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Mackie Messer – Brechts 3Groschenfilm

Geschrieben von Peter Gutting am 4. Juli 2018

Mackie Messer – Brechts 3Groschenfilm

Denkt man an Bertolt Brecht in seiner Eigenschaft als Filmemacher, kommt einem wahrscheinlich „Kuhle Wampe“ in den Sinn, der Agitprop-Klassiker der Weimarer Republik aus dem Jahr 1932. Oft vergessen wird dagegen, dass Brecht auch an den kuriosen, surreal-humoristischen „Mysterien eines Frisiersalons“ beteiligt war. Die Filmgeschichte kennt somit einen dogmatisch-kommunistischen und einen verspielten, humoristischen Brecht. An letzteren hält sich der Film des Brecht-Experten Joachim A. Lang.

Mackie Messer – Brechts 3GroschenfilmZwei Verliebte fahren Ruderboot auf der Themse. Die nächtliche Szene trieft vor Romantik. Auf der Brücke macht sich eine Balletttruppe bereit, nur der Vollmond fehlt. „Ein oder zwei Monde würden genügen“, sagt Brecht (Lars Leidinger) zum Filmproduzenten Seymour Nebenzahl (Godehard Giese). Es ist eine gezielte Provokation. Die zwei Monde, die nun auf der Leinwand erscheinen, werden den Geldgeber komplett aus der Fassung bringen. So etwas werde das Publikum keinesfalls dulden. Liebeskitsch ja, aber dessen Brechung: ein No-Go.

Brecht hatte die Vision mit dem Doppelmond tatsächlich. Nach dem Riesenerfolg der „Dreigroschenoper“ 1928 schlossen er und Komponist Kurt Weill (Robert Stadlober) einen Vertrag mit der Nero-Film AG. Brecht sollte das Drehbuch schreiben und Regie führen. Aber eigentlich wollte der Theatermann etwas ganz anderes. Er hielt die Filmindustrie für eine Verdummungsmaschine und wollte sie gezielt öffentlich vorführen. Mit Illusionismus hatte der Mann, der das Theater revolutionierte, auch im Film nichts am Hut.

Mackie Messer – Brechts 3GroschenfilmSchon am Exposé zum Dreigroschenfilm schieden sich die Geister. Brecht nahm nicht nur medienspezifische Veränderungen gegenüber dem Theaterstoff vor, er radikalisierte ihn auch. In seiner Handlungsskizze wird der Ganove, Räuber und Mörder Mackie Messer am Ende zum seriösen Bankier. Er ist dafür bestens qualifiziert. Denn die schmutzigen Machenschaften des Finanzkapitals sieht man genauso wenig wie das Messer aus dem berühmten Song („Und der Haifisch, der hat Zähne“). Die Reaktion der Nero-Film AG ließ nicht lange auf sich warten. Brecht wurde die Regie entzogen. Er klagte dagegen und konnte nun im Detail vorführen, dass die Filmindustrie nur am Profit und nicht an künstlerischen Ideen interessiert war.

Daraus macht Regisseur Lang keinen Prozessfilm, sondern einen Film-im Film. Wir sehen – historisch erfrischend unkorrekt –, wie Brecht schon mal zu drehen beginnt und der Produzent immer wieder interveniert. So bekommt der Zuschauer auch den Dreigroschenfilm zu sehen, wie er Brecht laut den erhaltenen Dokumenten vorgeschwebt hatte, mit zusätzlichen Songs, leicht veränderter Handlung und vor allem einer radikalen und heute besonders aktuellen Kapitalismuskritik.

Mackie Messer – Brechts 3GroschenfilmDem Unterhaltungswert und der Faszination der Dreigroschenoper – also der Binnenhandlung des Films im Film – tut dies keinen Abbruch. Die Szenenbildner haben den Schauplatz London illusionistisch aufgehübscht, die Choreografen legen die Tanzszenen so üppig wie in einem Musical an, und die Schauspieler erweisen sich als überraschend souveräne Sänger und Sängerinnen. Ihre Interpretation der Songs braucht sich vor den großen Vorbildern nicht zu verstecken. Britta Hammelstein gibt als Seeräuber-Jenny einen ergreifenden Racheengel. Tobias Moretti verleiht seinem Mackie einen diabolisch funkelnden Willen zur gewieften Geschäftemacherei. Und Hannah Herzsprung stattet ihre Polly mit dem Machtbewusstsein einer emanzipierten Managerin aus.

Dagegen können einem die Darsteller, die nur in der Rahmenhandlung vertreten sind, geradezu leid tun, besonders der sonst so charismatische Lars Eidinger als Brecht. Er darf gemäß Langs Regiekonzept ausschließlich Sätze sprechen, die der Dichter tatsächlich einmal gesagt oder geschrieben hat, sei es in Theaterstücken, Prosa oder Briefen. Das führt dazu, dass Eidinger ständig kluge Gedanken aneinanderreihen muss, gerade auch zu Brechts Theorie des Films, die man gern einmal nachlesen möchte. Aber als Worte einer Filmfigur wirken sie hölzern. Und sie passen auch nicht zu einem Schauspieler wie Eidinger, dessen Talent eher im Widersprüchlichen, Zögerlichen und Zerrissenen liegt, nicht in der Klarheit und Entschlossenheit eines Mannes, der im politischen Streit nicht zimperlich war.

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Dreigroschenoper ist ein Meisterwerk, das seit 90 Jahren die Menschen fasziniert. Sie zum dritten Mal zu verfilmen, ist allein schon ein Verdienst, zumal wenn es so kongenial geschieht wie beim Brecht-Experten Lang. Die Auseinandersetzung des Dichters mit der Filmindustrie nachzuzeichnen, verdient Anerkennung, ist aber nicht das eigentliche Highlight dieser insgesamt gelungenen Neuinterpretation.

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Copyright: Wild Bunch

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Mackie Messer – Brechts 3Groschenfilm

Länge: 130 min

Kategorie: Drama

Start: 13.09.2018

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Mackie Messer – Brechts 3Groschenfilm

Mackie Messer – Brechts 3Groschenfilm

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 130 min
Kategorie: Drama
Start: 13.09.2018

Bewertung Film: (7/10)

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