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Lomo – The Language of Many Others

Geschrieben von Peter Gutting am 8. Juni 2018

Lomo - The Language Of Many Others

Wie lassen sich Internet und soziale Medien im Film darstellen? Durch endlose Chat-Dialoge? In mysteriösen Zahlenreihen? Oder durch die sinnliche Verkörperung abstrakter Prozesse, wie es Baran bo Odar 2014 in dem Hacker-Thriller „Who am I“ versucht hat. Wirklich überzeugende Lösungen gibt es bislang nicht. Doch die Regisseurin Julia Langhof legt in ihrem Debüt ein spannendes Experiment vor. Sie überlagert teilweise die reale Ebene mit der virtuellen, sodass wie bei einer Überblendung zwei Welten miteinander verschmelzen. Das trifft einen realen Kern. Wer ständig auf sein Handy starrt, lebt tatsächlich nicht mehr vollständig in der Wirklichkeit, wie wir sie bisher kannten.

Lomo - The Language Of Many OthersEine Szene am Familientisch auf der idyllischen Terrasse. Großbürgerliches, liberal angehauchtes Ambiente. Vater: Architekt mit besten Kontakten zu öffentlichen Auftraggebern. Mutter: selbstbewusste Musiklehrerin. Dazu die vor dem Abitur stehenden Zwillinge. Die Tochter hat schon einen Plan, was sie einmal studieren will, der Sohn nicht. Er gefällt sich lieber in zynischer Verachtung von allem, was nach etablierter Ordnung riecht. Provokation der Eltern, Nummer eins: Liebt ihr euch eigentlich noch? „Natürlich“, entrüstet sich der Vater. Provokation Nummer zwei: „Habt ihr eigentlich noch Geschlechtsverkehr?“ Kichern der Mutter, fassungslose Miene des Vaters.

Die Dialoge, das erfährt der Zuschauer in einer der nächsten Einstellungen, gibt es zweimal. In der Wirklichkeit und auf dem Handy, das die ganze Zeit heimlich gefilmt hat. Sohn Karl (Jonas Dassler) wird das Video wenig später ins Internet stellen, unter seinem Alias-Namen „Lomo“, eine Abkürzung des Blogs „The Language of many others“. Dort kombiniert Karl seinen Berliner Großbürger-Alltag mit gleichartigen Szenen aus der ganzen Welt, also der „Sprache der vielen anderen“. Als Blogger ist Karl, im Gegensatz zu seinem perspektivlosen Realleben, eine ernst zu nehmende Stimme. Dort hat er zahlreiche „Follower“. Wenn er mal eine Weile nichts Neues „postet“, fordert die enttäuschte „Community“ lautstark neuen Stoff.

Lomo - The Language Of Many OthersKarl, das stellt Regisseurin Julia Langhof in einem Interview des Presseheftes klar, ist kein außergewöhnlicher Jugendlicher, selbst wenn er sich als rebellischer Außenseiter inszeniert. Das Problem, seinen Platz in der Welt erst finden zu müssen, haben viele in diesem Alter. Für Karl kommt zwar erschwerend hinzu, dass Zwillingsschwester Anna (Eva Nürnberg) den Platz der „Vernünftigen“ schon besetzt hat. Und dass der erfolgreiche Vater (Karl Alexander Seidel) die Latte für eine akzeptable Karriere des Sohnemanns einigermaßen hoch legt. Wirklich neu ist allerdings, dass sich Jugendliche von heute auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Leben nicht nur mit Menschen aus ihrem realen Umfeld vergleichen, sondern gleich mit Hunderten von „Freunden“ oder „Followern“ in den sozialen Medien, also praktisch mit der ganzen Welt. Jede mögliche Identität scheint schon vorhanden, jeder Lebensentwurf tausendmal durchgespielt.

Julia Langhof und ihr Kameramann Michal Grabowski inszenieren die neuartigen Erfahrungen des heutigen Erwachsenwerdens auf Augenhöhe. Die Bilder des „realen“ Films schmiegen sich denen der Handyfilmerei an, ohne sie komplett zu kopieren. Die Handkamera agiert spontan, arbeitet mit natürlichem Licht und gibt sich bewusst unperfekt. Sie bereitet den Boden dafür, nicht nur hin und wieder Handychats oder –filme einzublenden, sondern sie teilweise komplett mit der Ebene des „realen“ Geschehens zu verschmelzen. Auf diese Weise taucht der Zuschauer, sofern er nicht sowieso handysüchtig ist, in das Erleben einer Generation ein, die das Internet quasi mit der Muttermilch aufgesogen hat.

Lomo - The Language Of Many OthersDie Bedenken gegenüber einem besinnungslosen Umgang mit virtuellen Welten formen sich in „Lomo – The Language of many others“ erst im Kopf des Zuschauers. Inszenierung und Drehbuch vermeiden aufdringliche Symbolismen und bevormundende visuelle Strategien. Das zeigt sich selbst in der Szene, als Karl sich ganz wörtlich von seinen Followern steuern lässt. Er bekommt von einem Boten aus der Realwelt ein neues Handy nebst versteckter Kamera und Mikro. Karls Leben ist nun komplett online. Fremde, nur unter ihren Alias-Namen bekannte Menschen sehen das, was er sieht, hören das, was er hört. Um die Geräte zu testen, schließt Karl die Augen und lässt sich vom Stimmengewirr der „vielen anderen“ durch die Straßen seines noblen Berliner Stadtviertels nach Hause dirigieren. Auf der Ebene der Nacherzählung ist der Wink mit dem pädagogischen Zaunpfahl kaum zu übersehen. Doch die Visualität wird zu diesem Zeitpunkt längst von einem krimihaften Thrill bestimmt, der den Zuschauer in die Identifikation mit einem nicht gerade sympathischen Helden hineinzieht.

„Lomo – The Language of many others“ ist ein glänzend gespielter, visuell überzeugender Spielfilm über die Probleme einer Generation, die in zwei Welten lebt. Die experimentellen Bilder und die soghafte Dramaturgie helfen über einige Stolpersteine der Handlung hinweg, die dem Zuschauer im Nachhinein als konstruiert erscheinen müssen.

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Copyright: Farbfilm

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Lomo - The Language Of Many Others

Länge: 101 min

Kategorie: Drama

Start: 12.07.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7/10)

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Lomo - The Language Of Many Others

Lomo – The Language of Many Others

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 101 min
Kategorie: Drama
Start: 12.07.2018

Bewertung Film: (7/10)

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