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Liebe bringt alles ins Rollen

Geschrieben von Peter Gutting am 13. Juni 2018

Liebe bringt alles ins Rollen

Manchmal muss man wirklich verzweifeln an den deutschen Verleihtiteln fremdsprachiger Filme. „Liebe bringt alles ins Rollen“ dichten die Marketingexperten, weil es um eine Frau im Rollstuhl geht. Was soll man da anderes erwarten als eine schmalztriefende Romanze, die das Thema der körperlichen Behinderung schamlos ausnutzt und vielleicht noch immer im Windschatten von „Ziemlich beste Freunde“ segeln möchte. Aber das Debüt des französischen Komikers Franck Dubosc ist um Längen besser als sein Titel.

Liebe bringt alles ins RollenEine Landung auf dem Flughafen Charles de Gaulle. Hektisches Treiben, die Kamera schaut auf die Füße der Ankommenden. Sie heftet sich an einen Mann mit Schlangenlederschuhen. Alles nichts komplett Ungewöhnliches. Auch nicht, dass sich der gut aussehende Anzugträger auffallend oft nach hübschen Frauen umschaut. Etwas kurioser wird sein Verhalten, als er sich einer attraktiven Dame mit Abholschild als der gesuchte Geschäftsreisende vorstellt. Und das, obwohl diese nach einem Schwarzafrikaner Ausschau hält. Doch der weiße Mann lässt sich nicht abwimmeln, erfindet Notlüge über Notlüge, nur um die Frau ins Bett zu kriegen.

Warum Jocelyn, der vom Regisseur selbst gespielt wird, derartige Abenteuer liebt, erfährt der Zuschauer nicht. Der Verzicht aufs Psychologisieren zählt zu den erfrischendsten Vorzügen der federleichten Komödie. Der Mann hat halt eine Macke und keiner weiß, was ihn mehr reizt: die Frauen an sich oder die Lügenolympiade. Im Gespräch mit seinem einzigen Freund Max (Gérard Darmon) lässt Jocelyn lediglich durchblicken, dass mit den Hindernissen auch die Lust an der Eroberung steigt.

Liebe bringt alles ins RollenZum Beispiel: Wie wäre es, den Mitleidsimpuls einer attraktiven Krankenschwester auszunutzen und sich ihr als Rollstuhlfahrer vorzustellen? Kein Scherz: Als Jocelyn nach dem Tod seiner Mutter in deren Wohnung fährt, sich zufällig in deren Rollstuhl setzt und plötzlich die sexy Nachbarin Julie (Caroline Anglade) in der Tür steht, gibt sich der notorische Lügner als behindert aus. Das Problem dabei: Julie zeigt Interesse, aber nur, um den vermeintlichen Rollstuhlfahrer ihrer älteren Schwester Florence (Alexandra Lamy) vorzustellen, die tatsächlich querschnittsgelähmt ist. Damit sind die Voraussetzungen einer waschechten Screwball-Comedy komplett: das vollkommen unwahrscheinliche Paar, der Mann ziemlich verpeilt und die Frau nicht gerade auf den Mund gefallen.

Zum Glück gefällt sich „Liebe bringt alles ins Rollen“ keineswegs darin, das Genremuster nun lieblos und holzschnittartig auf ein neues Feld zu übertragen – das der körperlichen Unterschiede anstelle der Charakterdifferenzen. Franck Dubosc weiß genau, dass eine gute Komödie nicht nur vom perfekten Timing abhängt, sondern genauso sehr von der Sorgfalt im Detail und der Freude an skurrilen Überraschungen. Der Regisseur kostet die Situationskomik bis ins Kleinste aus, etwa wenn Florence den Geschäftsmann überraschend in seinem Pariser Büro besucht, wo er gerade locker auf dem Schreibtisch sitzt und mit den Beinen baumelt – von Rollstuhl keine Spur. Mit messerscharfen Dialogen und aberwitzigen Ausreden übersteht Jocelyn sogar diese Lügerei. Und der Zuschauer darf gespannt sein, welcher Affentanz durch das Versteckspiel denn noch aufgeführt wird.

Liebe bringt alles ins RollenDer Regisseur scheint geradezu besessen, sich selbst von kleinen Nebenhandlungen zu furiosen Fingerüberübungen hinreißen zu lassen. Sein größter Vorzug aber liegt darin, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Alle Figuren bergen ein Geheimnis, sind jederzeit für einen hinreißenden Gefühlsausbruch oder einen dramatischen Auftritt gut. Wer will, kann natürlich wie bei „Ziemlich beste Freunde“ eine humanistische Botschaft aus dem lebensfrohen Treiben herauslesen. Doch die filmische Strategie folgt dem Motto „Erst kommt das Lachen, dann die Moral“,jaja ganz so wie beim größten französischen Komödienhit der letzten Jahre. Vermutlich würde alles andere auch zu unerträglichem Taschentuchkino führen. Körperliche Behinderung in einer Komödie zu behandeln, erfordert eben mehr Fingerspitzengefühl als jedes andere Thema. Die Franzosen scheinen ein echtes Händchen dafür zu haben.

„Liebe bringt alles ins Rollen“ ist eine federleichte Komödie mit superheikler Ausgangslage. Neben herzerwärmenden Hauptdarstellern bietet sie das Vergnügen, einem Regisseur beim spielerischen Umschiffen zahlloser Klischeefallen zuzusehen. Den Vergleich mit „Ziemlich beste Freunde“ braucht der thematisch verwandte Kinospaß keineswegs zu scheuen.

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Liebe bringt alles ins Rollen

Länge: 107 min

Kategorie: Comedy, Romance

Start: 05.07.2018

cinetastic.de Filmwertung: (7,5/10)

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Liebe bringt alles ins Rollen

Liebe bringt alles ins Rollen

Geschrieben von Peter Gutting

Länge: 107 min
Kategorie: Comedy, Romance
Start: 05.07.2018

Bewertung Film: (7,5/10)

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