komödienspezialist Lehmann gibt der Jugend, was das Vorrecht der Jugend ist: krasse Sprüche, klare Kante gegen jeden über 30 sowie ganz viel Rap und Hip-Hop. Zeitweise mutiert die flott geschnittene Teenie-Komödie gar zum Rapfilm mit Musicalanklängen. Etwa wenn Cyril und Roxy tanzend durch die Berliner Museen schweben.

Das schönste Mädchen der WeltAron Lehmann („Die letzte Sau“) ist bekannt für sein Faible fürs Improvisieren, für authentische Momente und die vibrierende Energie des Spontanen. Trotz seiner noch jungen 37 Jahre tut er einen Teufel, den heutigen Teenagern aufs Maul schauen zu wollen. Lieber lässt er sie selber sprechen, auch in Gestalt aktueller Youtuber und Influencer wie Jonas Ems und Julia Beautx (in der Rolle der modeverrückten „Titti“). Ob das reicht, um den heutigen Teenies wirklich auf Augenhöhe zu begegnen – das zu beurteilen steht älteren Semestern nicht zu. Nur die jungen Zuschauer selbst können es entscheiden.

Spannend ist vor allem, wie die Geschichte von der inneren Schönheit bei der „Generation Smartphone“ ankommen wird. Der Film nimmt die Idee der schönen Seele nämlich ganz ernst, verrät sie weder an Klamauk noch an banale Modernisierungsmätzchen. Cyril ist kein Dichter, sondern Rapper, das muss reichen. Mehr Kompromisse an die neue Zeit gibt es nicht. Umso staunenswerter, wie frisch und kitschfrei die Tragikomik eines genialen Romantikers rüberkommt, der sich von der wundersamen Kraft seiner Poesie erst noch überzeugen muss. Vor allem von ihrer Überlegenheit über äußere Attraktion.

„Das schönste Mädchen der Welt“ ist eine Teenie-Komödie mit hoher Gagdichte, die in erster Linie auf Unterhaltung setzt. Um sich an ihr zu erfreuen, braucht man die Geschichte von Cyrano de Bergerac nicht zu kennen. Trotzdem verrät Regisseur Aron Lehmann die Kraft seiner literarischen Vorlage nicht an billige Mätzchen. Cyrano meets „Fack ju Göte?“ Ja, das funktioniert, vor allem für ein junges Publikum.

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Das schönste Mädchen der Welt

Länge: 102 min

Kategorie: Comedy, Music, Romance

Start: 06.09.2018

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Das schönste Mädchen der Welt

Das schönste Mädchen der Welt

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 102 min
Kategorie: Comedy, Music, Romance
Start: 06.09.2018

Bewertung Film: (7/10)

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