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Deine Juliet

Geschrieben von Peter Gutting am 16. Juli 2018

Deine Juliet

Der Buchmarkt ist immer für Überraschungen gut. So landete 2008 eine Frau einen Bestseller, von der zuvor noch nie ein Kritiker gehört hatte. Auch in Deutschland war „Deine Juliet“ der US-Amerikanerin Mary Ann Shaffer ein Erfolg, unter anderem wegen der altmodischen Form des Briefromans in Zeiten von E-Mail und SMS. Der Brite Mike Newell („Vier Hochzeiten und ein Todesfall“) hat nun versucht, den Charme der Geschichte in Filmsprache zu übersetzen. Gelungen ist dies nur bedingt.

Deine JulietLondon 1946. Nur ein Jahr nach Kriegsende vibriert die Stadt vor Lebensfreude und der mitreißenden Energie des Neuanfangs. Mittendrin: die erfolgreiche Journalistin und Schriftstellerin Juliet Ashton (Lily James), die sich vor Verehrern und literarischen Bewunderern kaum retten kann. Ihre Schreibstube gleicht einem Blumenladen, sehr zur Verärgerung der Zimmerwirtin. Eine größere Wohnung könnte sie sich mühelos leisten. Doch bei der Besichtigung eines luxuriösen, geräumigen Apartments schießen der jungen Frau Kriegsbilder in den Kopf. Am hellen Fenster fehlen plötzlich die Wände, die Fassade ist weggerissen und Juliet versucht verzweifelt, ein Andenken vom Schreibtisch ihres ums Leben gekommenen Vaters zu retten, bevor der Boden wegbricht und sie beinahe in die Tiefe stürzt.

Was dem Zuschauer in aller Deutlichkeit visuell vor Augen steht – die innere Zerrissenheit zwischen Trauma und Aufbruch, zwischen Luxus und Bescheidenheit – wird im Dialog gedoppelt. Die Wohnung sei gut, sagt Juliet zu Sidney (Matthew Goode), ihrem Verleger und guten Freund, aber nicht gut für sie. Schon in den ersten Minuten unterstreicht „Deine Juliet“ eine Ästhetik, mit der der Film auch wirbt. Von den Produzenten des „Best Exotic Marigold Hotel“ sei die Romanverfilmung auf die Beine gestellt worden, heißt es in der Ankündigung. Damit sind Zielgruppe und Machart umrissen: Wohlfühlkino für die älteren Arthouse-Besucher, nicht ohne ernsthafte Anliegen, aber trotzdem leicht verdaulich. Das ist nichts Verwerfliches, aber man sollte darauf eingestellt sein.

Deine JulietVorhersehbarkeit heißt in diesem Fall auch: Um die blutjunge und lebenslustige Juliet muss dem Zuschauer nie bange sein. Da kann der reiche Amerikaner Mark (Glen Powell) noch so sehr mit Champagner, Diamanten und guten Manieren locken – die Idee mit der gekauften und in den USA zum Luxusweibchen domestizierten Nachkriegstrophäe kann er sich abschminken. Schon eher schlägt das Herz der Schönen und Erfolgreichen für einen verschrobenen Briefeschreiber von der Kanalinsel Guernsey. Dawsey Adams (Michiel Huisman) ist durch Zufall an Juliets Adresse gekommen und bittet um Buchtipps für einen Leseklub mit dem merkwürdigen Namen „Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf“. Das findet die mondäne Londonerin so spannend, dass sie alle Termine sausen lässt und das Schiff auf die kleine Insel mit ihren heute gerade mal 65 000 Einwohnern besteigt.

Es wimmelt geradeso von spannenden Themen, die den Reiz des Erfolgsromans ausmachen: der landschaftliche Zauber und der gemächliche Rhythmus des Insellebens, die verschrobenen Charaktere, die Literatur als Überlebenshilfe in schwierigen Zeiten, und vor allem die besondere Geschichte der Kanalinseln im Zweiten Weltkrieg. Sie waren die einzigen Teile britischen Territoriums, die die deutschen Truppen besetzen konnten. Unterdrücker und Unterdrückte waren auf isoliertem Raum zusammengezwungen, schon bald wurden die Lebensmittel extrem knapp.

Deine Juliet304 Seiten umfasst das Buch in der deutschen Taschenbuchausgabe. Wie manche andere Literaturverfilmung versucht auch „Deine Juliet“, so viel wie möglich davon aufzugreifen. Logisch, dass vieles nur angerissen werden kann. Für die atemberaubende Küste muss beispielsweise ein Kameraschwenk von gefühlt 15 Sekunden genügen. Auch Charme und Eigensinn eingefleischter Inselbewohner gerinnen zu karikaturhaften Skizzen. Und selbst das Zentralthema von Nazi-Herrschaft, Widerstand und Zivilcourage führt zu Bildern, die man problemlos aus jedem anderen NS-Film hätte herauskopieren können.

Aber die Zeitnot gebiert auch Glücksmomente. Zu den gelungensten Miniaturen gehören die Szenen aus dem Leseklub selbst: das leidenschaftliche Vortragen, das Leuchten der Augen und die Hitze des Gefechts, wenn über das Gehörte gestritten wird. Vielleicht hätte gerade dieser Aspekt – hätte man ihn ausgebaut – den Film über die glatte Dutzendware konventioneller Kostümfilme hinausgehoben. Und vielleicht hätte er den arthousegerecht aufgehübschten Rosamunde-Pilcher-Touch etwas weiter in den Hintergrund gerückt.

„Deine Juliet“ teilt den Mangel vieler Literaturverfilmungen. Sie packen zu viel hinein, reißen alles nur an und hetzen trotz zwei Stunden Länge dem Geschehen hinterher. Dennoch beschäftigt sich der Film mit einem interessanten Stoff und einer kuriosen Geschichte, die selbst in einer teilweise missglückten Inszenierung nicht völlig totzukriegen ist.

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Wir vergeben daher 5 von 10 Filmpunkten.

Copyright: Studiocanal

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Deine Juliet

Länge: 124 min

Kategorie: Drama, History, Romance

Start: 09.08.2018

cinetastic.de Filmwertung: (5/10)

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Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 124 min
Kategorie: Drama, History, Romance
Start: 09.08.2018

Bewertung Film: (5/10)

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