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Wackersdorf

Geschrieben von Peter Gutting am 6. Juli 2018

Wackersdorf

Die Meilensteine der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung tragen ländlich-idyllische Namen: Wyhl, Brokdorf, Gorleben, Wackersdorf. Nie hätte jemand geglaubt, dass in jenen abgeschiedenen Gegenden einmal bürgerkriegsähnliche Schlachten geschlagen würden. 30 bis 40 Jahre ist das her, der Atomausstieg längst beschlossene Sache. Dennoch ist der neue Film von Oliver Haffner kein Geschichtsunterricht für die Nachgeborenen, sondern erstaunlich aktuell.

WackersdorfWütend stapft Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler) über eine Wiese im Wald. Dort, am anderen Ende, steht ein hölzerner Turm, ähnlich einem Hochstand für Jäger. Aber nicht das Wild wird von hier beobachtet, sondern menschliche Aktivitäten im benachbarten Forst. Eine Bürgerinitiative will die Heimlichtuerei um die geplante Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennstäbe, kurz WAA, nicht hinnehmen. SPD-Mann Schuierer, zu diesem Zeitpunkt noch glühender Befürworter der WAA mit ihren versprochenen 3000 Arbeitsplätzen, pocht auf das Baurecht. Für den Turm gebe es keine Genehmigung, der Turm müsse weg. Allerdings will er den Gerichtsentscheid über den Widerspruch, den die Bürgerinitiative eingelegt hat, noch abwarten. Die Ehrfurcht vor dem Rechtsstaat wird später eine entscheidende Rolle spielen. Sie ist der Knackpunkt, der Schuierer vom Befürworter zum engagierten Gegner der WAA werden lässt.

Die siebenjährige Geschichte des Kampfes gegen die WAA ist komplex. Regisseur Oliver Haffner („Ein Geschenk der Götter“) hat sich entschieden, sie zu personalisieren und an der Figur des Landrats aufzuhängen, der ein wichtiger, aber beileibe nicht der einzige prominente Vertreter des Widerstands war. Das hat Vor- und Nachteile. Zu den Vorzügen des spannenden, schnörkellos erzählten Politdramas zählen die Genauigkeit im Detail und die für sich sprechenden Episoden.

WackersdorfPolitik im damaligen Bayern ging nämlich so: An einem Sonntagmorgen – die Schuierers wollen gerade zum Familienausflug starten – bekommt der Landrat einen Anruf aus dem Umweltministerium. Ob er den Minister unverzüglich in einer Sportgaststätte treffen könne? Widerspruch undenkbar, selbst wenn der SPD-Genosse Schuierer naturgemäß kein Rädchen im Machtgetriebe des CSU-Staats darstellt. Solche Feinheiten interessieren den Umweltminister, wunderbar jovial gespielt vom Kabarettisten Sigi Zimmerschied, nicht. Er behandelt den Genossen wie einen untertänigen Gefolgsmann und hat extra, weil es anscheinend nirgendwo bessere gibt, Weißwürste aus München mitgebracht. Sie kredenzt er dem ahnungslosen Hinterwäldler in einer sehenswerten Mischung aus Arroganz und selbstzufriedener Gemütlichkeit. Über das ökonomische Gefälle zwischen der reichen Landeshauptstadt und der strukturschwachen Oberpfalz ist damit alles gesagt.

Der Nachteil einer Heldensaga mit Schuierer im Mittelpunkt liegt auf der Hand. Der Einfluss bundespolitscher Entwicklungen bleibt außen vor, und selbst vor Ort verkümmern die führenden Köpfe der Bürgerinitiative zu Nebenfiguren. Der Film erweckt den Eindruck, als sei es vor allem der innere Kampf des Hans Schuierer, der über Bau oder Stopp der WAA entschieden habe. Das entspricht natürlich nicht den Tatsachen. Eine schöne Randnotiz ist hingegen, wie Oliver Haffner die Figur der linksalternativen Aktivistin und anfänglichen Gegenspielerin Schuierers aufwertet. Er besetzt sie mit Anna Maria Sturm, bekannt aus der Heimatfilmtrilogie von Marcus H. Rosenmüller („Beste Zeit“). Die Schauspielerin ist die Tochter von Irene Maria Sturm, der prominenten WWA-Aktivistin und späteren Landtagsabgeordneten der Grünen. Anna Maria war selbst bei den Demos dabei, allerdings als Vorschulkind an der Hand ihrer Mutter.

WackersdorfDer Film vernachlässigt ausführliche Darstellung der Anti-WAA-Bewegung, die vom Pfarrer bis zu autonomen Gewaltbefürwortern reichte. Aber er rückt einen Akzent in den Mittelpunkt, der wieder sehr aktuell ist. „Das ist wie bei den Nazis“, empört sich Hans Schuierer, als die bayerische Staatsregierung unter Franz Josef Strauß den oben erwähnten Holzturm dann doch in Eigenregie abreißen lässt, ohne die Gerichtsentscheidung abzuwarten. Strauß führt später sogar eine „Lex Schuierer“ ein, um den unliebsamen Landrat auszuschalten. Ähnlich agieren auch die modernen Autokraten in Ungarn, Polen, Russland und der Türkei. Sie beugen das Recht oder schaffen den Rechtsstaat gleich ganz ab.

„Wackersdorf“ ist ein solides, schnörkelloses Politdrama, das in seiner genauen Zeichnung der bayerischen Machtverhältnisse an „Der blinde Fleck“ von Daniel Harrich erinnert, den Film über die Vertuschungsversuche nach dem Oktoberfest-Attentat. Die Personalisierung einer breiten Bewegung hat ihre Vor- und Nachteile, ermöglicht aber einen getreuen Einblick in die oberpfälzische Stimmungslage, die von den Herren aus München hochnäsig ignoriert wurde.

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Copyright: Alamode Film

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Wackersdorf

Länge: 123 min

Kategorie: Drama, History

Start: 20.09.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 123 min
Kategorie: Drama, History
Start: 20.09.2018

Bewertung Film: (7/10)

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